Die Show findet nicht statt

von Esther Boldt

Essen, 15. Mai 2008. Der Tod trägt einen schwarzen Jogginganzug. Darauf ist ein weißes Skelett gemalt, am hinteren Hosenbund schaut demonstrativ das Schildchen raus. Er schlendert auf die Bühne, kratzt sich den wohlgenährten Bauch und erzählt erst einmal, dass die Atmosphäre nicht stimme. Die Anheizer hätten das Publikum schon mal in Stimmung bringen sollen, die Band sollte leise, aber hörbar aufspielen, die Erwartung solle langsam steigen, bis er, ja ER die Showtreppe herab komme. Manchmal wisse er selbst nicht, ob er der Richtige für den Job sei, und überhaupt: "What's the point of theatre?"

Aber Zweifel hin oder her, nun stellt Robin Arthur den Tod dar und muss die Show reißen. Aber nicht allein: Seine Konkurrentin um die Gunst des Publikums betritt ebenfalls schlendernd die Bühne. Claire Marshall nimmt sich das Mikrophon und sagt, sie müsse Arthur kurz unterbrechen, "I would like to do my dying now." Aber so schnell geht das nicht: Sie wird abendfüllend das Sterben spielen oder spielen üben, leise wimmernd am Boden oder sich laut schreiend aufbäumend.

Grandiose Szenarien, karge Leere

Häufig stellt Forced Entertainment die Ambivalenzen des darstellenden Spiels aus, die Vieldeutigkeit, die Verletzlichkeit und auch die Macht, die mit dem Performertum einhergeht. Einerseits, gibt der Tod achselzuckend zu Protokoll, ist das hier, das Theater, eine völlig irrelevante Angelegenheit. Aber das ist natürlich wissentlich kokett, an der Welthaltigkeit ihres Theaters lässt die britische Performancegruppe um Tim Etchells keinen Zweifel.

Das neue Stück, das dieser melancholischen, wilden, heiteren Theater-Welt entsprungen ist, heißt "Spectacular" und wird am Essener PACT Zollverein uraufgeführt. Spektakulär ist hier nichts – doch wie man weiß, müssen Rampensäue nicht immer laut sein. Auf der Bühne erinnern allenfalls Fragmente an das Spektakel, rote Vorhänge, deren Enden verknotet sind, eine Lichtorgel und zwei Lautsprecher. Die Show findet nicht statt, und als verlassener Showmaster hat Robin Arthur die Sprechrolle des Stückes inne. Unentwegt plappernd entwirft er grandiosere Szenarien als diese karge Leere, wirbt mit Understatement um die Aufmerksamkeit des Publikums.

It's getting melodramatic

Claire Marshall stellt gewissermaßen seine Antithese dar mit ihrer körperintensiven, endlosen Sterbeszene. Sie kraucht, robbt, wimmert und lässt sich zwischendurch von Arthur grausam-sardonische Regieanweisungen geben. "It's getting melodramatic again. You're begging for their sympathies." Sie wettstreiten um Aufmerksamkeit und Lorbeeren, er, der den Showmaster und Strippenzieher Tod im Jogginganzug sehr unvollständig repräsentiert, sie, die den Todeskampf mal völlig überzogen, mal mit bestürzender Intensität spielt.

Als Erfolgsmodell werden Szenen und Performerleistung immer wieder überprüft: Funktioniert das? Zieht das? Guckt da wer hin? Über diese kleine Versuchsanordnung geht die Performance nicht hinaus und will es auch nicht. Geplauder auf der einen, Gekrauche auf der anderen Seite – das ist alles, was eineinhalb Stunden lang geschieht. Nach einem furiosen, schnellen, witzigen Beginn fährt sich die Situation ein und fest.

Spektakel des Scheiterns

Hier ist nicht viel zu holen, der größte Teil des Abends findet im Kopf des Zuschauers statt. Das hat schon beim letzten Stück, "The World in Pictures" grandios funktioniert: Da schickt Jerry Killick die Zuschauer auf eine mentale Reise durch eine Stadt ihrer Wahl, lässt sie auf ein hohes Gebäude steigen und von ihm herunter springen: Freier Fall. Die Vorstellung endet kurz über dem Boden.

In "Specatacular" läuft Arthurs Show nicht rund – "It's not so happy as I thought it would be." –, Marshall weigert sich einfach, Schluss zu machen und den Löffel ganz abzugeben. So muss das Publikum dieses Spektakel des Scheiterns und der Unzulänglichkeiten, der ausfallenden Höhepunkte und verschleppten Enden in seiner Vorstellung ergänzen. Oder es wenigstens im Geiste verlassen: Als nichts weiter geschieht, driftet man kurz weg und hört dann Arthur über diese kleine geistige Abwesenheit sprechen, die drei, vier Sekunden anhält – und fühlt sich furchtbar ertappt. Wo war ich gerade? Nicht hier.

