Das Wahre im digitalen Spiel

von Geneva Moser

Zürich, 13. Dezember 2016. Was soll zeitgenössisches Theater und wo führt es hin? Dass sich das Theater selber diese Frage stellt, ist nun keine Eigenheit der Digitalbühne Zürich (früher: 400asa). Auch, dass die Digitalisierung und Virtualisierung der Welt die darstellenden Künste wesentlich verändert, hat die Digitalbühne nicht als erste und einzige festgestellt. Mit ihrer Inszenierung "Tintagiles Tod", einem interaktiven, teilweise digitalen Forschungslabor, gelingt es ihnen aber dennoch kreativ und experimentierfreudig an die ewige Schlaufe der Selbstreflexion und Selbstlegitimierung heranzutreten – vielleicht mit etwas zu hoch gesteckten Ambitionen.

Einsen, Nullen, User

Rund um den Stoff des Puppen-Dramoletts "Tintagiles Tod" des belgischen Schriftstellers Maurice Maeterlinck, 1894 veröffentlicht, erforscht die Digitalbühne Zürich traditionelle theatrale und neue digitale Erzählformen. Die Zuschauer*innen in "Tintagiles Tod" sind User. Sie bezahlen für den Besuch dieses Theaterlabors nichts. Stattdessen werden ihre Daten, in Form eines zu beantwortenden Fragebogens, für die Weiterentwicklung der Inszenierung verwendet. Geführt von einer Moderatorin (Corinne Soland) wird in fünf Akten sowohl die Geschichte von Tintagiles sinnlosem Tod erzählt als auch die sprechende Schauspielerin nach und nach durch einen Androiden ersetzt. Ganz so, wie das Maeterlinck gefordert hat. Die Erzeugung der Emotionen sei durch Schauspieler*innen gar nicht möglich, sagte der. Das Stück müsse deshalb von Puppen oder Androiden gespielt werden.

Tintagile1 560 Maria CeciliaQuadri uAnaloges vs. digitales Ich (Meret Hottinger) © Maria-Cecilia Quadri

Ein zeitgemäßer Organismus zwischen Technik und Natur

Eine unförmige Masse Lehm auf einem Podest wird also nach und nach zu einer Insel, zum Schloss einer tyrannischen Königin, zu Tintagiles und seinen Schwestern. Einfache Lämpchen, ein Ventilator, eine eiserne Tür – das ist die ganz simple, fast schon dilettantische Szenerie, vor der Meret Hottingers Handpuppenspiel und persönliche Darstellungskraft das Märchen des ermordeten Thronfolgers Tintagiles, den seine Schwestern vergebens zu schützen versuchten, erzählen. Die erforschten Erzählinstanzen beinhalten die mehr oder minder klassische Schauspielerin, die Marionette oder die aus Lehm geformten Puppe, aber auch digitale Cyborgfiguren, welche Regieanweisungen über Funk erhalten, oder projizierte, animierte Personas und schließlich auch eine Roboterfigur mit täuschend echten menschlichen Zügen.

Sie alle behaupten das wahre Ich zu sein, die evolutionär sinnvolle Mutation der sprechenden Meret, Meret 2.0, Meret 3.0, Meret 4.0 – ein zeitgemäßer Organismus zwischen Technik und Natur. Sie alle verlieren sich dabei in der Science-Fiction-Version eines akademisch-didaktischen Essays eines gleichermaßen hellsichtigen wie verschwörungstheoretischen Geistes.

Das ursprünglich intuitiv und emotional erzählte Märchen wird zur analytisch-verkopften Zeitdiagnose. Die postmoderne Metaphorik sitzt: Lehm oder hölzerne Bauklötze stehen für die Natur, welche hier als immer schon geformtes Artefakt auch Teil des technologisierten Cyborg-Organismus ist. Die Fernsteuerung der Androiden über Funk im Ohr oder die Fäden, an denen die Marionette sich bewegt, zeigen Herrschaft und Macht, auch wenn diese nicht personalisiert und zentral verortbar sind.

