Wir müssen frei sein

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 12. Januar 2017. "Ja, war ganz nett" – "Ein seltsames Stück" – "Ich fand's interessant!" – "Hm". So kommen die fünf Schauspieler*innen in ein typisches "Nach dem Theater"-Gestammel, als sie ihre Marionetten von den "Zuschauersesseln" erhoben haben. Die Miniatur-Puppen-Sessel waren auf der Bühne des HAU 1 aufgebaut als nullte vor der ersten Zuschauerreihe.

Mit dem Publikum zusammen haben die Schauspieler*innen-Puppen sich ein Theaterstück angesehen, in dem es um die Heimkehr einer Revolutionärin ging. Von einem deutschen Wohnzimmer-Idyll mit Zugvogel-Tapete und netter Familie ist sie in den kolumbianischen Dschungel auf- oder ausgebrochen, um im Guerilla-Kampf mitzumischen. Nachdem Guerilla und Regierung sich nach jahrzehntelangen Kämpfen auf einen Friedensvertrag geeinigt haben, fährt sie heim. Schnell gesellt sich eine Entfremdung dazu zwischen der eher desillusionierten Kurzzeit-Revolutionärin und ihrer mit unübersetzbar unterschiedlichen Realitäten ringenden Familie. Bevor es eskaliert, geht man gemeinsam ins Kino. Befriedung durch Ablenkung, funktioniert doch – zumindest im Kleinen – zuverlässig.

loderndesleuchten 560 DorotheaTuch uStück im Stück im Stück: "Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht" © Dorothea Tuch

Wir befinden uns jetzt im Stück im Stück im Stück. Natürlich geht es auch in dem Film, den sich die deutsche Theater-Familie anschaut, um Notwendigkeit und Scheitern revolutionärer Auflehnung oder, wie die kleine Schwester voll naiver Wut sagt: "Irgendwer wird immer ausgebeutet." Denn die ihre Verschachteltheit durch Schmissigkeit aufwiegende Inszenierung "Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht" des dem HAU-Publikum bereits aus Lilienthal-Zeiten bekannten argentinischen Theaterautors und -Regisseurs Mariano Pensotti eröffnet ja ein Festival zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution. "Utopische Realitäten" heißt es, weil man der kurzen Aufbruchstimmung nachspüren will, die auf die Revolution folgte und schnell zunichte gemacht wurde, nicht erst von Stalin.

Vom Opfer zum Täter

Als Gallionsfigur für dieses Anliegen eignet sich sehr gut Alexandra Kollontai, die dann auch gleich im erweiterten Titel des Festivals vorkommt "100 Jahre Gegenwart mit Alexandra Kollontai". Klingt ein bisschen kitschig? Ist es auch, genauso wie die HAU-Feuerzeuge mit der Aufschrift "Feminist", die zum Mitnehmen überall rumliegen. Trotzdem ist es durchaus von Wert , Alexandra Kollontai näher kennenzulernen. Frauenrechtlerin, die von der Revolution in die Politik geschwemmt wurde, in Sachen Gleichberechtigung vieles anstieß, was heute nicht nur in Russland wieder utopisch anmutet und sich bis in die 50er Jahre als Diplomatin durchschlug, mindestens einmal, im Winterkrieg zwischen Russland und Finnland, Frieden stiftete.

Kollontai ist Forschungsgegenstand der argentinischen Historikerin Estela, die auf der ersten Ebene von Mariano Pensottis Inszenierung von desinteressierten Studenten frustriert und ihrem Mann betrogen wird und nach einem nicht wirklich überzeugenden Selbstmordversuch zur Ablenkung von ihren Freunden ins Theater geschleppt wird – wo ihr in dem Film, den die deutsche Familie sich anschaut, Alexandra Kollontais Enkel begegnet, der irgendwo bei Buenos Aires als Stripper und Security-Typ einer Firma arbeitet, in der Frauen unter katastrophalen Bedingungen Matrjoschkas produzieren. Irgendwer wird immer ausgebeutet, da hat die kleine Schwester schon recht. Und manchmal ist es nicht irgendwer, sondern jemand, der mit jemandem verwandt ist, den man kennt oder gar verehrt. Und dann wird der auch noch vom Opfer zum Täter. Mensch, ist das kompliziert.

