Die Welt und die Wahrheit, die Kunst und die Wahrheit

von Matthias Schmidt

Jena, 13. Januar 2017. Ein Projekt war angezeigt. Mit hohen Ambitionen. Von gesellschaftlicher Relevanz. Philosophisch tiefgehend. Auf der Suche nach der Utopie, der wahren Alternative, der linken, selbstredend. Ein intellektuelles Aufbäumen gegen die, die plump vorgeben, eine zu sein.

Zu sehen war eine niederschmetternd enttäuschende Kopfgeburt, einem Bühnenstück so ähnlich wie ein Elefant einer Mücke. Ein dramaturgisches Tohuwabohu, das die vereinzelt auftretenden stimmungs- und gehaltvollen Momente unter sich begrub. Zu sehen waren peinlich-fragwürdige Bildmetaphern wie das gefühlt minutenlange Gruppen-Kotzen (in expliziten Film-Nahaufnahmen), zu dem gesagt wird "er muss kotzen, wenn er Demokratie hört". Bildkalauer a la "sich (an einem Stein) die Zähne ausbeißen".

Dazu wohlfeiler Spott über alle, die anders ticken, die keine "Guten" sind, die Angst wovor auch immer haben. Oder auch nur Tüten-Popmusik im Autoradio hören. Kurzum über alle, die der Autor für "Arschlöcher" hält. Ho, ho, ho, die führen wir jetzt aber mal gewaltig vor, die Wut- und die Reichsbürger und die Landeier und die Spießer und die Flüchtlingsgegner. Der ideologische Zeigefinger ist zeitweise so hoch erhoben, als wolle er das Theaterdach anheben. Daran mag manches recht sein, vieles aber ist vor allem billig. "Mein süßes Unbehagen", so heißt das Projekt von Hannes Weiler, das gestern in Jena stattfand, blutspritzend und herumballernd, ist ein spätpubertärer Theaterrülps, getarnt als cooler Avantgarde-Trash.

Theater im Film im Theater

Exakt zwei Stunden dauerte der Abend bereits an, als die Schauspieler, die – warum auch immer – Schauspieler in einem Filmprojekt spielen, damit anfingen, sich über Utopien zu unterhalten. Zu diskutieren, zu streiten. Das war der Moment, in dem erstmals richtig zu begreifen war, was Weiler in einer "Themenskizze" auf dem Programmzettel postuliert. Aus der großen Utopie ist ein Unbehagen geworden. Ein trauriger Tatbestand, dem kaum jemand widersprechen wird. Ob es süß ist, sei's drum. Darüber nachzudenken, damit zu spielen, das war der hehre Vorsatz. Herausgekommen ist, bis zu diesem Moment und danach gleich wieder, vor allem ein großes Gehampel und Geschwafel. Mit ein bisschen Adorno hier und ein bisschen Pontius Pilatus da, voller Zitate und Verweise (eine Art Wissensquiz für Graduierte und Besserdenker) und mit einer Rahmenhandlung, die anfangs originell erscheint, im weiteren Verlauf aber immer hanebüchener wirkt.

Unbehagen1 560 JoachimDette uIlja Niederkirchner, Jan Hallmann, Anne Greta Weber, Ruben Müller, Klara Pfeiffer © Joachim Dette

Der Abend beginnt auf einer Kinoleinwand. Ein Filmabspann läuft. "Und weht der Wind" heißt das Werk, Peter Bohnenzange der Regisseur. Toller Abspann, nebenbei gesagt. Eine Podiumsdiskussion mit den Schauspielern folgt. Das Gespräch ist hohl, die Antworten so plump und blasiert wie die Fragen. Eine Parodie inklusive Selbstironie – die Schauspieler genießen es, im Saal wird viel gelacht. Dann dreht der Wind (!), Signalwörter fallen. Algerien. Araber. Moschee.

So dünn also ist das Eis geworden, dass Kleinigkeiten genügen, um die politische Gegenwart zu spüren. Das Unbehagen ist da. Darüber reden wollen wir lieber nicht. Ein weiterer Film wird vorgeführt, "Zeitenwende", aber schnell bricht er ab. Weil der Film nicht fertig wurde, heißt es, der Regisseur sei daran gescheitert (Zähne ausgebissen!). Dafür arbeiten die Schauspieler plötzlich hinter der Leinwand an dem Film weiter. Ein verwirrendes Konstrukt, formal weder logisch noch glaubhaft. Mal gibt es Live-Videos von der Hinterbühne zu sehen, mal wird geprobt, mal gespielt, mal auf dem Klo philosophiert, immer wieder aber laufen auch fertige Filmszenen auf der Leinwand. Gelacht wird weiterhin viel, alles wirkt irgendwie komisch, vieles unfreiwillig. Es ist ein großes Gelaber über die Welt und die Wahrheit und die Kunst und die Wirklichkeit, verpackt in ein wirres Hin und Her zwischen den Ebenen.

Das Projekt als Performance

Bei all dem herrscht enorme Spielfreude, das muss man dem Ensemble danken. Das ist ja überhaupt das Schöne am Theater, dass man sich an irgendetwas immer erfreuen kann. Sie besteht vor allem darin, dass selbst die abstrusesten Ideen im großen Kauderwelsch mit größtem Ernst vorgetragen werden. Oft regelrecht pathetisch. Ein toter Dompfaff wird präpariert und bestaunt, von japanischen Dickschnabelkrähen berichtet, die auf Zebrastreifen die Straße überqueren. Odin tritt auf, Wagnerdämmerung. Jesus ist dabei, natürlich, der Vater ein Syrer.

Unbehagen3 560 JoachimDette uKünderin im Micky-Maus-T-Shirt: Sophie Hutter © Joachim Dette

Völker, hört die Signale! Es wird gekleckert und geklotzt, in Themen und in Farben. Es wird gemalt und geschmiert, das Projekt als Performance. Der große Zusammenhang aber, den es behauptet, er stellt sich nicht her. Es ist und bleibt eine wilde Hatz. Man mag darin vielleicht erkennen, dass so das (mediale) Leben heute nun einmal ist, eine bunte Facebook-Timeline aus Nachrichten und Fakes, aus Wissen und Witzen, Bildern und Blödsinn. Auf der Theaterbühne ist es ein Graus.

Mein süßes Unbehagen!
Ein Film- und Theaterprojekt von Hannes Weiler
Regie: Hannes Weiler, Bühne und Kostüme: Florian Dietrich, Kamera: Arian Wichmann, Dramaturgie: Friederike Weidner.
Mit: Roland Bonjour, Leander Gerdes, Jan Hallmann, Sophie Hutter, Ilja Niederkirchner, Klara Pfeiffer, Anne Greta Weber, Live-Kamera: Ruben Müller, Farsi-Synchronisation: Bahira Ahmadi, Khashayar Zandyavari.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.theaterhaus-jena.de

 

Kritikenrundschau

Den Titel des Abends könne auch das Publikum für sich reklamieren, meint Angelika Bohn von der Thüringischen Landeszeitung (16.1.2017). "Schließlich scheint zwischen den dunklen Wolken der von der Generation Narziss als immer bedrohlicher und hoffnungslos beschriebenen Realität immer mal die Sonne auf Schauspielkunst und Erfindungsreichtum." Ohne zu viel verraten zu wollen, spoilert sie: "So lakonisch wurde wohl noch nie gezeigt, woran Heilerde und Heilsversprechen am Ende immer scheitern."

 

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