Woran die Frau zu tragen hat

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 14. Januar 2017. "Alles muss raus" – nicht bloß die Ware aus dem Outlet-Store. Auch der gesammelte Widerwillen wird ausgekehrt. Elfriede Jelineks Auftragswerk für Wilfried Schulz’ Schauspielhaus mit dem verspreizten Titel "Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)" schmiegt sich mehr als nur vage ihrem Münchner Maximilianstraße-Stück an und spielt mit dem Image von Düsseldorf: nicht Kunstakademie, sondern Königsallee. Politur der Oberfläche. Kleidung als "Beschriftung" des Körpers fördert den Kult um ihn. Ähnlich wie in Jelineks "Sportstück" dient die Mode als Metapher für etwas, das mit Gewalt ins Leben eingreift. Sie "ist das Vergangene, das immer neu als Zukunft verkauft werden muß" – und den Wunsch nach Unsterblichkeit ausdrückt. Die Kränkung aber gehört zum Kauf, weil das erworbene Objekt nie erfüllt, was es dem Subjekt suggeriert. Die Frau (der Mann wohl auch) folgt, lustvoll ergeben oder aufbegehrend, dem Schönheitsdiktat.

Ist hier wer auf dem Holzweg?

90 Seiten elastisch gedehnter Fließtext tasten sich vor und verbohren sich – manisch, rhetorisch, repetitiv – in den Wahn vom Neuen oder Nachhaltigen, in den vom Habenwollen ("Kleidung ist immer: Wenn wir das vorher gewusst hätten!"), Verschleudern und Verschleißen. Der Stoff geht Jelinek nicht aus. Sie wickelt ihn auf, franst ihn aus, spult ihn ab – wie Ariadne, wobei sie das Labyrinth der Sprache gar nicht zielführend gangbar macht, sondern als System der Verzweigung und Verirrung darstellt.

Im wiederholt Gesagten verzerren sich Genuss und Konsum und die Kategorien von Natur und deren kultureller Verbildung in der Mode und ihrem Jargon. Jelinek redet über Billig- und Massenhersteller, Baumwoll-Produktion in Indien, Fronarbeit für Designer-Labels, heideggert, beruft sich auf Roland Barthes, setzt Kant ("Die Einbildungskraft ist ein Vermögen der Anschauungen auch ohne Gegenwart des Gegenstands") ins Verhältnis zu Gisele Bündchen, bewertet die Schwäche des Euro, ätzt darüber, was Yamamoto und Kawakubo derzeit entwerfen. Und variiert die auch Botho Strauß geläufige platonische Einsicht, dass wir das Abbild für die Wirklichkeit halten.

lichtimkasten1 560 Sebastian Hoppe uJelinek-Lookalikes im Shoppingwahn: Lou Strenger, Tabea Bettin, Karin Pfammatter, Claudia Hübbecker, Judith Bohle, Manuela Alphons © Sebastian Hoppe

Jelineks (ab-)schweifende Texte, die organisiert, gegliedert, in Figuren und Situationen aufgelöst werden wollen, sind Suchbewegungen. In Düsseldorf beginnt es, indem Taschenlampen durchs Unterholz huschen: Ist hier wer auf dem Holzweg? Als "Kasten" steht auf der Central-Bühne ein von Vorgarten-Gebüsch umwachsener Bungalow-Riegel mit Glasfront: Halt und Haus für sechs Frauen plus einem Mädchen zwischen zehn und siebzig und einer Kollektion aus Kleidern, Mänteln, Röcken, Blusen, Fell und Tierbalg. Wir gehen mit den Damen in die Häschen-Schule und auf den Catwalk, wo sich sechs Jelinek-Perücken-Doubles entlang ihrer wechselnden Frisur-Phasen präsentieren, bekommen einen Bären aufgebunden, dürfen uns fuchsen. Jan Philipp Gloger arrangiert eine Revue – neckisch, munter, schmerzlos ironisch.

