Gestrandet unter Kunstpalmen

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 20. Januar 2017. "Falsch!" heißt das erste gesprochene Wort, Mephisto brüllt es, als das Licht an der falschen Stelle angeht, schließlich ist es der Herr der Finsternis, der darüber befinden muss und darf, wann und wo diese Finsternis "das Licht gebar". "Gerettet!" lautet dreieinhalb Stunden später das letzte. Falsch ist an dieser "Faust"-Inszenierung von Pedro Martins Beja vieles und gerettet wird am Ende wenig. Woran aber liegt es, dass das eminent ehrgeizige Unternehmen, mit nur fünf Schauspielern immerhin den ersten Teil von Goethes Hauptwerk auf die Bühne zu stemmen, so grandios abstürzt? Schließlich gibt es doch ein paar – nein, nicht direkt geniale Momente, aber doch Eruptionen eines markanten Stilwillens, eines "Zugriffs", wie man treffend sagt, wenn man andeuten will, dass ein Text nicht unbedingt um seiner selbst willen, sondern aufgrund einer regie-polizeilichen Order zurechtgestutzt und -gerückt wird. Klammergriff wäre auch nicht verkehrt.

Mit starkem Schülerchor in Auerbachs Keller

Etwa wenn der Schauspieler Moritz Peschke seinen Figuren (Nebenfiguren sind es nur) eine unverhoffte Schärfe gibt, als Anführer eines düsteren Chores in Auerbachs Keller, der ersten Station von Fausts und Mephistos Weltreise, die dann so schnell in Gretchens Zimmer endet. Ein politisch' Lied, ein garstig' Lied: Momentaufnahme eines protofaschistischen Zustands im Mittelalter, eigentlich wohl eher aus Goethes Lebenszeit gegriffen. Oder auch dieser Chor selbst, der Oberstufenchor eines Oberhausener Gymnasiums, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat: An einzelnen dramaturgischen Wendepunkten mischt er sich mit schrillen Gesängen ein, "Christ ist erstanden" – und schon lässt Faust den Giftbecher stehen, macht sich mit Wagner (hübsche Karikatur: Anja Schweitzer) auf zum Osterspaziergang.

Faust3 560 Klaus Froehlich uDer Herr der Funkelnis: Jürgen Sarkiss als Spielleiter Mephisto © Klaus Fröhlich

Der (eher sparsame) Einsatz des Chores verrät des Regisseurs ausgeprägten Sinn für theatrale Effekte, die freilich den angesichts der minimalen Besetzung viel zu langen Abend mehr und mehr dominieren und sich auf etwas halbstarke Art an die Stelle einer analytischen Tiefenbohrung setzen. Gesprochen wird grundsätzlich zu schnell, zu atemlos, zu unbedenklich über den Sinn der Dialoge hinweg fetzend. Michael Wittes Faust lädt gleich den ersten Auftritt mit so viel platzender Energie auf, dass kein Raum für eine Steigerung bleibt. Die Gier, die diesen Verzweifelten antreibt, begreift man, aber nicht sein Interesse am "innersten Zusammenhalt". Dieses aber beschreibt den ganzen Sinn und Zweck des Dramas beziehungsweise Trauerspiels, als das Goethe den ersten Teil mal konzipiert hat.

Narzissmus unter Langhaarperücke und Tutu

Mit der Vorgeschichte lässt Beja sich reichlich Zeit: Eine Stunde vergeht bis zur Wette zwischen Faust und Mephisto, eine weitere halbe bis zur Begegnung mit Gretchen. Dann ist erst mal Pause. Diese Ausdehnung hat damit zu tun, dass der Regisseur den Mephisto mehr oder weniger in die Mitte rückt. Jürgen Sarkiss mit blonder Langhaarperücke, Tutu, nacktem Oberkörper (später ist er ausflugsmäßig gewandet) hat nicht nur das erste Wort – "Falsch!“ –, er wird generell zur Mittelpunktfigur des Abends, deren Attitüde sich allerdings in halbseidenem Narzissmus erschöpft. Abendfüllend ist Mephistos Nabelschau nicht wirklich. Faust dagegen strampelt sich tapfer ab, mit blindem Eifer, erschrockenen Gesten, naiver Geilheit, einer eher läppischen Verjüngung (Toupet statt nacktem Schädel, Hipsterbart, Sonnenbrille).

