Freitag, 9. Mai 2008, 0 Uhr

von Wolfgang Behrens

Oben, am höchsten Punkt von Ruby Town, auf dem Balkon Martha Rubins, findet die Tragödie statt. Oder vielmehr: wird die Tragödie aufgeführt. Denn kurz nach Mitternacht – ich bin seit etwa einer halben Stunde wieder in Ruby Town – zieht Signa Sørensen, die sich hier Martha Rubin nennt, alle Register. Sie spielt mehrere Dramen gleichzeitig, darunter "Kassandra" und "Christus am Ölberg". Sie sitzt, gestützt von einigen Jüngerinnen, auf einer Bank und sticht immer wieder drei Finger in die Luft: "Drei Tage! Drei Tage noch! Dann sind wir alle tot! Drei Tage!"

Sie bittet uns, bei ihr zu bleiben, mit ihr zu wachen, und lockt uns zu diesem Behufe mit den wunderlichsten Bestechungsangeboten: Mehrfach küsst sie, von grundlos überschwänglicher Dankbarkeit befallen, meine Hand, dann verspricht sie uns kostenlosen Wodka und freie Verfügbarkeit über die sie begleitenden Frauen. Das erste Versprechen hält sie, auf das zweite möchte keiner zurückkommen.

Welch Schauspiel! 

Signa sieht erschöpft aus: Die Haut ist fast durchsichtig in ihrer Blässe, dunkle Augenringe und eiskalte Hände lassen auf gewaltigen Schlafmangel schließen. Doch mit dem Furor der Laienschauspielerin bleibt sie ihrer Rolle treu, in der sie nun wohl schon seit vielen Stunden die wild-verzweifelte Prophetin gibt. Sie wippt wie in Trance auf und ab, flüstert mit weit aufgerissenen Augen litaneiartige Sätze, geißelt sich selbst mit bloßen Händen oder ihrem Fächer, einmal auch schlägt sie mit überraschender Brutalität zwei ihrer Anhängerinnen ins Gesicht.

Ein paar echte Tränen (der Erschöpfung?) rinnen ihr die Nasenflügel herunter, dann eilt sie zur Brüstung und sendet ein paar wüste, ungestalte Klageschreie über ihr Dorf hinweg, das sich in nächtlichem Desinteresse lieber Tanz und Vergnügen widmet. Ein Schauspiel, aber ach, ein Schauspiel nur! Denn in den langen anderthalb Stunden, die ich Signa/Martha, ihrem Wunsch mich fügend, nicht von der Seite weiche, wird es unmissverständlich offenbar, dass sie Theater spielt. Mit ihren gesammelten Kräften behauptet sie die Tragödin, und die Spannweite ihres Spiels reicht von echt empfundener, Stanislawski'scher Inbrunst bis zu peinlich tönenden Pathosformeln.

Und welch Tragödie erst!

Vom tragischen Ton wird sich Signa unter keinen Umständen abbringen lassen. Was mitunter zu Szenen von großer Komik führt: Ein männlicher, etwas verschüchtert wirkender Besucher des Balkons macht Anstalten, den Schauplatz zu verlassen, da ruft Signa ihm mit beschwörend-pathetischer Geste nach: "Gehe nicht!" Er (verlegen): "Ja, ich komm dann nochma hoch und sach tschüss!"

Und noch etwas anderes wird in dieser Nacht klar: Im Zentrum des Geschehens – und Signa/Martha IST das Zentrum des Geschehens – ist die Dramaturgie des Ganzen so festgezurrt, wie sie bei einem Theaterstück nur sein kann. Was auch immer ihre (meist männlichen) Verehrer aus dem Publikum Martha einflüstern: Sie ist entschlossen, fatalistisch auf das geplante Ende hin zuzusteuern.

Denn Signa spielt Tragödie. Das Schicksal – so erklären es einem Martha und die Ruby Towner immer wieder – ist unausweichlich und unerbittlich: "Der Mann", die Inkorporation des Bösen, der schon den Bräutigam Joel aufgefressen hat (Signa sagt: "ausgefressen", was wohl meint, dass er von innen her ausgesaugt wurde), wird immer größer, und in drei Tagen – "Drei Tage noch!" – werden alle sterben.

Aber auch: Komödie! 

Doch das Tolle an den "Erscheinungen der Martha Rubin" ist, dass sie sich nicht in dieser festgelegten Dramaturgie erschöpfen. Je weiter man sich vom Zentrum, von Martha und ihren Geschichten, wegbewegt, je weiter man an die Ränder von Ruby Town vordringt, desto mehr Raum ist für das Spontane, für das Nicht-Nur-Gespielte und – vor allem – für das Komödiantische: Oben die Tragödie, unten im Dorf die Komödie.

Und so kann ich, nachdem ich mich aus dem Bannkreis von Signa/Martha gelöst habe, an diesem seltsamen Ort noch eine herrlich unbeschwerte, von Witz und Lachen durchheiterte Nacht durchleben. In der Baracke des Militärchefs, der ein ausnehmend hübscher Junge mit Damenuniform und perfektem Makeup ist (und im Nebenberuf der grandiose, nicht genug zu lobende Set Designer dieser Produktion: Thomas Bo Nilsson), fließen Rum und Plum Wine in wohldosierten Strömen, und als ich bekenne, dass ich mich bei meinem zweiten Besuch in Ruby Town am Kontrollpunkt vorbeistehlen konnte und keinen Stempel in meinen Pass bekommen habe, inszeniert er eine absurd-komische Untersuchungskommission.

Da ist Marthas Tragödie weit, weit weg. Bevor ich um 4 Uhr 20 die erste S-Bahn zurück in die normale Welt nehme, gehe ich dennoch noch einmal auf ihren Balkon. Martha schläft – Gott sei Dank! –, Signas Gesundheit wird es zuträglich sein. Ich werfe einen letzten Blick auf sie – und sach nochma tschüss!

 

Zur Übersicht: Neues aus Ruby TownSigna beim Berliner Theatertreffen 2008.

 
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