Man spürt: die große Geste, den weiten Atem, die radikale Selbstanalyse

So geht es lange – gut in Form und mit gelenkigen Soubretten. Lou Strenger veropert im Kleid mit Che-Guevera-Konterfei ihre Klage. Karin Pfammatter stranguliert sich mit einem japanischen Löcher-Pulli. Claudia Hübbecker als Rokoko-Kant pingpongt mit dem Jägersmann vom Todtnauberg. Tabea Bettin spricht ein zartes Verzweiflungs-Solo über Kartons mit Klamotten. Ein Smalltalk-Trio ignoriert die Attacke und Revolte der minderbemittelten Klasse auf ihre Terrasse. Oft geht hinter den Panorama-Scheiben der Vorhang auf, der Vorhang zu – wenige Fragen bleiben offen.

lichtimkasten3 560 Sebastian Hoppe uIm Kasten: Tabea Bettin, Karin Pfammatter, Lou Strenger, Claudia Hübbecker © Sebastian Hoppe

Das Ökonomische, Ökologische, Politische und Soziale nebst mythischen Verweisen auf Dionysos, Amfortas, Troja und den Zeus-Clan ist oft auf Pointe gesetzt und einen Kalauer wert, wobei Jelinek sich ihr "Unwesen mit der Sprache" gleich ankreidet. Allein, es ist einer ihrer imponierend persönlichen (anti-)dramatischen Texte. Man spürt: die große Geste, den weiten Atem, die radikale Selbstanalyse – mit ungewissem Ausgang zwischen den Gegenpolen Sinnlichkeit und Verstand.

Eine Ver-NICHT-ungs-Maßnahme

"Das Licht im Kasten ..." muss man auch lesen als bibelfesten Traktat, als Exorzismus und Tragödie, die sich bekümmert um das Menschenwesen: Was ist – angesichts der Missbildung von Kommerz und Konsum – überhaupt der Mensch in seiner (vermeintlichen) Einmaligkeit? Jede idealistische Haltemarke in dieser Bewusstseins-Flut wird von Jelinek umgewälzt und gefiltert, bis sie als beißend grotesk erscheint. Ihre aufgeräumt chaotische Skepsis lässt nichts unangetastet: eine Ver-NICHT-ungs-Maßnahme. Auch gegen sich selbst, die "Nichtssagende". Als spräche sie mit sich und von sich, als alte Frau, die dem eigenen Dasein entwächst, sich nicht mehr zurechtfinden, sich ins Verschwinden und Verstummen erlösen will.

Die letzte halbe Stunde in Düsseldorf lässt das zu, todkomisch und traurig. Manuela Alphons erleidet ihren gebrochenen Monolog vor einer Buchstaben-Wand, deren Schrift heranzoomt, bis sie optisch entwischt. Die Bungalow-Bewohnerinnen sind nun Trauernde im Totenhaus mit Jägerzaun, das ein Mendelssohn-Choral durchklingt. Die Schwärze hat das Licht gefressen.

Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!) (UA)
von Elfriede Jelinek
Regie: Jan Philipp Gloger, Bühne: Marie Roth, Kostüme: Esther Bialas, Musik: Kostia Rapoport, Dramaturgie: Felicitas Zürcher.
Mit: Manuela Alphons, Tabea Bettin, Judith Bohle, Claudia Hübbecker, Karin Pfammatter, Lou Strenger sowie Julia Barns bzw. Tanja Vasiliadou.
Dauer: zwei Stunden ohne Pause.

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

In Fazit auf Deutschlandradio (14.1.2017) sagte Ulrike Gondorf (nach der schriftlichen Version auf der Website des Deutschlandradios): Ein "elegantes Stück", das "seine Traurigkeit" mit einer "bunten Oberfläche" kaschiere, die Textfläche verhandele sich selbst im Thema Mode. Gloger greife die verschiedenen Tonlagen des Stücks auf, "Mut zur Klamotte" stehe neben "hoch differenzierter Kopfarbeit" im Umgang mit dem Text. Das Ganze wirke "flüssig und musikalisch". Das Damenensemble bezwinge die "Textgebirge" mit "Witz, Präzision und Leichtigkeit". Leuchtend.

Dorothea Marcus schreibt auf der Website des Deutschlandfunks (15.1.2017): Wenn Gloger Heidegger und Kant als "barocken Tennisspieler und grünen Waldschrat" durchs Bühnenbild hüpfen lasse, wenn die sechs Frauen als Jelinek-Klone mit Zöpfen und "Toupierungen" aufträten, sei das "stellenweise sehr lustig" und selbstironisch. Doch letztlich sei das Stück ein "zutiefst autobiografischer Text, der sich mit dem Selbst-Verschwinden, der Einsamkeit und dem Tod der Autorin" beschäftige. Ein "kluger, kurzweiliger und glänzend gespielter" Abend, der "bildlich tief ins gedankliche Jelinek-Universum surft".