Faust1 560 Klaus Froehlich uSuchbild mit Womanizer: Lise Wolle als Gretchen, hockend, erwartet den Faust von Michael Witte
© Klaus Fröhlich

Die Bühne von Janina Audick ist ein bizarrer Mix aus Kirmes, Panoptikum, blauer Rutschbahn, künstlichen Palmen, gotischer Malerei, sich in den Schwanz beißender Schlange. Eine Landschaft, die bespielt werden will, aber die Regie flüchtet dann im Zweifelsfall lieber in die Nischen und vor die Live-Kamera, ein inzwischen eher schon ausgereiztes Theatermittel. Kostüme? Noch bizarrer. Dass die keusche Margarethe ein Fähnchen trägt, das kaum ihren Po bedeckt, ist wohl eher als Ausfluss einer wüsten Männerfantasie zu deuten. Sexuelle Subtexte werden überhaupt gern vollmundig illustriert. Lise Wolle gibt das Gretchen eckig, kantig, burschikos. Man erfährt nicht, wie es gemeint ist: Ein Biest oder ein Unschuldsengel? Die Regie interessiert sich allein für die Projektionsfläche, nicht für das Wesen dieses Menschen. Faust macht sich höhnisch lachend davon, seine halbherzige Reue kommt zu spät. Daran kann auch die Live-Kamera mit Blick auf sein erstarrtes Gesicht nichts ändern.

Gretchen selbst ist es, die sich am Ende an die Rampe stellt und "Gerettet!" sagt. Faust und Mephisto sind da längst über alle Berge.

 

Faust
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Pedro Martins Beja, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Sophie du Vinage, Musik: Micha Kaplan, Chorleitung: Christian Zatryp, Dramaturgie: Simone Kranz.
Mit: Anja Schweitzer, Lise Wolle, Moritz Peschke, Jürgen Sarkiss, Michael Witte.
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Es laufe einiges falsch in Pedro Martins Bejas ambitionierter, durchaus bildgewaltiger Inszenierung, schreibt Wolfgang Platzeck in der Westfälischen Rundschau (22.1.2017). Je länger der Abend werde, desto weniger sei Faust vom Drang beseelt, den Zusammenhalt der Welt zu erkunden; "was ihn quält, sitzt nur noch unterhalb des Gürtels." Hin und wieder setze Martins Beja effektvoll den Oberstufenchor eines Oberhausener Gymnasiums ein. "Dann wird auf Deutsch ('Die Wacht am Rhein') und Englisch eine rechte oder nationalistische Gefahr beschworen, deren Begründung die Inszenierung versagt."

"Was uns Goethe mit seinem Stück sagen will, bleibt eher unklar", schreibt Klaus Stübler von den Ruhrnachrichten (23.1.2017). "Michael Witte spricht seinen Auftrittsmonolog als alter Faust, Typ zerstreuter Professor, scheinbar wirr und zusammenhanglos, dann wieder sehr gehetzt. Die Andern schnurren die Verse vielfach atemlos ab."

Nicole Strecker von WDR5 Scala (23.1.2017) sah "eine schrille Farce über den Weltzustand, das entfesselte Böse". Beja begeistere sich viel zu sehr für wilden Radau und denke dabei lieber nichts zu Ende. Goethes Verse würden gern mit modernen Floskeln vermeintlich aufgepeppt und herausgeschnoddert nach dem Motto: "Kennt man man eh schon alles."

Ralph Wilms schreibt in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (25.1.2017) begeistert über den Mephisto von Jügen Sarkiss: "Er blafft und brüllt und knurrt, schmeichelt und schleimt und wanzt sich ebenso aasig an den Doktor Faust wie an die dafür noch empfänglichere Frau Marthe". Sarkiss lasse sich die die Chance, die diese Traumrolle biete, für keine Sekunde entgehen. Im "klug gestrafften Teufelsritt" durch zehntausend Goethe-Verse entfalte er "bezwingende Kraft". Die drei Hauptdarsteller gäben "alles", die Bilder und Sätze dieser "großen Inszenierung" würden "lange nachhallen".

 
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