Dienstag, 6. Mai 2008, 9 Uhr

von Wolfgang Behrens

Ich habe Glück. Die erste, die mich morgens im fast besucherfreien Ruby Town anspricht, ist Stella. Sie sagt: "Grüß Gott!", aus welchen Gründen auch immer verstehe ich: "Bonsoir", und antworte: "Bonjour, es muss bonjour heißen!" Sie sieht mich verwirrt an, und schon sind wir im Gespräch. Stella berichtet, dass man immer die Franzosen zu ihr schicke, weil sie als Kind mit ihrer Mutter mal kurz in Frankreich gewesen sei. Was dann mich verwirrt: War Stella als Kind in Frankreich, oder war es ihre Darstellerin? Die Fangfragen, die ich ihr zu stellen versuche, kontert sie geschickt – es bleibt offen.

Stella betreibt mit zwei anderen Frauen den Schönheitssalon "Lorena", und das ist der eigentliche Grund, warum ich Glück habe. Denn wo könnte ein besserer Umschlagplatz für Neuigkeiten aus Ruby Town sein als im Schönheitssalon? Ich beschließe also, mich ihr anzuvertrauen und mir die Haare schneiden zu lassen, werde aber schnell misstrauisch, als sie nicht gleich weiß, wie viel das kostet – oje, kann die überhaupt Haare schneiden? Sie schaut in einer Preisliste nach und sagt: "4 Euro". Als ich alter Geizknochen das auf der Liste überprüfe, sehe ich, dass allein "Pony schneiden" bereits 5 Euro kostet: Sie hat mir versehentlich den Preis fürs Nägelschneiden genannt. Naja, was soll's.

Fallende Haare bringen die Friseurin zum Reden 

Nach einer Kopfmassage, die Stella mit einem Gerät an mir vollzieht, dessen Herstellungsjahr ich lieber gar nicht wissen will, beginnt sie vorsichtig und nicht gerade routiniert an meinem Kopf herumzuschnippeln. Und – das war ja meine Absicht! – sie erzählt. Von der morgigen Hochzeit zwischen Giorgiana und Joel ist die Rede. Und davon, dass gestern Abend ein Ritual stattgefunden habe, dass sich alle Frauen eingeölt und mit aufreizenden Kleidern angetan hätten, um in einem Salzkreis – "ja", bestätige ich, "den Salzkreis habe ich gesehen!" – um also in einem Salzkreis zu tanzen und das Loch zum Zwischenreich zu vergrößern. Es habe nämlich "der Mann" herbeigezwungen werden sollen, Martha Rubin sei in den Kreis eingetreten und habe versucht, dessen böse Macht zu brechen. Wer dieser Mann sei, darüber will Stella nicht reden. Da hat sie Angst.

Zwischendurch kommt ein mir persönlich bekannter Theaterfotograf vorbei, der offensichtlich auch gerade Ruby Town seinen Besuch abstattet. Er lehnt sich von außen durchs Fenster des Bretterbuden-Salons und freut sich über die pompös-verlotterte Umhangjacke, die mir Stella als Schutz gegen meine nur seltsam spärlich herabfallenden Haare verpasst hat: Ich sähe aus – so der Fotograf – wie eine Mischung aus Hofnarr und Ministrant. Als Stella unaufmerksam ist, schießt er ein Bild von mir und raunt mir zu, dass er es diskret behandeln würde. "Ach ja, bitte!"

Die Heilige Martha lebt wieder, spricht und trinkt sogar Kaffee 

Am Ende der Prozedur angelangt, verpackt Stella mir ein kleines Büschel Haare in einem Stück Papier – auf das solle ich gut aufpassen. Wenn nämlich jemand in den Besitz aller meiner abgeschnittenen Haare käme, verfiele ich dessen Macht. Solange ich dieses Büschel nicht hergäbe, könne aber nichts passieren. Das Haarbüschel ist mir kurze Zeit später von überraschendem Nutzen. Auf ihrem Balkon – umgeben von Altären und Himmelbett – hält nämlich gerade die Seherin Martha Rubin höchstpersönlich Hof. Eine Ansammlung sehr junger Leute (eine Schulklasse, die mal wieder aus Bildungsgründen ins Theater musste?) hat sich zu ihren Füßen niedergelassen, und Martha erzählt, wie es sich im Zwischenreich so lebt, wie sie ein paar Monate in einer Matratze eingenäht in Scheintotenstarre gelegen und wie Leo, der Anführer von Ruby Town, sie durch ein Loch in der Matratze wachgeliebt habe.

Als eine Devotionalienhändlerin Haare von Martha Rubin in kleinen parfümierten Papiertütchen feilhält, erdreiste ich mich: Ich schlage der Anbetungswürdigen einen Tausch vor – mein Haarbüschel gegen eines von ihr. Mit wegwerfender Handbewegung geht sie darauf ein. Kurze Zeit später sitze ich mit ihr ganz allein auf der Treppe vor ihrer heiligen Behausung, wir trinken gemeinsam Kaffee. Ich stelle ihr einige absurde Fragen – z.B. nach dem Fliegenfänger in ihrem Himmelbett –, und ab und an kann sie sich ein kurzes Auflachen nicht verkneifen. Das ist nicht Marthas Lachen, denke ich, das ist das Lachen von Signa. Und doch finde ich es gar hübsch von dieser großen Herrin, so menschlich mit den Menschen selbst zu sprechen. Jetzt, da ich dies schreibe, kann ich nur hoffen, dass Martha Rubin nicht zu Stella in den Friseurladen geht und mein Haarbüschel mit dem restlichen Haar wiedervereint. Obwohl das eigentlich auch nichts mehr machen würde: Verfallen bin ich ihr ohnehin. Donnerstagnacht bin ich wieder da!

 

Zur Übersicht: Neues aus Ruby TownSigna beim Berliner Theatertreffen 2008.

 
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