Kopfstöße an der Pforte zur Außenwelt

von Sascha Ehlert

Berlin, 3. Dezember 2016. Der Verzicht auf das Angebot des Brezel-Verkäufers vor dem Schiffbauerdamm fällt leicht. Lediglich 90 Minuten, so ist es angekündigt, soll der neue Wilson dauern – seine zehnte Inszenierung am Berliner Ensemble: "Endspiel". Schnell zu konsumieren, also leichte Kost? Mitnichten. Immerhin geht es in dem Beckett-Text von 1956 um das Ende unserer Welt.

Auftakt mit Hardcore-Schreien

"It's almost finished" brüllt gleich zu Beginn Martin Schneider als blinder Tyrann Hamm, der seinen militärischen Bürstenschnitt anfangs noch unter einem toten-schwarzen Umhang versteckt. Wie der Sänger einer Hardcore-Band verausgabt er sich stimmlich, während auf der Bühne das Licht an- und ausgeht, um zu verkünden welche Stunde es im Theater am Schiffbauerdamm geschlagen hat: Nur noch eine handvoll Premieren, dann ist Totentanz. Es bleibt heute Abend der einzige Witz in Bezugnahme auf das bevorstehende Ende der Intendanz von Claus Peymann.

Endspiel 560 LovisOstenrik uAm Ende aller Tage: Martin Schneider, Jürgen Holtz und Georgios Tsivanogl spielen Beckett
© Lovis Ostenrik

Noch viel mehr als für den selbstreferenziellen Rückspiegelblick würde Becketts "Endspiel" eigentlich für einen bissigen Zeit-Kommentar taugen: die Kraftproben der Supermächte, die weltweite Abkühlung auf neue Kalte Kriegstemperatur, die drohende Klimakatastrophe – in vielem sieht unsere Gegenwart nicht viel rosiger aus als die Entstehungszeit von "Endspiel". Aber diese Aktualität hätte geballt offenbar eher schlecht ins sehr akkurat festgezurrte System Wilson gepasst. Und so erfährt der Wilson-Kenner in den 90 Minuten weitgehend Wilson-Typisches in einem abgeschlossenen Kosmos, in den nur wenig Außenwelt eindringen darf.

Wie der Himmel in Hollywood

Hamm und sein mit ihm in Zu- wie Abneigung symbiotisch verbundener Diener Clov, der nicht stillstehen oder gar sitzen kann, sowie Hamms Eltern Nagg und Nell, die ihr Dasein seit einem Fahrradunfall ohne Beine in Mülltonnen fristen, befinden sich in einem großen Wilson-Raum: Alles ist weiß und leuchtend wie der Himmel in der Vorstellungswelt Hollywoods. Mobiliar gibt es keines. Zwei kleine Rechtecke ganz weit oben bilden die funktionslos gewordenen Fenster zur unwirtlichen, vor langer Zeit gestorbenen Außenwelt. Vorne an der Rampe steht eine winzige Leiter. Das war's.

Selbstverständlich ist das Ganze vom lauten, tosenden, nervenden Anfang an perfekt ausgeleuchtet. Und ein wenig clean: der Raum, die pantominenweiß angemalten Spieler auf der Bühne. Auch wenn das Verhältnis zwischen Diener und Dienstherr, sowie Sohn und Eltern wohl komponiert ist und Martin Schneider, Georgios Tsivanoglou, Traute Hoess und Jürgen Holtz Becketts verlorene Seelen klar und angemessen unliebenswert verkörpern, mitfühlen kann man mit dem Bühnentreiben nicht.

Der Umkehrpunkt und die abschmelzenden Polkappen

Das Gezeigte bleibt eine glatte Versuchsanordnung, die man weder intellektuell noch emotional auf sein Dasein als Zuschauer anzuwenden vermag. Vieles ist auf hübsches Theater gepolt, wenn Clov wie ferngesteuert immer dieselben ausgetretenen Pfade beschreitet, um seinem Herrn gerecht zu werden und regelmäßig mit dem Kopf gegen die zu niedrige Pforte zur Küche knallt – es wird zu schnell fad. Und nichts zeigt sich vom Beckett'schen Versuch, die Conditio humana zu ergründen. Zumindest in der ersten Hälfte.

Endspiel1 560 LovisOstenrik uDer Diener eines Herren: Georgios Tsivanoglou (Clov) rollt, schiebt und drückt Martin Schneider (Hamm) © Lovis Ostenrik

Zum Glück gibt es ein Aber. Denn ein wenig Bühnenmagie erweckt Wilson später doch noch. Als Hamm erkennt, dass es nun bald soweit ist und das Ende aller Tage bevor steht, verfällt er in einen aufgeregten Monolog, von dem man nur die Hälfte versteht. Ein Grollen schwillt an und eine Art Lamellen-Vorhang, der die Szenerie zur Hälfte versteckt, fällt. Dahinter sieht man Hamm weiter monologisieren, während ein grelles Licht den Vorhang auf und ab wandert.

