Erinnern wir uns an vorgestern

von Christian Rakow

Berlin, 16. Dezember 2016. Ein guter Rat von Mutter zu Tochter: Lach Dir ja keinen zu gutaussehenden Kerl an. "Der Charakter ist sowieso das Wichtigste … bei einem Mann." Schmunzeln im Publikum, Anja Schneiders Kunstpause hat gesessen. Bei einer Frau, so will sie bedeuten, kann's gern anders herum laufen. Hauptsache adrett, Mädel!

Das ist Herdprämienhumor aus Großvaterszeiten. Also aus den Zeiten, als Tennessee Williams‘ autobiographisch gefärbte Familienstudie "Die Glasmenagerie" herauskam (1944). Die Hauptfigur Laura Wingfield hat das schwere Los, nicht einmal sonderlich adrett zu wirken, wie sie so daher hinkt, unscheinbar, zerbrechlich, keine Verehrer, dafür umso verliebter in ihre Sammlung Glasfiguren. Die resolute Mutter Amanda probiert ihr bestes, ein Rendezvous für Laura einzufädeln. Und treibt das arme Ding damit fast zur Ohnmacht.

Finanziert werden die beiden Frauen von Lauras Bruder Tom Wingfield, der in einer Schuhfabrik sein Geld verdient, heimlich Gedichte schreibt, sich regelmäßig mit Mutter in die Haare kriegt und längst vor dem Absprung in ein ungebundenes Leben steht, gleich seinem Vater, der die Familie vor Jahren verließ. Als Alter Ego von Tennessee Williams erzählt Tom die Erlebnisse im Rückblick.

Was war denn das für ein Rollenmodell?

Was anfangen mit dieser Reise nach Neurosenheim, in die Ära vor Elvis und seinem befreienden Hüftschwung, als Frauen noch Frauen waren und Männer noch Hallodris? Das Team um Regisseur Stephan Kimmig am Deutschen Theater scheint live mitzurätseln. In einer grünspanbefleckten Fabrikhalle (mit der Bühnenbildnerin Katja Haß Wohn- und Arbeitsort ineinander blendet) wählt man einen artifiziellen, choreographierten Auftakt und immer wieder feinsten Gegenwartspop vom Plattenspieler (von L'aupaire bis Let's Eat Grandma), um die Stimmungslage von Laura musikalisch aufzuhellen. In den heftigen Wortgefechten zwischen Tom und Amanda driftet der Abend punktuell in einen wuchtigen psychologischen Realismus, um sich beim Tischgebet vor dem Foto des verschwundenen Vaters (mit Cowboyhut) wieder maximal ironisierend abzustoßen: "Daddy, wir lieben dich!"

Glasmenagerie 560 ArnoDeclair hImmer dieses Genähe. Ich hab keine Lust mehr, Mama! – Anja Schneider und Linn Reusse
© Arno Declair

Die Dramaturgie zündet im Programmheft Nebelkerzen, wenn sie auf den Niedergang der amerikanischen Arbeiterklasse verweist. Von einem dezidierten zeitgenössischen Interesse fehlt jede Spur, echte Historisierung gibt es ebenso wenig. Am ehesten überzeugt der Abend dort, wo er mit Marcel Kohler zum Porträt des Künstlers als jungem Mann bittet: Mit konzentriertem, innerlich leicht bebendem Ton zeichnet Kohler den Poeten, der an der Arbeitswelt verzweifelt und sich vor den Übergriffen der Mutter nachts in die Welt des Kinos flüchtet.

Die Frauen, wiewohl erstklassig besetzt, schuften derweil etwas verloren an der Differenz zum antiquierten Rollenmodell. Anja Schneider – wieder zurück in Berlin und neu im DT-Ensemble – vergrößert die Herrschsucht ihrer Amanda bisweilen ins grotesk Hysterische. Und Linn Reusse ("Busch"-Absolventin 2016) verrät mit wenigen locker hingeworfenen Tanzschritten, dass Lichtjahre zwischen der souveränen Darstellerin und ihrer auf debil gepolten Figur Laura liegen. Da helfen auch die extradicke Doofie-Hornbrille und die Schlabberklamotte (Kostüme: Anja Rabes) nicht weiter.

Slapstick rettet Situationen

Als es auf die zweite Hälfte des Abends zuging, muss in Stephan Kimmig die Befürchtung übermächtig geworden sein, dass das Ganze bei aller inszenatorischen Hyperaktivität doch ziemlich staubt. Und also zog er das ultimativ letzte Ass aus dem Ärmel, Holger Stockhaus, der erst vor vier Wochen in Stuttgart mit "Raub der Sabinerinnen" Premiere hatte, sich aber nie zu schade ist, ein komödiantisches Feuerwerk abzufackeln. Selbst auf hölzernem Grund. Als abendlicher Gast Jim O’Connor schiebt er sich hinreißend verspannt herein. Die Wingfields wollen Jim mit Laura verkuppeln. Es geht nach hinten los (bei Tennessee Williams kommt es sogar zu einem angedeuteten sexuellen Übergriff; im DT bleibt's eher cosy).

Mit Stockhaus hebt der Abend doch noch ein wenig ab. In Richtung Slapstick. Alle fangen an zu extemporieren, es gibt ein paar schöne Solos (eine pantomimische Jazz-Einlage von Stockhaus himself, einen faszinierenden Robotnik-Schlangentanz von Linn Reusse zu Bronski Beat, jeweils mit Szenenapplaus empfangen). Anja Schneider plappert sich bei der Ankunft des Gasts umwerfend erregt um Kopf und Kragen.

