Apokalypse reloaded

von Geneva Moser

Luzern, 15. März 2017. Ein Glaskasten voller Nebel und Stroboskoplicht, darin ein Mensch. Darüber hängt ein weiterer Mensch in Camouflage-Kleidung vor weißem Flies. Vorne noch ein Mensch, mit aufgeblähtem Lawinen-Airbag um den Hals. Das alles getaucht in weißes Flutlicht, in weißen Nebel.

Alltagstrottende Endzeitmenschen

Alexander Giesche inszeniert seine Visual Poems in der Überschneidung von Performance, Installation und Theater. Worte sind es nicht, die die Kommunikation zwischen den Spielenden und den Zuschauenden ausmachen. Seine Inszenierung "White Out – Begegnungen am Ende der Welt" am Luzerner Theater ist nicht so sehr für die Logik gemacht, die Symbolik oder die sinnhafte Deutung. Sondern für die Sinne: ein Spiel mit Neugier und Überraschung, mit Affekt und Unsinn.

White Out 014 560 Ingo HoehnMaximilian Reichert mit dem schwebenden Eisblock © Ingo Höhn

Der Titel der Inszenierung ist programmatisch: Ausgehend von zwei Phänomenen entwickelt Giesche die Inszenierung. Zum einen reiht sich "White Out" in ein ganzes Konvolut zeitgenössischer Endzeit-Phantasien ein und erforscht den Übergang von Holozän (das völlig Neue) zum Anthropozän (das menschliche gemachte Neue). Zum anderen ist "White Out" das Gegenteil von Blackout: Ein meteorologisches Phänomen aus der Kombination von schneebedecktem Boden und gedämpftem Sonnenlicht. Der menschliche Blick verliert die Orientierung, alles ist gleichmäßig hell und kontrastlos. Dieses Phänomen tritt vor allem in Polargebieten und im Hochgebirge auf, am Ende der Welt sozusagen. An diesen Überschneidungen in Form und Thema begegnen sie sich nun auf dieser Bühne: sechs Körper, Individuen, leicht verlorene und gleichzeitig alltagstrottende Endzeitmenschen.

Eine Viertelstunde Aufzählung

Sie trotten bemerkenswert ruhig, dafür, dass die Apokalypse droht. Entschleunigung – das ist hier nicht Kernstück eines esoterischen Achtsamkeitsseminares, sondern Bruch mit theatralen Erwartungen von Raffung und Tempo. Dieser Bruch will ausgehalten sein: Das Aufzählen von Notvorräten zu Beginn der Inszenierung, für die Ausstattung eines Luftschutzkellers beispielsweise, dauert beinahe eine Viertelstunde. Erbsen in Dosen, Hülsenfrüchte, Zwieback und ihre jeweilige Kalorienanzahl könnten fast schon Gegenstand einer Meditation sein, wäre da nicht der dumpfe Bass und eine Sirene im Hintergrund. Kontemplieren lassen sich dagegen die schwarzen Schnitzel am Boden (Bühne: Nadia Fistarol), das Licht im weißen Flies (Licht: David Hedinger), die tanzenden Luftballone. Beinahe meditativ kochen eine Vielzahl Wasserkocher vor sich hin, bis sie bedrohlich blubbern im Orchester.

White Out 046 560 Ingo HoehnTanz der Ballonwürste: Jakob Leo Stark, Maximilian Reichert, Matthias Kurmann, Alina Vimbai Strähler, Lukas Darnstädt, Verena Lercher (v.l.n.r.) © Ingo Höhn

Alltägliches wird dekonstruiert, wird visuelle Poesie, absurder Nonsense, Fragment einer neuen Geschichte. Absurdes dagegen wird Normalität: Dass einer dieser Menschen sich nur fliegend fortbewegen kann, daran gewöhnt man sich irgendwann. Auch die Suchbewegung mit einem Metalldetektor, die Tanzeinlage im Zottelgewand (Kostüme: Nadia Fistarol), Eisblöcke aus der Bühne, ein sich hebender und senkender eiserner Vorhang – alles ganz normal. Technisch kommt das mit einer unglaublichen Nonchalance daher, durchaus auch mit Dramatik und Pathos (unbedingt!), aber immer eben so, als wäre es das einfachste der Welt, einen Eisblock aus der Bühne zu heben.

