Abendlandspanik

von Falk Schreiber

Hamburg, 2. Dezember 2016. Schon das erste Bild ist ein typischer Marthaler-Moment. Bendix Dethleffsen schlurft zum Klavier und klimpert eine beschwingte Melodie. Und das Ensemble bevölkert dazu die Bühne, eine typische Anna-Viebrock-Bühne, die eine ziemlich runtergekommene Turnhalle detailverliebt zitiert, mit zerborstenen Fensterscheiben und zerschlissenen Sportgeräten. Ehrlich empfundene Musikalität auf einem nicht ganz perfekt gestimmten Instrument in ausgesucht tristem Ambiente: Man kuschelt sich in seinen Sitz und freut sich auf einen dieser klugen, melancholischen Abende, auf die sich Christoph Marthaler zumindest am Hamburger Schauspielhaus spezialisiert zu haben schien, mit Schauspielern, die unter diesem Regisseur traditionell über sich herauswachsen, Jean-Pierre Cornu, Irm Hermann, Bettina Stucky, der Marthaler-Familie. Die Familie mag manchmal ein wenig langweilig sein, aber es ist doch schön, sie hin und wieder zu sehen.

Nur dass sich die Familie in "Die Wehleider", einem nur noch strukturell mit Maxim Gorkis "Sommergäste" verbundenen Stückprojekt, der wohligen Ereignislosigkeit verweigert. Wir befinden uns in einer "privaten Spezialklinik für Angst, Depression und psychosomatische Störungen", wie die Chefärztin (Hermann als beiläufiges "Einer flog über das Kuckucksnest"-Zitat) die Patienten gleichzeitig freundlich und hinterhältig begrüßt.

Coole, muskulöse, arabische Pfleger

Die Angstpatienten sind besorgte Bürger, die fürchten, vom Fremden überrollt zu werden und sich in eine behandlungsbedürftige Abendlandspanik hineingesteigert haben. "Wir waren alle schöner, als die Welt noch gestimmt hat", klagt Josef Ostendorf. "Aber ... wir kriegen das ... wieder hin." Nein, das glaubt er selbst nicht: Die Welt ist aus den Fugen, und die Pfleger (Altea Garrido, Joaquin Abella, Haizam Fathy und Antonio Jimenez Navarro in einer hübschen, wenn auch etwas lauten Gewaltchoreographie) gehen gefährlich rüde mit ihren Patienten um. Sind das etwa die, vor denen man sich fürchten sollte? Jedenfalls sind sie jung, cool, muskulös, und arabisch sprechen sie auch noch, als sie das kartoffelige Volk unsanft auf die Matte legen.

 DieWehleider1 560 Matthias Horn uFalsche Perücke im sich falsch anfühlenden Leben: Früher waren wir schöner, klagt dieser Mann, den man immer noch als Josef Ostendorf indentifizieren kann © Matthias Horn 

"Die Wehleider" ist also für Marthaler-Verhältnisse knallhart politisch, was die eigentlich sehr zart gezeichneten Figuren manchmal grob in Richtung Karikatur verschiebt. "Meinen Physiotherapeuten soll ich teilen?", fragt entgeistert Sasha Raus überspannte Elbvorort-Schnepfe. "Wie soll das denn gehen? Den braucht man doch jeden Tag!" Und Gala Othero Winters Ernährungsfanatikerin verträgt Gluten so wenig wie Milchprodukte oder Hülsenfrüchte, Fleisch geht sowieso nicht, weswegen eigentlich nur Astronautennahrung übrig bleibt. Was freilich schwierig wird, wenn die Welt um einen herum in ihre Einzelteile zerfällt. Das Problem dabei: Solche Figuren sind in erster Linie Schießbudenfiguren, da passt es auch, dass an einer Stelle Furzwitze gemacht werden. Furzwitze! Bei Marthaler!

Antrainieren gegen das Zerfasern der Welt

Geprägt ist der Abend aber nicht vom Furzwitz, sondern vom genau getakteten Zerfasern im Liedgut. Wenn es eine Hölle gibt, dann sieht die so aus, dass man mit sanfter Gewalt zum Fitnessprogramm in überaus würdeloser Bekleidung genötigt wird, während Clemens Sienknecht ein Modern-Talking-Medley spielt. Das ist auf abgründige Weise schön – warum Sienknecht allerdings im Anschluss sein Billigkeyboard anpreist wie ein fliegender Händler einen Gurkenschäler, bleibt unklar. Vielleicht als geschickte Verzögerung des doch alles in allem recht straight konstruierten Stücks, als Hinweis darauf, dass diese fast zu offensichtliche politische Satire doch auch etwas ganz anderes heißen könnte.