Utopie als Erinnerung

Mariano Pensottis Kunstgriff besteht also darin, die Kunst – das Theater, den Film – das Unterbewusstsein abbilden zu lassen. Pensottis Figuren begegnen immer wieder dem eigenen Abbild, auf allen drei Ebenen spielen dieselben fünf Schauspieler*innen. Sie können sich ihren Themen nicht entziehen, erst recht nicht, wenn sie gezielt nach Ablenkung suchen. Es bleibt ihnen, sich als Zuschauer zu distanzieren, nicht ins Gespräch zu kommen über das, was sie gerade gesehen haben. "Ein seltsames Stück", sagt Estela.

Genau andersherum wird das Pferd in "Eternal Russia" aufgezäumt, der furiosen zweiten Eröffnungs-Inszenierung der "Utopischen Realitäten" von der Theaterkritikerin und Kuratorin Marina Davydova und Bildenden Künstlerin und Intendantin des Moskauer New Space Theatre of Nations Vera Martynov. "Die faschistische Ideologie ist das Ergebnis einer faschistischen Ästhetik", verkündet "der russische Revolutionär", der durch 100 Jahre führt. Es beginnt und endet in einer Echokammer namens "Eternal Russia", von der aus drei Ausflüge in Utopie-Räume unternommen werden. Allerdings ist die Utopie, immer wenn das Zuschauergrüppchen durch Treppenhäuser und Gänge des HAU-3-Gebäudes geschnauft ist, immer schon nur noch in der Erinnerung des zunehmend verbitterten Revolutionärs vorhanden.

In Utopie 1 befinden wir uns in einem für Moskau entworfenen Klubraum mit allerlei avantgardistischer Kunst an den Wänden, der dort nicht mehr realisiert werden konnte; der Revolutionär ist vor den Bolschewiken nach Paris geflüchtet. Dort hält er als Fatalist auf Probe von einer Leinwand herab eine Einführungsvorlesung über die bisherigen Geschehnisse, bottom line: "'In Russland ist nichts unmöglich – außer Reformen.' Oscar Wilde."

Wie im Zarismus, nur geschmackloser

In Utopie 2 befinden wir uns in einem unbekannten Dunkel, durch das nur ab und zu ein Suchscheinwerfer schneidet. Gegen diesen größeren Widerstand beschwört der Revolutionär, jetzt nur noch als Stimme vernehmbar, den Geist der russischen Avantgarde mit all ihren radikal Freiheit suchenden Verrücktheiten – er erzählt unter anderem von einem Unsterblichkeits-Experiment – die Stalin systematisch vernichtete, um Platz zu machen für die restaurative Ästhetik, die seine Alleinherrschaft möglich machte. So der Revolutionär.

eternalrussia 560 DorotheaTuchUtopie Nr. 1 in "Eternal Russia" © Dorothea Tuch

Ebendiese Ästhetik wird beim folgenden Intermezzo in der Echokammer sichtbar gemacht, wo die prärevolutionären Dienstboten, die zwischendurch verschwunden aka befreit waren, wieder alert bei der gedeckten Festtafel bereitstehen, die zu einem riesigen Stalin-Porträt aufblickt. Kriegslüsterne Karikaturen zeigen erfrierende deutsche Soldaten. Die revolutionären Volkssymbole – Pantoffeln, landwirtschaftliche Geräte – sind noch da, allerdings nur noch haufenweise auf einem unbeleuchteten Sockel in der Ecke. Eine Venus-Statue aus Vorrevolutionszeiten räkelt sich auf eine stilisierte Korngarbe gestützt. Kitsch pur oder, wie der Revolutionär sagen würde: "wie im Zarismus, nur geschmackloser".

Putin übertrifft Stalin in seiner Selbstfeier

Ganz anders drauf sind die nackten Frauen in Utopie 3, die Anna Kollontai und die sexuelle Revolution feiert – in einem verspielten Stummfilm, der von der nudistischen Bewegung "Nieder mit der Scham" erzählt. Die Frauen fangen an sich auszuziehen und stecken die Männer an. Immer größer wird die Gruppe der Nackten, die durch Moskau tollen und zwischendurch in einem Park zu Tableaux vivants erstarren, sich selbst ein Denkmal setzen. So wird Fallhöhe hergestellt zu den Informationen, die im Abspann ins Heute verweisen: So fortschrittlich Russland apropos Gleichberechtigung in den ersten Jahren nach der Revolution war – Homosexualität wurde legalisiert, Abtreibung erlaubt – so fortschrittlich ist es heute in der Abschaffung ebendieser Werte, Stichwort: "Gesetz zum Verbot homosexueller Propaganda".

