Ökos beim Mauerbau

von Thomas Rothschild

Heidelberg, 12. Februar 2017. Am Anfang spricht, von einer Videokamera aufgenommen, ein überdimensionales Gesicht auf das überwiegend junge Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Zwinger, der Nebenspielstätte des Heidelberger Theaters, herab. So weit, so üblich. Immerhin: dass man auch dem Video unverbrauchte Effekte abgewinnen kann, beweist jene Szene, in der die Gesichter der Gesprächspartner bei einem Fernsehinterview durch flatternde Teile der Projektionswand grotesk verzerrt werden. Am Ende fällt der Bühnenprospekt, der rechts von einer schäbigen Sperrholzwand mit diversen Bildern und Nippes in einem kleinen Hängeregal sowie einem Stadtplan begrenzt wurde, in sich zusammen und gibt den Blick frei auf das zu einer Gruppe vor altmodisch gemalter Gebirgslandschaft arrangierte Ensemble, das zur sehr deutschen Musik von Richard Wagner einen poetischen Text rezitiert.

Zwischen Sitcom und Agitprop

Dazwischen aber ist, in spanischer und in deutscher Sprache, eine Szenenfolge zu sehen, die formal irgendwo zwischen Sitcom und die Zuschauer frontal ansprechendem Agitprop, wenngleich ohne Appell und Imperativ, anzusiedeln wäre. Die Konstellation, von der die Koproduktion des chilenischen Colectivo Zoológico und des Theaters und Orchesters Heidelberg mit dem Titel "NIMBY | Not in My backyard" im Rahmen des Iberoamerikanischen Festivals ¡Adelante! ausgeht, ist diese: Eine Gruppe von Ökokommunarden in Chile will sich abgrenzen gegenüber den "Armen", die auf eine Sozialwohnung in ihrer Nachbarschaft hoffen. Dafür hat sie sich aus Deutschland die beiden Experten Nicole und Martin kommen lassen. Der Konflikt ist nicht neu. Neu sind seine Antagonisten. Nicht der Kapitalist und der Proletarier, der Hausherr und der Mieter stehen einander gegenüber, sondern zwei Kollektive, die beide mehr als das Recht der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse auf ihrer Seite haben.

Nimby 3 560 Annemone Taake u"Wir setzen alles dran, die bestmögliche Lösung zu finden." Video in NIMBY © Annemone Taake

Doch die Prätendenten auf eine Sozialwohnung geraten dem Stück sehr schnell aus dem Blick. Was bleibt, ähnelt in der Haltung der liebevoll-ironischen Selbstkritik, wie sie in Deutschland etwa die 3 Tornados, das Karl Napps Chaos Theater oder die Missfits vorgeführt haben. Die Neigung zu Phrasen – bei den Chilenen ebenso wie bei den Deutschen – wird ebenso verspottet wie Macho-Gehabe oder der Umgang mit den Medien.

Dabei wäre ja die Frage, ob die Ökologisten noch Teil des linken Spektrums der Politik seien, durchaus der Erörterung wert in einem Bundesland, in dem der grüne Ministerpräsident, der seine Partei "ganz in die Mitte ziehen" möchte, unumwunden erklärt: "Ein Linker bin ich nicht", schon eher sei er ein radikaler Umweltschützer. In dem dieser Ministerpräsident dem SWR versichert: "Aber dass wir jetzt nicht Kommunisten in den Staatsdienst lassen, daran hat sich sicher nichts geändert", und seinem Parteifreund Jürgen Trittin nicht ohne Erfolg vorwirft, dass er das Thema "Verteilungsgerechtigkeit" zu sehr in den Mittelpunkt des Wahlkampfes gerückt habe. Wenn es zum Schwur kommt, offenbart so mancher Grüner, dass ihm sein kleinbürgerliches Wohlbehagen und sein mehr oder weniger mühsam erworbener Besitz mehr bedeuten als Emanzipation, Egalität und Einsatz für die sozial Benachteiligten.