DieWehleider2 560 Matthias Horn uTauziehen und Kräftemessen: die Marthaler-Familie at its best © Matthias Horn

Man könnte "Die Wehleider" nämlich auch von rechts her lesen: als Klagegesang über den Verlust europäischer Identität, angesichts der augenscheinlich virilen Massen, die da übers Mittelmeer hereinströmen. Was hat denn ein Ostendorf dem Nahen Osten entgegenzusetzen, außer einem halbherzigen "Ich bin für eine offene Gesellschaft, aber ich möchte persönlich nichts mit ihr zu tun haben"?

Da wird der Abend gefährlich, wird er zum Komplementärstück zu Karin Beiers Houellebecq-Inszenierung Unterwerfung, in der Europa sich vor allem deswegen vom Islam unterjochen lässt, weil das europäisch-liberale Gegenmodell so unglaublich unattraktiv ist. Einmal werden obszöne Lieder aus den Untiefen des Mallorca-Schlagers gesungen, "Der absolute Hauptgewinn / ist meine geile Nachbarin", da wünscht man sich einen zünftigen Dschihad, der dem Elend ein Ende macht.

Horror-Paranoia

"Befinden wir uns eigentlich vor oder nach dem Zusammenbruch?", fragt Martin Pawlowsky an einer Stelle. Gute Frage, die erst in der vorletzten Szene aufgelöst wird, ganz eindeutig – auch das wieder eine Überraschung, weil man hier eigentlich ein Verweilen im Ungefähren erwartet hätte. Zumindest wird so klargestellt, was Sache ist. Ohne zu spoilern: Als Rechtsmelancholiker wird man Marthaler nach dieser letzten Volte nicht mehr missverstehen können.

Das letzte Bild dieses verstörenden, zerfasernden, inkonsistenten Abends ist ein Schlag in den Magen: ein Berg aus Leibern, ein Wimmern, die letzten Reste von Beethovens Neunter. "Unsere schöne Humanität, um die uns alle beneideten, hatte sich in Paranoia verwandelt!" The Horror, the horror!

Die Wehleider
von Christoph Marthaler, Anna Viebrock, Stefanie Carp & Ensemble, nach Motiven aus Maxim Gorkis "Sommergäste"
Regie: Christoph Marthaler, Bühne und Kostüme: Anna Viebrock, Dramaturgie: Stefanie Carp, Licht: Annette ter Meulen, Inspizienz: Felicitas Melzer, Ton: Heiko Jooß, Christoph Naumann.
Mit: Joaquin Abella, Marc Bodnar, Jean-Pierre Cornu, Bendix Dethleffsen, Haizam Fathy, Altea Garrido, Sachiko Hara, Rosemary Hardy, Irm Hermann, Jan-Peter Kampwirth, Anne Müller, A.J. Navarro, Antonio Jimenez Navarro, Josef Ostendorf, Martin Pawlowsky, Sasha Rau, Clemens Sienknecht, Graham F. Valentine, Bettina Stucky, Gala Othero Winter.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Für Fazit auf Deutschlandradio (2.12.2016) hat Michael Laages die Premiere gesehen. Im Gespräch mit der Moderatorin Britta Bürger sagt er: Es handele sich um einen sehr "politischen Abend", ein "extrem kämpferischer und geradezu polemischer Abend". Dafür verantwortlich sei "bestimmt auch ein bisschen2 die Dramaturgin Stefanie Carp. Am Ende werde es "richtig polemisch, das ist ein Tribunal gegen das alte Europa, das es nicht geschafft hat, seine Werte zu bewahren in der Auseinandersetzung um die Geflüchteten all überall auf der Welt". Das sei "ziemlich heftig" und gehe "ziemlich unter die Haut".

Marthaler zeige, "satirisch überspitzt", eine Gesellschaft, deren Wehwehchen zum großen Teil Luxusprobleme sind, sagt Heide Soltau im NDR (3.12.2016). Dafür finde er wunderbare Szenen. Und mit der Musik setze er "wie immer" besondere Akzente. "Aber kein Marthaler ohne Längen: Die gab es leider", so Soltau. "Dem anregenden Abend fehlte der letzte Schliff."

