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"Diese Kolumne ist enorm!"

von Wolfgang Behrens

7. Februar 2017. Als ich noch ein Zuschauer, ein Leser und sogar noch ein Student war, da belustigten sich ein Freund und ich regelmäßig an der Beobachtung, dass auf der Rückseite eines jeden Suhrkamp-Taschenbuches ein paar Sätze von Günter Blöcker abgedruckt waren, die sinngemäß aussagten: "Dieses Buch ist enorm! Ein ganz großes Meisterwerk!" Wir stellten uns feixend Günter Blöcker vor, wie er irgendwo in einer Literaten-Mansarde hockte und en gros solche Phrasen für die Klappentexte produzierte, und zugleich lachten wir über die Lektoren, die solche Sätze aus irgendwelchen Kritiken herausfischten.

Ich muss wohl nicht eigens betonen, dass wir damals wahnsinnig ungerecht waren. Erstens wussten wir gar nicht, wer Günter Blöcker ist (wenn ich das Netz befrage, so muss er ein verdienter Mann gewesen sein), vor allem aber stimmte das, was wir über ihn behaupteten, gar nicht. Wenn ich heute durch mein Bücherregal stöbere, finde ich mit Mühe gerade einmal zwei Thomas-Bernhard-Bände, die Zitate von Günter Blöcker zieren – und die sind nicht nur leeres Geklingel, sondern sogar einigermaßen substantiell.

kolumne 2p behrens"Hingehen!"

Freilich kam es, wie es kommen musste: Mein damaliger Freund wurde Kritiker, und eines Tages tauchte ein Satz aus einer Kritik von ihm auf dem Klappentext eines Buches auf. Für mich ein gefundenes Fressen: Ich verhöhnte ihn (natürlich völlig unangemessen) als den Günter Blöcker des 21. Jahrhunderts. Als ich dann selbst ins Kritikergeschäft einstieg, wuchs in mir plötzlich der Neid. Missgünstig sah ich, wie manche Theater in ihren Flyern, auf den Websites oder gar auf Plakaten mit Textfragmenten meiner Kolleg*innen warben. "Großartig! Ein Meilenstein!" (N.N. in der Berliner Krone) "Ein rundum gelungener Abend! Hingehen!" (X.Y. in der Neuen Münchner Zeitung) "Die politischste Inszenierung seit der Uraufführung der 'Antigone' des Sophokles" (A.B. in Die Bühne der Zeit). Wie geil ist das denn, das will ich auch! Und seitdem greife ich gierig nach jedem Werbemittel, das achtlos in den Theaterfoyers herumfliegt, und durchfingere es zitternd, ob da wohl irgendwo mein Name steht: "Schöne Kostüme, ein toller Vorhang, eine prima Sache!" (Wolfgang Behrens auf nachtkritik.de)

Um etwas nachzuhelfen, kann man ja seine Kritiken auch entsprechend formatieren. Hinein mit den Superlativen! Da wird die Marketingabteilung des Theaters (oder des Verlags, des Filmverleihs etc.) schon anspringen: "Derzeit die erste Bühne am Platz!" "Das Schärfste, das man derzeit zwischen Heringsdorf und Borkum sehen kann!" etc.

Allerdings, das muss ich einräumen, lese ich Kritiken seither auch mit anderen Augen. Als ich ein Zuschauer war, hat es mich im Zweifelsfall noch mitgerissen, wenn etwa ein Kritiker in der "Zeit" über David Lynchs "Wild at Heart" hinausschrie: "Der erste große Film der 1990er Jahre!" Mittlerweile lese ich so etwas mit großer Skepsis. Oder, na ja, das stimmt eigentlich nicht: Ich lese es nicht mit Skepsis – ich rege mich darüber auf, und zwar fürchterlich! Die Absolutheitsgeste solcher Verlautbarungen finde ich schlicht zum Kotzen!

Der Nullformel-Abschwur

Kürzlich zum Beispiel stand in einer Qualitätszeitung ein Artikel, in dem es um die neuen Bücher von Paul Auster und Hanya Yanagihara ging. Der Autor stellte das Buch Yanagiharas oberflächlich in eine Reihe mit Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides, um lapidar in Parenthese einzuschieben: "ihr Buch ist besser als die Romane der beiden Kollegen". Hä? Was, bitte, ist das, außer einer leeren Großkritikeranmaßung? Da ermächtigt sich jemand, ex cathedra und ohne Argumente die Qualität der Werke gleichsam erschaut zu haben. "Brahms ist besser als Mozart." Aha! Na und? Am Ende des Textes über Auster und Yanagihara heißt es: "Beide Bücher muss man lesen." Soso. Und wenn nicht? Muss ich dann sterben? Oder darf mich nicht mehr im Rotary Club sehen lassen?

Ehrlich gesagt: Ich lese Kritiken am liebsten, wenn sie keine Nullformeln dieser Art enthalten, die ich im Geiste schon in der nächsten Werbeanzeige prangen sehe. Und schreiben würde ich solche Phrasen selbstverständlich nie, nie, nie. Nie!

Was mir noch einfällt: Haben Sie schon den neuen Marthaler in der Berliner Volksbühne gesehen? Also wer da nicht hingerissen ist, dem ist nun wirklich nicht zu helfen. Wie ja ohnehin gilt: Wer einmal einen Marthaler gesehen hat, der wird ihn nie wieder vergessen!

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist Redakteur bei nachtkritk.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne Als ich noch ein Zuschauer war wühlt er in seinem reichen Theateranekdotenschatz – mit besonderer Vorliebe für die 1980er und -90er Jahre.

 

Zuletzt wünschte Wolfgang Behrens sich in seiner Kolumne mehr Genreregeltreue.