Ein Sportstück

von Valeria Heintges

Zürich, 2. Dezember 2016. Wir sollten über das Klettern reden. Denn Gregor Samsa klettert wie wild über die Wände und die Decke seines Schlafzimmers. Er hangelt sich am Treppengeländer hinab ins Wohnzimmer und huscht über Tisch und Anrichte. Der Clou der Inszenierung von Franz Kafkas "Die Verwandlung" am Zürcher Pfauen ist das Bühnenbild von Börkur Jónsson, der zwei Räume untereinander auf die Bühne hat bauen lassen: Unten das Wohnzimmer der Familie Samsa, oben Gregor Samsas Schlafzimmer.

Doch dieses Schlafzimmer ist um 90 Grad gekippt, so dass die Zuschauer wie die Vögel von oben hinein und auf den Unglücklichen drauf schauen. Wenn Gregor Samsa auf dem Bett liegt, dann steht Claudius Körber eigentlich davor. Und wenn er über den Boden läuft, dann hält sich Körber etwa mit Hilfe eines Stuhls in der Waagrechten. Klingt kompliziert und ist unglaublich anstrengend zu spielen. Dazu kommt: Die Wände dieses Zimmers sind übersät mit Rissen, die Körber als Haltegriffe dienen. Selten also hat eine Inszenierung deutlicher zeigen können, wie dieser Gregor Samsa zum wilden, kletternden Tier mutiert.

DieVerwandlung2 560 Toni Suter TTFotografie uFritz Fenne und Claudius Körber  © Toni Suter | T+T Fotografie

Blumen, die nicht blühen wollen

Wir könnten auch über Stühle reden. Vier Stühle stehen am Tisch; die heile Familie beim Frühstück. Als sich der Sohn verwandelt, verschwindet sein Stuhl unter dem Treppenabsatz. Als sich die Familie einen Ruck gibt und den Sohn noch einmal an den Tisch bittet, kommt er wieder hervor. Doch das Experiment geht schief, der Vater schmeisst den Stuhl aus dem Fenster. Als Herr Fischer (Fritz Fenne) kommt, den man sich als Untermieter und Schwiegersohn wünscht, muss der Gast auf dem Lehnstuhl Platz nehmen. Am Ende baut sich Gregor Samsa selbst eine Sitzgelegenheit – der Vorhang, an dem er emporklettert, wird ihm erst Stuhl, dann Todesstrick sein. Oder reden wir über die Blumen, die erst nicht erblühen wollen in dieser Kälte – und die dann doch noch erscheinen, als der Bruder endlich tot ist und die Eltern die Tochter schaukeln lassen vor dem Blumenmeer in rot, weiss, gelb, orange. Und als Nick Cave endlich singt It's spring.

Diese Inszenierung ist genau gearbeitet. Motivisch, sprachlich, aber auch bildlich, wenn die Figuren wie in das Bühnenbild hinein gemalt wirken. Die Uraufführung, sozusagen, die der isländische Schauspieler und Regisseur Gísli Örn Garðarsson mit seiner Truppe Vestur Port und sich selbst in der Hauptrolle vor zehn Jahren in London inszenierte, tourt seither um die Welt. Die Zürcher Version ist eine Umbesetzung, eine Neuinszenierung mit Zürcher Schauspielern. Man versteht diese Faszination, Garðarssons Arbeit ist eindrücklich, gewiss. Doch hat sie einen grossen Haken: Sie verschiebt den Fokus von Gregor Samsas Innenleben auf die Restfamilie von Vater, Mutter, Tochter. Übrig bleibt ein bitteres, aber letztlich kleines Familiendrama.

DieVerwandlung1 560 Toni Suter TTFotografie u Turnen, klettern, hangeln: Matthias Neukirch, Claudius Körber  ©  Toni Suter | T+T Fotografie

Eine Familie in Not

Isabelle Menke plappert als Mutter vor sich hin, um von ihrer sprachlosen Mitte abzulenken. Wenn sie den Sohn sieht und die Contenance verliert, fällt sie einfach in Ohnmacht. Matthias Neukirch ist der strikt auf Autorität achtende Vater, der Kadavergehorsam fordert – und auch willig selbst bietet. Und dann ist da Schwester Grete, die sich erst um den Bruder kümmert, ihm Essen bringt. Und ihn dann – erst ungeduldig, dann aggressiv – von sich stösst, vernachlässigt, verhungern lässt. Und schliesslich als Abschaum, als Geschwür verdammt und vehement seinen Tod fordert. Dagna Litzenberger Vinet gibt vor allem die junge Version überzeugend, die reifere, unbeschwerte, aggressive nimmt man ihr nicht ganz ab. Eine Familie in Not, mit kruden Charakteren.