"Auch wenn der Erkenntnisgewinn von 'Die Wehleider' nicht besonders hoch sein mag: Selten war die Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft so schön verpackt wie bei Marthaler", schreibt Anke Dürr auf Spiegel online (3.12.2016). Gerade weil man das Anliegen des Abends so schnell begriffen habe, bleibe viel Zeit, sich über Details zu freuen, so Dürr: "Wie Sachiko Hara aus ihrer Handtasche Spaghetti isst, während Gala Othero Winter die Vor- und Nachteile verschiedener Ernährungsweisen runterrappelt, bis ihr nur noch Astronautennahrung als Möglichkeit übrig bleibt." Wie großartig es aussehe, wenn 15 Schauspieler in einer Reihe, jeder seine Matratze vor sich, menschliches Domino spielen. "Mit welcher Hingabe Anna Viebrock vor allem den Schauspielerinnen für jeden neuen Auftritt andere Designeroutfits zusammengestellt hat, immer changierend zwischen Verhuschtheit und Spießigkeit."

"Dieser Abend spendet keinen Trost, aber er macht Hoffnung", schreibt Stefan Grund in der Welt (5.12.2016). "Marthaler und sein Ensemble beherrschen die inszenatorischen Mittel – neben Gesang und Tanz vor allem die Turnübung – so traumwandlerisch sicher, dass die Reise durch die Naturgewalt der Flüchtlingsströme und die Eingeschlossenen von Europa zur vollkommenen Komposition wird", so Grund: Die "Groteske" vereine alle krassen Gegensätze der Gegenwart: "Sie stellt den Eingeschlossenen den Ausgeschlossenen gegenüber, springt vom zarten Vanitas-Lied zum harten Bericht vom Tod auf der Flucht an den Grenzen."

"Seicht" fand es dagegen Klaus Irler und gibt in der taz (5.12.2016) als Beispiel: "Der junge kräftige Migrant trifft den senilen Wohlstandsbürger: Marthaler leistet sich viele Plattitüden dieser Art, überzeichnet sie und sagt damit nichts." Von Gorkis "Sommergästen" entlehnt sei "das gorkische Gelaber", ein Feuerwerk der Phrasen, das sehr ermüdend sei und zeigen solle, "wie egozentrisch, inhaltsleer und richtungslos diese Leute geworden sind". Zur Musik bemerkt Irler: "Es ist nicht immer klar, in welchem Zusammenhang die Stücke zur Handlung stehen. Dafür singen die Wehleider auf hohem Niveau." Dass das Ensemble so ein "verdammt gutes Vokalensemble" sei, beiße sich mit der These einer untergehenden Gesellschaftsschicht: "Wer so singen kann, ist nicht am Ende."

Jens Jessen von der Zeit (8.12.2016) sieht Marthaler an seiner eigenen Meisterschaft scheitern. Die Größe seiner Kunst, seine magische Physiognomik, die Gesicht und Mimik und Bewegungen und Sprechen eines Schauspielers in eine dermaßen logische Sequenz verwandele, als hätte er den Schlüssel zu dessen Letztbestimmung auf Erden in der Hand, verhindere ein moralisches Urteil. Wo Individualität in ihrer, und sei es noch so komischen, Höchstverwirklichung gefeiert werde, sei für ein solches Urteil gar kein Platz.

"Wenn im Schlussbild das ganze Ensemble in Unterwäsche auf dem Matratzenberg liegt wie gestrandete Leichname an den felsigen Küsten Griechenlands, dann unterstreicht dieses Requiem der guten Laune, dass ein großer Spaßmacher die Grenzen des Humors kennt", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (6.12.2016). So werde dieser Abend nicht nur zur Ausnahme in Christoph Marthalers Inszenierungsgeschichte, sondern auch zu einer nachdenklichen Besonderheit unter der großen Zahl von Stücken, die sich in den letzten Jahren der Flüchtlingssituation in Europa mit den Mitteln der Ironie zugewendet haben. "Die Migration des Humors ins Erschütternde ist eine Öffnung jener Grenzen, hinter denen sich so viele politische Ironiker sonst verschanzen. Lachen allein genügt eben nicht."

 
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