Kunstvolles Unglück

von Esther Slevogt

Berlin, 8. Mai 2008. Ein Ehepaar sitzt vor dem Fernseher und zappt sich lustlos durch das Programm. Bei einer Sendung über irgendeine Krisenregion in der Dritten Welt verweigert die Fernbedienung plötzlich ihren Dienst. Und nicht nur das. Aus dem Fernseher tritt plötzlich ein Kind heraus, schwarz und halb verhungert, das sich stumm neben das Paar auf Sofa setzt, und erst recht nicht mehr wegzappen lässt.

Natürlich ist die Symbolik etwas krude und auch nicht wirklich neu, mit der hier das Fernsehelend plötzlich aus der Flimmerkiste ins bürgerliche Wohnzimmer tritt, und durchschnittlich gleichgültige europäische Fernsehkonsumenten auf einmal zum Hinsehen gezwungen werden. Trotzdem hat die Art, mit der der 1976 geborene katalanische Dramatiker Esteve Soler in den sieben Szenen seines Stücks "Contra el pogrés – Gegen den Fortschritt" mit fast comic-haften Mitteln die Oberflächen des Wirklichen aufreißt, ihren Reiz.

Wolf frisst Schüler, Robben erschlagen Menschenbabys

Denn so geht es jetzt immer weiter: Eine Lehrerin liest ihren Schülern die Geschichte vom Rotkäppchen vor. Und plötzlich frisst der Wolf den schwächsten Schüler der Klasse. Ein Geschäftsmann gründet eine Religion und wird deren eigener Messias, weil er durch das Mittel des Menschenopfers seine Mitarbeiter zu höheren Leistungen pressen will. Am Ende, wenn Robben als Beamte zur Wahrung des ökologischen Gleichgewichts auftreten und Menschenbabys erschlagen, hat sich aus den ebenso absurden wie holzschnitthaften szenischen Skizzen das schrille Bild einer Welt ohne Zukunft herausgeschält.

In seiner szenischen Einrichtung im Rahmen des Stückemarktes verdoppelt Lars-Ole Walburg die Ausgangssituation des Dramas, in dem er die Schauspieler mitten zwischen die Zuschauer in der Kassenhalle des Festspielhauses in der Schaperstrasse platziert. Eine hochkarätige Besetzung (Margit Bendokat, Wolfram Koch, Sandra Hüller, Alexander Khuon und Michael Schweighöfer) überbrückt selbst Abstürze ins Allzuplatte mit Ironie und Sinn fürs sprachwitzige Detail.

Glutkern zwischen Bergmann und Buñuel

Deutlich abgründiger ist der Blick, den der 1978 geborene Spanier José Manuel Mora in seinem Stück "Mi alma en otra parte – Meine Seele ist anderswo" auf die Welt und Spezies Mensch geworfen hat. Schon die Szenerie ist ausgesprochen unwirtlich: ein karges, abgewirtschaftetes Landgut, auf dem ein alter Mann haust, der streunende kranke Hunde einfängt, eine Weile betreut und schließlich tötet. Seine Frau ist vor ein paar Jahren gestorben und nun wollen Sohn und Schwiegertochter das Land erben.

In sechs knappen Szenen, die stimmungsmäßig irgendwo zwischen Ingmar Bergmann und Luis Buñuel angesiedelt sind, entwickelt Mora die abgründigen Beziehungen, die die einzelnen Familienmitglieder über Jahrzehnte ebenso machtvoll aneinander bindet wie voneinander trennt, und deren schwarzer Glutkern die Liebesgeschichte des Alten mit der Frau des Sohns ist, die sich schon liebten, als sie selbst noch ein Kind gewesen ist, und deren tabubrechende körperlichen Beziehungen einst in der Scheune vom Sohn beobachtet wurden, als auch er noch ein Kind war.

Sandkasten für Seelensumpf

Mit großer Gnadenlosigkeit fressen sich die zerstörerischen Gefühle durch Seelen und Beziehungen von drei Generationen dieser Familie und lassen so etwas wie Glück nicht zu. Die Bühnenbildnerin Manuela Pirozzi hat als Spielfläche einen großen, mit rotbrauner Erde gefüllten Kasten für Sebastian Nüblings szenische Einrichtung des Stücks auf die Hinterbühne des Festspielhauses gebaut. Wer dran ist, stellt seinen Stuhl hinein und geht wieder, sobald sein Auftritt beendet ist. Nur der Vater (Michael Rastl) bleibt die ganze Zeit darin. Schließlich erhängt sich der gebrochene Patriarch, der die Zeichen des Alters an seinem Körper als narzistische Kränkung empfindet.

Mitunter watet man doch mit einigem Widerwillen durch diesen Familiensumpf, der sich aus dem düsteren Raunen seiner Figuren langsam erschließt; kommt einem das Unglück, das hier zelebriert wird, manchmal eine Spur zu kunstvoll daher. Auch möchte man manches gar nicht so genau wissen. Vielleicht auch deshalb, weil durch den österreichischen Amstetten-Fall der Resonanzraum für die Beziehung eines erwachsenen Mannes zu einem Kind im Augenblick nicht gerade günstig ist, und einem auch die Lust des Kindes an dieser sehr körperlichen Beziehung nicht ganz plausibel erscheint.

 

Theatertreffen – Stückemarkt II und III
Contra el pogrés (Gegen den Fortschritt)
von Esteve Soler
aus dem Katalanischen von Charlotte Frei
Szenische Einrichtung: Lars-Ole Walburg, Bühne: Julia Riess.
Mit: Margit Bendokat, Michael Schweighöfer, Wolfram Koch, Sandra Hüller, Alexander Khuon.

Mi alma en otra parte (Meine Seele ist anderswo)
von José Manuel Mora
aus dem Spanischen von Franziska Muche
Szenische Einrichtung: Sebastian Nübling, Bühne: Manuela Pirozzi.
Mit: Michael Rastl. Katharina Schmalenberg, Livia Greif, Sebastian Rudolph, Amadeus Wondzinski, Iris Erdmann.

www.berlinerfestspiele.de

 

Hier finden Sie unsere Kritik zu Paul Brodowskys Regen in Neukölln, dem ersten Teil des diesjährigen Stückemarktes. Und hier können Sie das Impulsreferat von Joachim Lux zur Eröffnung des Stückemarkts nachlesen.

 
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