Als er wieder hinaufgezogen wird, ist auf der Bühne wie aus dem Nichts ein Eisberg erschienen, der so plastisch und dreidimensional wirkt, dass man kurz glaubt ein Hologramm vor sich zu haben. Erst bei genauem Hinsehen erkennt man den hauchdünnen Vorhang, auf dem das Eis langsam schmilzt und immer größere Brocken für immer im Meer aufgehen. Nun versteht man auch den weiter redenden Hamm wieder. Gerade als er sagt: "Liebt euch, leckt euch!" und also dem Publikum unverhofft noch ein paar Worte mitgibt, die es auf den gefühlten "Endspiel"-Charakter unserer aktuellen Realität beziehen kann.

Der Schluss steht direkt vor der Tür. Endlich scheint Clov es zu schaffen, seinen Despoten zu verlassen. Er zieht sich seinen Mantel an, wirft sich seinen Schal über die Schultern – und tritt dann nochmal an die Rampe. Er lässt die Hose runter und grient ins Publikum, bleibt an der Seite seines Herrn, bis es schwarz wird. Nun folgt nur noch ein Schrei: "It's finished!"

 

Endspiel
von Samuel Beckett
Deutsche Übersetzung von Elmar Tophoven
Regie, Bühne, Lichtkonzept: Robert Wilson, Kostüme: Jacques Reynaud, Musik: Hans Peter Kuhn, Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen, Dramaturgie: Anika Bárdos, Mitarbeit Bühne: Serge von Arx, Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks, Mitarbeit Musik: Hans-Jörn Brandenburg, Licht: Ulrich Eh, Videoprojektionen: Tomek Jeziorski.
Mit: Martin Schneider (Hamm), Georgios Tsivanoglou (Clov), Traute Hoess (Nell), Jürgen Holtz (Nagg).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

"Alles unvermittelt, alles gehorcht einer diffusen Assoziationslogik", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (5.12.2016). "Das ist zuweilen ermüdend, es ist aber auch aufstachelnd unrund." Weil die Bühnenmittel so wenig zueinander finden, entwerfen die besten Momenten des Abends rissige Menschenbilder: eine Hand im Licht, eine losgelöste Stimme im Raum. Das "Friede unseren ... Ärschen!", in Hamms Schlussmonolog habe Wilson gestrichen, "er hat damit programmatisch auf den bösen Kommentar zu einer Kunst verzichtet, die aufs bloße Besänftigen zielt, die von Friede kündet, wo Krieg herrscht." Die "schönen Stellen", über die Hamm spottet, seien Wilson doch wichtiger.

"Raum und Zeit geraten in Schwingung. Das Licht changiert in Tönen, die man zu hören glaubt", ist Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (5.12.2016) verzückt und berückt. "Ohne jede kitschige Verspieltheit" machten Wilson und Kuhn das Ticken der Uhr fühlbar. "Keine Sentimentalität, sondern das Echo einer Welt in Aufruhr." An den designierten Intendanten des BE appelliert Schaper: "Reese, übernehmen Sie! Übernehmen Sie einige Produktionen der Peymann-Zeit. Das 'Endspiel' zum Beispiel."

Als "die endgültige Verwandlung des Stückes in eine klingende, singende, nie stockende, technisch avancierte Spieluhr, die ihr Zifferblatt verloren und dafür eine Touchscreen-Oberfläche samt Bild- und Tonarchiv gewonnen hat" beschreibt Lothar Müller die Inszenierung in der Süddeutschen Zeitung (5.12.2016) und schreibt: "Man beginnt zu ahnen, welche Sehnsucht den Regisseur Robert Wilson umtreibt, der in den letzten Jahren so viele Musicals inszeniert hat: endlich auch das 'Endspiel' in ein Musical zu verwandeln." Es stecke aber in der Musical-Sehnsucht von Robert Wilson ein Problem. Wilson müsste mit Becketts Text kämpfen, um ihm sein Musical abzugewinnen. "Er kämpft aber nicht, er streicht."

"Die große Brillanz der Licht- und Tonregie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier Abgründe überbrückt werden, indem die Form den Inhalt ständig überholt", beobachtet Simon Strauss für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (5.12.2016): "So wird zur reinen, bedeutungslosen Geste, was eigentlich als innere Haltung, vielleicht sogar als Empfindung gedacht war." Becketts eigene Regiebücher hätten mathematischen Studien geglichen, "jeder Atemzug war zeitlich genau festgelegt" – die Ähnlichkeit zum Regiestil von Robert Wilson sei verblüffend. "Und hilft doch nicht weiter", so Strauss: "Ein bisschen mehr freies Träumen, ein kleiner Herzschlag hier und da, wären in diesem Fall mehr gewesen als die 'Nachfolge' zu eigenen Zwecken."

Simone Kaempf hat Wilsons "radikalste und düsterste" Arbeit am Berliner Ensemble gesehen und schreibt in der taz (6.12.2016): Becketts weltberühmte todgeweihte Figuren setzten "düster-dramatisches Seelenfett" an. Heraus rage Jürgen Holtz' Auftritt als Nagg. "Im großen Untergang verkörpert Holtz indiskret und intim das Drama des menschlichen Alterns", so Kaempf. "Starke Szene eines Abends, dessen Spannungskurve steil nach oben führt."

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