Mensch und Licht weichen einander aus

Soweit so schön. Wären da nicht immer wieder Textpassagen von holprig bis kitschiger Machart, die unangenehm die Vieldeutigkeit der Bilder herunterbrechen, einengen, ja reduzieren. Die leicht verlorenen Endzeitmenschen sind dann plötzlich Figuren (wer? woher? weshalb?), der Text eine Erklärung zum eigentlich Unerklärlichen. Ebenfalls unterbrochen wird das Bildergedicht durch den sich hebenden und senkenden eisernen Vorhang, der gleichzeitig als Projektionsfläche für Zahlen und Fakten (von der Weltpopulation über CO2-Ausstoß bis hin zur Anzahl der Krebstoten am heutigen Tag) dient. Auch hier wird, vielleicht aus Angst vor Beliebigkeit oder Oberflächlichkeit, eine eigentlich vielschichtige Offenheit unnötig und fast schon platt eingeengt. Auch ein Ende findet dieses Weltende leider nur schwer. Giesche dreht Runde um Runde, die Darsteller*innen bleiben am runden Tisch versammelt, schweigen sich an und lachen hysterisch.

Bestechend ist die Inszenierung insbesondere da, wo sie sich treu bleibt. Beispielsweise im gleichermaßen simplen wie überraschenden Moment, als ein Mensch und Technik – ein LED-Scheinwerfer – zusammen tanzen. Der Lichtkegel dreht und wendet sich im Takt der Musik, weitet sich über die ganze Bühne, wird wieder enger, präziser. Mensch und Licht weichen einander aus, nähern sich an, kommen mutig in Kontakt und entfernen sich abrupt wieder. Und nach und nach wird das Publikum im Flash und Wash kleiner Lichtpunkte Teil des Paartanzes, Teil des wortlosen Gesprächs. Ein Gespräch, das die Fragen zum Ende der Welt vielleicht nicht zu beantworten versucht, keine Ratschläge gibt und auch keine Ermahnungen ausspricht. Aber doch einen ungewöhnlichen, zögerlichen Funken radikaler Hoffnung in die Begegnung zu legen vermag, ein leises Staunen und Wundern über alles legt, wie der Nebel, der die Bühne den ganzen Abend nicht verlässt.

 

White out - Begegnungen am Ende der Welt
Ein Visual Poem von Alexander Giesche
Inszenierung: Alexander Giesche, Bühne und Kostüme: Nadia Fistarol, Licht: David Hedinger, Dramaturgie: Friederike Schubert, Musik: Georg Conrad.
Mit: Lukas Darnstädt, Matthias Kurmann, Verena Lercher, Maximilian Reichert, Jakob Leo Stark, Alina Vimbai Strähler.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.luzernertheater.ch

 

Kritikenrundschau

"Was ist in die jungen Theatermacher gefahren? Ein bitterer Geschmack von Endzeitlichkeit liegt derzeit auf ihren Inszenierungen. Wo man hinschaut, Ausnahmezustände, Untergangsszenarien und eine Menschheit, die für den Ernstfall probt", schreibt Julia Stephan in der Luzerner Zeitung (17.3.2017). Auch der Abend von Alexander Giesche bewege sich im Fahrwasser der Verunsicherung. Und der Melancholie, "in jedem wunderschönen Bild des Abends liegt ein Hauch von Asche und Vergänglichkeit". Dass Giesche den Zauber dieser zeitlosen Bilder aber mehr und mehr durch Textpassagen zerstöre, sei schade. "Problematisch ist auch, dass er bei diesen Metaphern für die Einsamkeit und Selbstbezogenheit sich ganz auf das Gefühl seiner Generation bezieht." Fazit: "Für viele war der Abend eine Überforderung. In der sehr auf Sprache und Publikumsnähe fixierten Sprechtheatersaison hat dieser provokative Beitrag in der Rolle des schwarzen Schafs dennoch seine Berechtigung."

Christian Oechslin benennt im SRF (17.3.2017) als Stärken des Abends, dass man sich Zeit nehme, die Lethargie und Resignation der Menschen vor dem Weltuntergang auszuleuchten. "Das braucht Mut. Und dieser wird belohnt. Dass der Abend in seiner Mischung einen ganz eigenen Sog entwickle, eine "beklemmende Atmosphäre, die man in dieser Intensität und Konsequenz noch selten erlebt hat am Luzerner Theater". Allerdings blitze der moralische Zeigfinger gar häufig auf. "Umweltzerstörung, Luftverschmutzung, Abkapselung durch das Smartphone: Diese Bilder werden etwas überstrapaziert."

Dagmar Walser sagte in Kultur Kompakt auf SRF 2: Giesche inszeniere ein "Spiel mit unserer Wahrnehmung" in das man als Zuschauer "eintauchen" müsse. Es ginge um eine "sinnliche Erfahrung", die man im "herkömmlichen Theater" nicht machen könne. Es gehe um eine "Art Abgesang auf die Menschheit" in einem "Erfahrungsraum, in dem man sich mit der eigenen Endlichkeit auseinandersetzen" könne. Ein Abend, der von "Staunen" und "Leichtigkeit" getragen werde, fast stimme er "zuversichtlich". Hier zum Nachhören ab Minute 9.

 

 
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