In der Echokammer wird’s final noch greller, Putin übertrifft Stalin in seiner Selbstfeier als potenter Herrscher; aber da dürfen wir auch nicht bleiben und uns als temporäre Theater-Russen selbst leid tun – durch den "Emergency Exit" werden wir rausgeschmissen in den schnöden Berliner Winter, in dem wir immerhin den Luxus haben, der russischen Revolution beim Festivaleröffnungsempfang zum 100. zuzuprosten und später darüber zu sinnieren, wer lauter zu uns gesprochen hat: der Revolutionär aus "Eternal Russia", der sagt, dass Putins "neues rechtes Projekt" ihm den Glauben an die Menschen endgültig ausgetrieben hat – oder Mariano Pensottis Estela, die sich nach ihrem Theaterbesuch doch noch in einer utopischen Träumerei ergeht, in der alles gut wird. Im Kleinen. So dass sie wieder in der Lage ist die großen Worte zu sprechen: "Wir müssen frei sein". Und ihre Marionette fallen zu lassen.

Noch interessanter ist aber wohl die Frage, wie wir einen europäischen Echoraum nach dem Vorbild von "Eternal Russia“"ausstaffieren würden/müssten. Und ob das überhaupt möglich wäre.

 

Utopische Realitäten

Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht
Text und Regie: Mariano Pensotti, Bühne und Kostüme: Mariana Tirantte, Musik: Diego Vainer, Licht: Alejandro Le Roux.
Mit: Patricio Aramburu, Esteban Bigliardi, Inés Efrón, Susana Pampin, Laura López Moyano.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Eternal Russia
Konzept / Text / Regie: Marina Davydova, Bühnenbild / Video: Vera Martynov, Musik: Vladimir Rannev, Kamera Film “Utopia 3“: Alexey Shemyatovsky, Veniamin Illyasov, Lichtdesign: Marc Zeuske, u.a.
Mit: (Schauspieler Film “Utopia 1“ & Stimme “Utopia 2“) Sergey Chonishvili, (Performer*innen Film “Utopia 3“) Tina Benko, Valery Borisova, Konstantin Bogomolov, Konstantin Chelkaev, Sergey Epishev, Monica Gentile, Marcela Giesche, Alexey Kokhanov, Sonya Levin, Anna Nebo, Gleb Puskepalis, Serapfima Skorodelova, Andrey Stadnikov, Alexandra Ursuliak, Pavel Vashilin.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

"Ambitioniert" findet Doris Meierhenrich "Eternal Russia" in der Berliner Zeitung (14.1.2017), "perspektivisch und gedanklich (…) allerdings allzu eng bemessen". "Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht" dagegen nehme "wunderbar spitzfindig" den im Festivaltitel steckenden Widerspruch zwischen Utopie und Realität auf.

Einen starken Festivalauftakt hat Patrick Wildermann gesehen und hebt im Tagesspiegel (14.1.2017) aus "Eternal Russia" die Video-Lecture in Utopie 1 hervor, in der Sergey Chonishvili "sehr klug und pointiert durch Jahrhunderte russischer Befindlichkeit" führe und zeige, "wie gewachsene Herrschaftshörigkeit und fehlendes emanzipiertes Bürgertum echten Veränderungen stets im Weg standen". Mariano Pensottis "tolle Arbeit" "Leuchtendes Lodern..." dagegen mische Puppenspiel, Stück-im-Stück und Film – "was so selbstironisch wie ehrlich forschend die Suche der russischen Avantgarde nach neuen Formen aufnimmt".

Davydovas Parcours ist ein "bitterer Kommentar zum Jubiläum der glorreichen Oktoberrevolution", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (14.1.2017). "Der bolschewistische Putsch vom Oktober 1917 markiert für Davydova den Beginn der Konterrevolution, die anarchistische und demokratisch-sozialrevolutionäre Bewegungen abwürgte."

Marina Davydovas "multimedialer Raumparcours" mit dem Titel "Eternal Russia" ist für Kerstin Holm von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.1.2017) "zum künstlerischen Hauptereignis" des Festivals "Utopische Realitäten" am HAU geworden. "Die zweistündige Vorstellung ist ebenso poetisch wie didaktisch, man kann nur hoffen, dass sie, wie geplant, auch in Russland gezeigt wird."

 

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