Nimby 2 560 Annemone Taake uDie Ökokommune tagt: Viviana Nass, Martin Wißner, José Manuel Aguirre, Nicole Averkamp © Annemone Taake

All das mag einem einfallen, wenn in einem langen Vortrag, einer Art Lichtbildenzyklopädie von Mauerntypen, diskutiert wird, wie sich die privilegierten Kommunarden mittels einer Einfriedung – nein, nicht gegen illegal einwandernde Mexikaner, sondern gegen Anwärter auf eine Sozialwohnung schützen können. Der zitierte Ulbricht-Satz "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten" wirkt da wie ein Fremdkörper und wird, nach den Reaktionen im Zuschauerraum zu schließen, kaum noch erkannt. Die Koproduktion verschreibt sich den chilenischen Erfahrungen und der chilenischen Perspektive. Das wird auch spürbar durch die elementare Spielfreude der lateinamerikanischen Gäste, mit der die beiden deutschen Schauspieler nicht mithalten können. Für eine psychologische Deutung bleiben sie zu hölzern, für eine Karikatur zu klischeehaft. Diese Unentschlossenheit tritt auch bei einer folkloristischen Musikeinlage auf. Es wird nicht so recht klar, ob es sich um ein Zuckerl für die Zuschauer oder um eine Parodie handeln soll.

Fazit? Nicht unbedingt ein großer Theaterabend, aber ein interessanter Einblick in eine fremde und doch wiederum nicht so fremde Kultur. Das Publikum bedankte sich dafür mit anhaltendem Applaus, ehe es sich mit Empanadas sättigte.

 

Nimby | Not in my backyard
 von Juan Pablo Troncoso und Colectivo Zoológico
Uraufführung, eine Koproduktion des Colectivo Zoológico mit dem Theater und Orchester Heidelberg
Regie: Nicolás Espinoza und Laurène Lemaitre, Bühne und Kostüme: Laurène Lemaitre, Text: Juan Pablo Troncoso und Colectivo Zoológico, Video: Pablo Mois, Licht: Hartmut Horn, Dramaturgie: Sonja Winkel.
Mit: José Aguirre, Nicole Averkamp, Viviana Nass, Germán Pinilla, Juan Pablo Troncoso, Martin Wißner.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterheidelberg.de


nachtkritik.de hat als Kooperationspartner von ¡Adelante!  eine Festivalseite auf Deutsch und auf Spanisch gestaltet, die Sie unter www.adelante-festival.de finden.

 

Kritikenrundschau

In "Nimby" kollidieren die Interessen einer alt eingesessenen, etwas behäbig gewordenen chilenischen Ökokommune mit einem Bauprojekt für die Ärmsten der Armen, schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (14.2.2017). "Temperamente, Wertvorstellungen und zurechtgebogene Realitätsbilder prallen in der spießig eingerichteten Kommune aufeinander." Die Abschottung dient nur der Verdrängung, das unterstreiche die Schlussidylle der Inszenierung. "Beim Festival-Publikum kommt dieser lockere, satirisch beißende Abend bestens an", so der Rezensent. Volles Haus im Zwinger 1 des Heidelberger Theaters, "die geschätzte Auslastung lag am Premierenabend bei 120 Prozent. Sitzkissen mussten herbeigeschafft werden, und vor dem Kassenbereich standen Theaterenthusiasten, die jeden, der hineinging, danach fragten, ob er noch eine Karte abgeben könne."

Stücke und Gespräche werden bei Adelante "zu höflichen – und nicht selten herzlichen – Spielen der Gegenkräfte: Missverständnis, Erklärung, Benennung, Ablehnung, Irritation, Offenbarung", so Hernán D. Caro in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.2.2017). "Nimby" zeuge von den Herausforderungen der Kollektivarbeit zwischen den Sprachen. "Wie die Gespräche und Podiumsdiskussionen des Festivals zeigen, gibt es von deutscher Seite das Bedürfnis, Lateinamerika als homogene Einheit zu verstehen – eine Vorstellung, die nicht immer dem entspricht, was viele Lateinamerikaner selbst von der Region denken." Ein junger chilenischer Regisseur sagt dazu, dass es auch kein "lateinamerikanisches Theater" gebe, sondern vielmehr "etliche Praktiken eines solchen Theaters"

Beim Thema Mauerbau "klingeln natürlich alle Assoziationsglöckchen, auch wenn der nordamerikanische Mauerfan Donald Trump keines Wortes gewürdigt wird", schreibt Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung in ihrem Festival-Überblickstext (22.2.2017). Geschickt seien im Text die Fragen nach nationaler Identität, diffuser Sorge vor dem Fremden und der überhebliche Blick vieler Europäer auf Lateinamerika verwoben.

 

 

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