Und dennoch. Das DT hat eigentlich gerade einen guten Lauf. Mit "Berlin Alexanderplatz", "Der Mensch erscheint im Holozän", "Fatzer", "Marat/Sade" gab es zuletzt konzeptionell anspruchsvolle, inszenatorisch überraschende Arbeiten in Serie. Das hier ist ein Rückfall in karge Zeiten. Im dramaturgischen Niemandsland ist es den DT-Schauspielern fraglos noch meist gelungen, mit individuellen Skills und Virtuosenstücken das Fehlen einer stimmigen Gesamtkomposition zu übertünchen. Mal besser, mal schlechter. Heute etwas besser.

Die Glasmenagerie
von Tennessee Williams
Deutsch von Jörn van Dyck
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Musik: Michael Verhovec, Licht: Robert Grauel, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Anja Schneider, Linn Reusse, Marcel Kohler, Holger Stockhaus.
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Die phänomenalen Schauspieler finden tief in diese Figuren hinein", so André Mumot für "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (16.12.2016). Die vier Schauspieler überzeugten in ihrem "Zusammenspiel der Liebes- und der Hassgesten, der Berührungen, Abstoßungen, des völlig unverkrampften Miteinanders". Es möge kein weltbewegender Abend sein, nicht viel mehr als eine leise Übung in Intimität und Charme. "Gemeinsam zeigen die vier Menschenmacher aber über immerhin zwei Stunden und 40 ungeheuer faszinierende Minuten, was im besten Fall passieren kann, wenn man sich auf konventionelles Literaturtheater mit vollem Herzen einlässt, wenn man sich nicht über die Figuren stellt, sondern tief in sie hineinfindet: Nah fühlt man sich dem Leben und diesen Gestalten, und nah fühlt man auch sich selbst."

Ein "Erinnerungsspiel", ein "anrührendes Illusionstheater" hat Simon Strauss gesehen und schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.12.2016): Von Anfang an sei "alles auf zarte Schlichtheit eingestellt". Man bekomme vor diesem Hintergrund "ein wahres Schauspielfest" zu sehen, "bei dem die vier Darsteller alles zeigen können, was in ihnen steckt: Der Slapstick ist unterhaltsam, die Pointen sitzen, das Gefühl der Rührung setzt im richtigen Moment ein – was man sonst vor allem aus dem Kino kennt, das sinnübertragende, gefühlsanstiftende Spiel, hier findet es einmal wieder an seinem ursprünglichen Ort statt", so Strauss. "Warum? Weil der Regisseur den Mut besitzt, die Zartheit des Stücks zart zu lassen und die Traurigkeit traurig." Nur manchmal verrate er die altmodische Sentimentalität des 1944 uraufgeführten Stückes an den Klamauk, unterlaufe mit allzu dick aufgetragener Geste den eigenen Ansatz ironisch.

Einen "erstaunlich waghalsigen Abend" hat Dirk Pilz gesehen und schreibt in der Berliner Zeitung /Frankfurter Rundschau (19.12.2016): "Williams wollte sein 1945 uraufgeführtes Stück 'in der Sphäre der Erinnerung' gespielt sehen, man könne es so 'unabhängig von aller Theaterkonvention' gestalten. Das nimmt Kimmig wörtlich: Er lässt seinen Schauspielern freie Improvisationshand, und sie nehmen das zum Anlass, sich von ihren Figuren überraschen zu lassen." Allen voran Anja Schneider: "Allzu viele Schauspielerinnen gibt es nicht, die derart entschieden die Amplituden des Daseins auszubuchstabieren wissen." Es seien die derart hergestellten "schmalen Selbstdistanzen" der Figuren, die dem Abend seine Fallhöhe, seine Dramatik verliehen, so Pilz. Man übersehe sie allerdings leicht im schwitzenden Szenengeschehen, vor allem im zweiten Teil. "Die Figuren rutschen ins Zweidimensionale, bis sie mit dem Eisberg der Verzweiflung kollidieren. In voller Fahrt, mit ganzer Wucht: schöner Scheitern für Fortgeschrittene."

"Tennessee Williams’ 'Glasmenagerie' ist 72 Jahre alt. Was also fängt man im ausgehenden Jahr 2016 damit an?", fragt Christine Wahl im Tagesspiegel (19.12.2016) und antwortet: "Stephan Kimmig überrascht dahingehend, dass er diese Frage zwar nicht recht beantworten kann, das Stück aber trotzdem mit Grandezza auf die große Bühne des Deutschen Theaters bringt."

"Mit Interpretationen, Aktualisierungen und Erklärungen hält sich der Regisseur zurück", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (28.12.2016). Vielmehr setze er auf Atmosphärisches, auf Stimmungen und Schwingungen – und auf das formidable Schauspieler-Quartett, "das aus diesem unspektakulären, stellenweise etwas öden Familiendrama einen sehenswerten Theaterabend macht". So konventionell küchenrealistisch der Abend daherkomme – er habe seine Verrücktheiten und komischen Ausreißer und verlangt manchmal ein bisschen Hingucker-Geduld, "da gibt es Zeitdehnungen, wie eigentlich nur noch das Theater sie zulässt (und aushält). Konfektionsware ist das nicht."

 

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