Aber da ist doch bei Kafka so viel mehr. Die Kritik an den Arbeitsverhältnissen und vor allem das existentielle Leiden, das Gregor Samsa umtreibt, die grauenhaft-bedrückende Beschreibung seiner körperlichen und seelischen Qual, seiner Ohnmacht. Und diese fürchterliche Selbstbestrafung, die an Selbstverleugnung grenzt und die ihn die Schuld noch bei sich selbst suchen lässt, als die anderen längst zu sadistischen Quälern und Folterern geworden sind.

Das alles kommt an diesem Abend viel zu kurz. Denn Gregor Samsa selbst kommt viel zu kurz. Claudius Körber darf nicht spielen und kaum sprechen, er muss turnen, klettern, klimmen, sich hangeln. Das macht er gut, keine Frage – aber seit wann ist Kafka ein Autor der Äusserlichkeiten, der Gesten, seit wann schreibt er Stücke für Turner? In Zürich sieht man lediglich einen gestutzten Kafka. Einen zudem, der auch noch für billige Witzchen herhalten muss. Das wird dem Werk nicht gerecht. Und stellt nur einen äusserst schwachen Ersatz an seine Stelle.

 

Die Verwandlung
nach einer Erzählung von Franz Kafka
in einer Fassung von David Farr und Gísli Örn Garðarsson
Regie: Gísli Örn Garðarsson, Regieassistenz: Selma Björnsdóttir, Bühne: Börkur Jónsson, Kostüme: Lili Wanner, Musik: Nick Cave, Warren Ellis.
Mit: Claudius Körber, Matthias Neukirch, Isabelle Menke, Dagna Litzenberger Vinet, Fritz Fenne
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

"Garðarsson macht 'Die Verwandlung' lustig, und hier liegt der Hase im Pfeffer", konstatiert Maximilian Pahl von der Neuen Zürcher Zeitung (4.12.2016). "Denn obwohl es ihm gelingt, einen Gegensatz zum exegetischen Umgang mit Kafka zu liefern, hätten die Figuren so viel Lustigkeit nicht nötig. Auch ohne Überzeichnung bersten sie vor – zugegeben verzweifelter – Komik." Die Chance, die Sprache gegenüber Akrobatik und Slapstick stark zu machen, sei vertan worden.

"Hilfloses ­Gekrabbel im Kafka-Karton", urteilt Alexandra Kedves vom Tagesanzeiger (4.12.2016). Sie konstatiert: Karikaturen statt Figurgen, komische Drehs und platte Gags. "Als der 90-minütige Abend endlich wieder zu einer klareren, weniger klamaukigen Haltung findet, ist man fast so erschöpft wie Gregor. Garðarssons Held besiegt zeitweilig die Schwerkraft; doch seine Inszenierung lässt den Text nicht fliegen, ja, stürzt ihn streckenweise in tiefe Niederungen."

Cornelie Ueding vom Deutschlandfunk (3.12.2016) findet, es sei Gardarsson nicht gelungen, "sein Konzept, die Räume körperlich zu erforschen und die Spannungen in dem Stück räumlich darzustellen – um emotionale Beziehungen, also die familiären Binnenspannungen zu erweitern". So laufe Inszenierung wie eine "wohleinstudiere Turnkür" ab. "Oben 'Akrobat schön!', unten ein Hauch von mittelprächtigem Boulevard mit viel zu viel forcierten Gesten und schrillen Tönen." Was bleibt: eine Reihe schöner Bilder und der Eindruck, "sowohl den politischen wie individuellen Fluchtpunkt der 'Verwandlung' verpasst zu haben".

"Die Bühnenarchitektur sagt alles – der Rest ist Choreographie an der Boulderwand und Loriot-Slapstick mit doppeltem Boden", findet Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.12.2016). Die Krux des Abends sei: "Die Bilder aus der Spießerhölle sind gefällig, Gregors Kletterei im Treppenhaus atemraubend, aber Kafka wird nie auf den Kopf gestellt. Im Gegenteil: Kopfstände, Gekraxel und Gekasper verstellen den Blick auf seine Abgründe, auf Scham und Schmerz des zum Ungeziefer degradierten Menschen."

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