Gegen die Gemeinschaft

von Gerhard Preußer

Aachen, 2. Dezember 2016. Lässig, locker, völlig untheatralisch kommt der Chor auf die Bühne - wie Zuschauer, die sich auf die Bühne verirren. Sind es ja auch. Für die Aachener Inszenierung von David Greigs Stück über die Bewältigung einer ideologisch motivierten Massenerschießung, das 2013 in Edinburgh Premiere hatte, kurz darauf an den koproduzierenden Theatern in Norwegen und Wien gezeigt wurde (und 2014 den Nestroy-Preis erhielt), hat das Theater einen eigenen Laienchor zusammengestellt.

Das Konzept des Autors, das bei den ersten Aufführungen auch in Deutschland befolgt wurde, sieht vor, dass in jeder Vorstellung ein anderer lokaler Chor auftritt. Der Aachener Chor ist stärker integriert, inszeniert, Teil der fiktiven Bühnenwelt und nicht ein die Grenze zwischen Fiktion und Realität verwischender fremder Kollektivkörper.

Geschichte einer Konfrontation

Diesem Sinnbild von tröstender Gemeinschaft, von verschmolzener Vielfalt, dieser Reverenz vor der zweitausendjährigen Reflexion über das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft auf dem Theater, steht eigentlich eine ausgestoßene Einzelne gegenüber: Claire, die Überlebende eines Attentats von der Art der Massenerschießungen Anders Breiviks auf der norwegischen Insel Utøya 2011 (oder auch des Amoklaufs im schottischen Dunblane 1996). Als Pfarrerin leitet sie einen multikulturellen Chor, der Ziel des Angriffs eines Jugendlichen wird, der mit Breivik die nationalistische Ideologie teilt.

 Die Entdeckung2 560 Wil van Iersel uDer Täter (Hannes Schumacher) und die zwei Alter ego der Überlebenden (Marie Hacke, Elisabeth Ebeling) in "Die Ereignisse" © Wil van Iersel

In Aachen hat Regisseur Ludger Engels diese Konfrontation von ruhender Kollektivität und ruheloser Individualität aufgeweicht: es gibt hier zwei Claires, eine Ältere (Elisabeth Ebeling) und eine jüngere (Marie Hacke). Die eine sorgt mit sonorer Stimme für die reflektierenden und narrativen Phasen, die andere verkörpert die rastlose, monomanische Fixierung auf den Täter. Interpretatorischer Gewinn ist bei dieser Persönlichkeitsspaltung nicht auszumachen.

Sicht-Verengung bis zur Verwandlung

Der dramaturgische Kniff des Stückes besteht gerade darin, die Verengung der Sicht der Protagonistin dadurch zu zeigen, dass ihr immer nur der Täter ("Der Junge": Hannes Schumacher) gegenübersteht, auch wenn sie eigentlich mit vielen anderen über ihn spricht. Mit einem Pfarrer, einem Psychotherapeuten, seinem Vater, seinem Freund, einem Journalisten, einem Politiker (ein erschreckend aktueller Typus wie Nigel Farage, Alexander Gauland & Co), ihrer Lebenspartnerin, alle vom Darsteller des Attentäters gespielt. Claire sieht nur noch ihn.

Hannes Schumacher macht während der Inszenierung zwei Arten von Verwandlung durch: er wird vom harmlosen Jugendlichen durch fortschreitende Entblößung und Bemalung zum Berserker und er mimt alle Gesprächspartner Claires. Für diese Auskunftspersonen ohne Auskunft wählt er einen variierten, aber durchgehenden Gestus der abweisenden Arroganz. Sie verkörpern die üblichen Erklärungsmuster für das große Warum: die unglückliche Kindheit, die nationalistische Ideologie, die soziale Ausgrenzung usw. Und streiten natürlich jegliche Verantwortung ab.

Die Entdeckung1 560 Wil van Iersel uEntblößung, Bemalung, rauschhafte Aufputschung in "Die Ereignisse" © Wil van Iersel

Auch optisch wird das eigentlich auf Kargheit und Reduktion zentrierte Stück, dessen entscheidende sinnliche Dimension die authentische Harmonie der Chormusik sein sollte, ins rauschhaft Vielbedeutende aufgeputscht. Der schmucklose, beige-schwarze Probenraum, wie der Nebenraum einer protestantischen Kirche (Bühne: Christin Vahl), wird beschriftet mit Parolen aus Texten des "Jungen" (bzw. Breiviks), eine Discokugel senkt sich herab, der Junge besprüht sich bunt, baut sich eine Berserkerhütte aus Tischen und Mänteln, Claire beschmiert sich mit Graberde, die aus einem Schrank fällt, und der Chor lässt zum Abschied bunte Luftballons zerplatzen.

Versöhnung verweigert

Die eigentlichen Opfer, die getöteten Chormitglieder, kommen bei Greig fast gar nicht vor. Er zeigt die Krise, die aus der Verengung auf den Täter folgt. Claire trauert nicht um die Opfer. Sie ist selbst ein Opfer. Greigs Beschränkung hat guten Grund: die Trauer um Attentatsopfer ist privat. Die Öffentlichkeit kann nur äußerliche Trauergesten liefern. Sie sucht nach dem Warum des Täters, wie Claire. Auch hier entradikalisiert die Inszenierung das Stück: Damit man die Opfer auf der Bühne sieht, fallen mit den platzenden Ballons die Chormitglieder um. Ein mehrfachkodiertes Zeichen zu viel.

Immerhin verweigert die Inszenierung am Ende die von Greig geplante Versöhnung. Nach der erfolglosen Täter-Opfer-Begegnung Claires mit dem "Jungen" im Gefängnis soll eigentlich der Chor wieder zusammentreten und singen "We're all here". In Aachen ist da niemand mehr da. So schön gemeinschaftliches Chorsingen auch sein mag, vielleicht ist es doch nicht Trost genug für das Unerklärbare.

Die Ereignisse
von David Greig, ins Deutsche übersetzt von Brigitte Auer
Regie und Chorleitung: Ludger Engels, Bühne und Kostüme: Christin Vahl, Dramaturgie: Oliver Held.
Mit: Elisabeth Ebeling, Marie Hacke, Hannes Schumacher, Benedikt Voellmy und einem Chor der Bürger der Stadt Aachen.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theateraachen.de

 

Kritikenrundschau

"In seiner Inszenierung greift Ludger Engels mit großer Ruhe Gedanken auf, die man normalerweise bei solch einer Tat nicht zulassen würde", schreibt Sabine Rother in der Aachener Zeitung (5.12.2016). "Was Engels mit seinem Ensemble auf die Bühne bringt, ist keine Klage über gestörte Täter, aber auch kein Loblied auf bemühte Helfer." Der Regisseur meide das Laute, bleibe "sanft schockierend". Rother resümmiert: eine spannende Regiearbeit und eine hervorragende Ensembleleistung.

 
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