Ambivalente Partizipationserfahrung

Der Tod des Autors ist Konsens. Wer spricht und sprechen kann, von wo aus und womit, das bestimmt der Diskurs: Nach der Pause dann sind die "User" dazu aufgefordert, das Funktionieren unterschiedlicher Erzählinstanzen zu beurteilen, ihre emotionalen Reaktionen zu reflektieren und den kapitalismuskritischen Impetus der Inszenierung zu interpretieren. Das macht durchaus Sinn: Beispielsweise im Feststellen des Widerspruchs zwischen meinen Ansprüchen ans Theater (zeitgemäße politische und gesellschaftskritische Instanz zu sein) und meinem emotionalen Tangiert-Sein (durch die absolut traditionelle, auf emotionales Mitgehen ausgerichtete Darstellung der Schauspielerin). Oder dahingehend, dass ich die Frage, ob ich es gut finde, nicht bezahlen zu müssen und stattdessen durch Interaktion zum Abend beizutragen, klar mit "Ja" beantworten kann – es mir dann aber gleichzeitig doch widerstrebt, meine Rolle als Konsumentin zu verlassen und mich bewegen zu müssen, um einen Fragebogen auszufüllen und Einfluss auf das Stück nehmen zu können.

Tintagile2 560 Maria CeciliaQuadri uDer verstohlene Blick (Meret Hottender) © Maria-Cecilia Quadri
Weniger sinnig wird die Experimentalbühne dann, wenn weitere Räume bespielt werden, noch mehr Fragebögen ausgefüllt werden sollen, ein Skypegespräch nach Griechenland geführt wird und sich nach zweieinhalb Stunden ein erneutes digitales Experiment mit Simulationsbrille und 360°-Horrorfilm ankündigt.

Auch nur begrenzt sinnig bleibt die Überfülle an textuellen Bezügen da, wo sie als pflichtbewusste Erfüllung eines kultur-didaktischen Auftrages runtergerattert wird. Etwas Reduktion hätte "Tintagiles Tod" nicht geschadet. Auch mit etwas mehr Fokus und Kürze wäre das ehrliche (bisweilen fast schon verbissene) Suchen nach der Zukunft des Theaters absolut spürbar.

 

Tintagiles Tod

Digitalbühne Zürich

nach dem Puppendramolett von Maurice Maeterlinck
Moderation: Corinne Soland, Regie: Digitalbuehne Zurich und Der Schwarm, Konzept, Dramaturgie, Text: Samuel Schwarz, Leopold Helbich, Corinne Soland, Musik: Michael Sauter, Bühne, Kostüme: Jimena Cugat, Grafik: Manuela Murschetz, Video: Oliver Schwarz, Technische Leitung: (VR-Technik & Digital Puppeteering) Janina Woods, Mitarbeit Puppen: Elisabetha Bleisch, Produktionsleitung: Simone Häberling, Produktionsassistenz: Maria-Cecilia Quadri.
Forschungspartner: Maher Ben Moussa, Nadia Magnenat-Thalmann, Simon Senecal, Yvain Tisserand (Miralab, ISI, CUI, University of Geneva) sowie Stephan Streuber (EPFL, Laboratory of Behavioral Genetics).
Mit: Meret Hottinger sowie Special Guests VR Wanda Wylowa & Sira Topic.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, keine Pause

www.digital-buehne-zurich.ch

 

Kritikenrundschau

"Man darf gewiss fragen: wozu spielt man jetzt diesen mysterienverschatteten Maeternlinck? Aber im Fall der Digitalbühne passt es eben schon", findet Christoph Schneider im Tagesanzeiger (15.12.2016). Er glaube im übrigen, "die Leute von der Digitalbühne sind vor allem hintersinnige Spötter." Ihren partizipativen Ansatz nännten sie "die Regie der 'Schwarmintelligenz'", so Schneider, "es handelt sich aber um die geschickteste Manipulation. … Ich sah beispielsweise Menschen im Kreis auf dem Boden sitzen und unter prominenter kulturpolitischer Leitung basisdemokratisch über Belange einer androiden Ästhetik abstimmen. Es war ein Anblick von erquickender Komik."

 
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