Samstag, 3. Mai 2008, 13 Uhr

von Dirk Pilz

Es war vor allem heimelig, fast kuschelig in Ruby Town. Zumindest am frühen Samstagnachmittag traf ich hier auf ein friedliches und schrulliges Völkchen. Hector schimpfte ein bisschen über die Soldaten, Sonia verkaufte an ihrer Bar Schnaps und Martha Rubin hockte in ihrer Kapelle zwischen Heiligenbildchen und raunte in Rätseln von einer ungewissen Zukunft. Mit Leo habe ich einen Kassettenrecorder repariert, mit Josef heimlich Südstaaten-Tabak geraucht und von einer Kollegin ließ ich mich zum Besuch im muffigen Peep-Show-Kabuff überreden, in dem es auf engstem Raum tatsächlich eine Peep-Show gibt.

Das war der einzig zudringliche Moment; sonst spazierte ich angeregt durch eine ausgebuffte Parallelwelt, in der das Spiel über Verführung und Verführbarkeit längst nicht jene Intensität wie im Dorine Chaikin Institute hatte, jene Krankenhaus-Station von SIGNA, die den Besucher letztes Jahr im Berliner Ballhaus Ost zum Patienten gemacht hat.

Dass es hier jetzt so merkwürdig lauschig ist, hat mit etwas zu tun, das in Ruby Town im Grunde keinen Platz hat: mit der Ironie, dem Koketten und manchmal Kumpelhaften, mit dem ich hier behandelt und angesprochen wurde. Vor allem von Arthur Köstler, der den Camp-Chef Leo gibt. Denn aus Leos Augen blitzten immer überdeutlich auch diejenigen von Arthur Köstler durch, als wollte er, also Arthur Köstler, mir sagen: Du weißt schon Bescheid, gell, ist halt alles nur ein Spiel.

Fluchtspalt in geschützte Gefilde

Aus seinen Blicken sprach ein Mitwissertum, das Leo nicht haben kann, aber Arthur Köstler zu kultivieren scheint. Hat er noch im Kopf, dass er mich im Dorine Chaikin Institut als Mit-Patient zum Komplizen im Sticheln gegen die Ärzteschaft verführt hat, oder habe nur ich das nicht vergessen? Und bin ich für ihn ein Theatertreffen-Zuschauer oder tatsächlich ein Besucher im Grenzland?

Wenn Leo später seine Linsensuppe löffelt und mir sagt, ich solle beim nächsten Besuch ein Huhn mitbringen, denn in Ruby Town fehle es an Eiern, bin ich mir fast sicher, dass dieser Leo sich vor allem einen diebischen Spaß daraus macht, als Arthur ein Leo zu sein, zu dem Arthur wiederum vor allem ein ironisches Verhältnis pflegt.

Diese Ironie ist der Riss in der vermeintlich geschlossenen Fiktion von Ruby Town, der Spalt, durch den ich immer in die sicheren und geschützten Gefilde des Zuschauers schlüpfen kann. Mit Leo konnte ich Samstag Nachmittag deshalb bestens flunkern, weil ich selbst zwar Leo angesprochen, aber Arthur Köstler gemeint habe. Auch das ist ein Spiel, allerdings nicht jenes gefährliche, umstürzlerische, aufwühlende, das Ruby Town vorgibt zu erzeugen.

 

Zur Übersicht: Neues aus Ruby TownSigna beim Berliner Theatertreffen 2008.

 
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