Auf dem Online-Portal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (15.1.2017) schreibt Anna Brockmann: Die Regie habe das "gigantische Textgebäude begehbar" gemacht. Die "schwere Kost" komme in "schmackhaften Häppchen" daher. Mitunter fühle man sich wie "in einer kabarettistischen Nummernshow". Doch hinter all dem Klamauk lauere "Traurigkeit". Die Vergänglichkeit treibe Jelinek um.

Annette Bosetti schreibt auf RP-Online, dem Portal der Rheinischen Post aus Düsseldorf (16.1.2017): Wer sich "mühsam durch den Text gefressen" habe, hätte ein solches "Meisterstück auf der Bühne" nicht erwartet. Gloger habe eine "anschauliche, anregende und adäquate dramatische Version maß-geschneidert", habe den Text "wie einen Edelstein aufpoliert und in einen Ring gefasst". Jelineks "im Text verankerte Ich-Bezogenheit" werde zur "unaufdringlichen Dauerpräsenz" auf der Bühne entwickelt. Eine "Wonne", wenn auf Wunsch der Autorin, "Bär, Fuchs und Hase als XXL-Plüschtier" gegen das Philosophisch-Abstrakte anträten. In ihrer "feinsinnigen Exaltiertheit sind die Schauspielerinnen die Heldinnen des Abends".

In der Süddeutschen Zeitung (16.1.2017) schreibt Egbert Tholl: Elfriede Jelinek schreibe 90 Seiten, "als betrachte sie sich darin". Der Text diskutiere Oberfläche, "nichts anderes ist Mode, an der Oberfläche". Die Argumentation sei "Mimesis des Gegenstands", eine "heikle Gratwanderung", doch für Regisseur ein "gefundenes Fressen". Er inszeniere das als eine "meist luftige Sarabande, als Tanz um die Umkleidekabine". Die sechs Damen bewegten sich "elegant durch den Text", Lou Strenger singe auch "verstiegen gut", und Claudia Hübbecker und Tabea Bettin überzeugten mit "wohldurchdachter Verschrobenheit". Gloger rücke den Text in die Nähe eines "semi-intellektuellen Boulevards".

In der Westdeutschen Zeitung (16.1.2017) schreibt Marion Troja: Jan Philipp Gloger gelänge es, aus "der intellektuellen Zumutung" der Jelinekschen Textwurst eine "gut sitzende Uraufführung zu schneidern". Er teilt sie in "anschauliche Portionen, schafft originelle Szenen, bespielt gekonnt drei sich hintereinander aufbauende Ebenen". In sechs jeweils "zeitgemäßen Outfits" – von der "jungen Literatin bis zur älteren Nobelpreisträgerin" – träten die Darstellerinnen mit rothaarigen Perücken und sicherem Blick als Elfriede Jelinek auf den Catwalk. "Bis eine kommt, die Haare nicht mehr ganz so rot und mit Falten im Gesicht, vor der die Frauen schaudernd fliehen". Ein "starker weiblicher Auftritt" und ein "gelungener Theaterabend".

In seinen Reflexionen auf Mode und Bildlichkeit ist "Das Licht im Kasten" für Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.1.2017) "ein sehr persönlicher Text" von Elfriede Jelinek. "Die offene Textfläche" lasse einem Regisseur "große Freiheiten und fordert ihn als zweiten Autor". Jan Philipp Glogers "genau durchkomponierte und bemerkenswert leichthändige Inszenierung schlägt in zwei Stunden einen großen Bogen über die Mode, der ihre Möglichkeiten zwischen Geschäft und Politik, Sucht und Selbstverwirklichung, Abgrenzung und Vergötterung intelligent reflektiert und facettenreich in die Anschauung hebt".

Dieser neue Text sei "ein gnadenlos scharfsichtiger und ziemlich persönlicher Jelinekscher Modebewusstseinsstrom", der "jede Menge doppelte Böden aufweist und den Schauspielerinnen dankbare Gelegenheiten bietet, formvollendet auf den eigenen Sprechblasen auszurutschen oder über entlarvende Kalauer zu stolpern", schreibt Christine Wahl für die Neue Zürcher Zeitung (17.1.2017). Anders als andere angestammte Jelinek-Uraufführungsregisseure wie etwa "Assoziationsmeister Nicolas Stemann" finde Jan Philipp Gloger "szenisch eher naheliegende Lösungen. Er konzentriert sich auf die Textarbeit."

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