Es ist verstörend, wie gut die britische Künstlergruppe ihr Handwerk beherrscht, mit welcher Präzision dramaturgische Bögen gespannt werden, wie stark die Rezeption gelenkt, ja manipuliert wird. Ging es zuvor darum, um Aufmerksamkeit zu heischen, einen Bund zu schmieden zwischen Publikum und Bühne, Lacher zu sammeln und Blicke – dann geht es nun um das Gegenteil.

Verausgabungsmaschine Theater

Das Publikum wird mit der Wiederholung und leisen Variation der bekannten Situation gedanklich vertrieben. Im Saal macht sich Ödnis breit, man verliert kollektiv den Faden. Hier kann man einem ganzen Zuschauerraum dabei zusehen, wie seine Gedanken verloren gehen. Ein ebenso banaler wie schöner Anblick.

Um diese vieldeutige Figur der Abwesenheit kann man den ganzen Abend drehen: Sie zeigt sich im Tod, der auch im Jogginganzug bedrohlich bleibt, als letzte, unumkehrbare Abwesenheit. In den gedanklichen Ausfällen, der provozierten großen Langweile, in der man gefühlte 30 Minuten auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Und natürlich in der Verausgabungsmaschine Theater, wo trotz oder wegen aller Reflexion allein der Moment des Geschehens Gültigkeit hat – dieser aber ist bekanntermaßen immer schon vorbei. Und so driftet alles leise, aber nachdrücklich dem Verschwinden entgegen in dieser unspektakulären, ziemlich beeindruckenden Meta-Show.

 

Spectacular, UA
von Forced Entertainment
Konzept: Forced Entertainment – Robin Arthur, Tim Etchells, Richard Lowdon, Claire Marshall, Terry O’Connor, Cathy Naden. Regie: Tim Etchells. Bühne: Richard Lowdon. Lichtdesign: Nigel Edwards. Mit: Robin Arthur, Claire Marshall.

www.pact-zollverein.de
www.forcedentertainment.com

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Rundschau (16.5.2008) schreibt Sylvia Staude: "Spectacular" heißen Shows in Las Vegas oder im Moulin Rouge, "dem pummeligen Conférencier aber ist alles schief gegangen: das Licht, der Sound, die Showtreppe ist nicht da." Forced Entertainment seien einerseits diskret, andererseits sorgen sie dafür, dass "wir uns die Dinge vorstellen. Es ist ein wir-spielen-jetzt-einfach-mal Theater, ein reiches 'armes' Theater." Wie ein Besucher in der Straßenbahn auf dem Heimweg von Pact Zollverein könnte man meinen, seine Akteure improvisieren. Das täusche jedoch, schreibt Staude. "Erstens weiß Tim Etchells, Regie, in jeder Sekunde, was er will. Zweitens kann solche Leichtigkeit nie improvisiert, erplaudert sein."

In der Süddeutschen Zeitung (16.5.2008) bezieht Egbert Tholl das Motiv des Todes auf die Arbeit der Gruppe um Tim Etchells, die sich 1984 in Sheffield gründet hat. Seitdem habe Forced Entertainment ihrem Publikum "immer wieder dessen eigene Träume erzählt, hat es beleidigt und getröstet, ihm alle Ängste genommen und viele Schrecken berichtet ... Immer ging es, bei allem Fabulieren, bei allem politischen Gehalt, auch um das Nachdenken über das Verhältnis von Rolle und Darsteller und Publikum." In "Spectacular" bliebe nur dieses Nachdenken übrig. Robin Arthur "stehe" anfangs auf der Bühne "herum", "kramt mit weicher Stimme in seinem schönen englischen Wortschatz. Da weiß man, es wird nicht mehr viel kommen." Im vergangenen Jahr waren Forced Entertainment mit vier alten Stücken zu Gast im Pact Zollverein, "Spectacular wirkt wie ein Schlusspunkt unter all dieser Arbeit." "Eine szenische Vorlesung zum Ende des postdramatischen Theaters. Alles ist gesagt, alle Mechanismen sind aufgezeigt. Das Skelett ächzt. milde." Fazit: "Forced Entertainment waren immer Avantgarde. Weisen sie nun, ex negativo, den Weg vom Theater-Theater zum Theater? Das wäre kein Rückschritt, denn nun sind wir aufgeklärt."

In der Berliner Zeitung (3.7.2008) freut sich  Dirk Pilz anläßlich des Berliner Gastspiels von Forced Entertaintment, die das Festival "Live Brits" im HAU eröffneten, am "hintergründigen, karstigen Witz" dieses Abends, nicht nur, weil Robin Arthur und Claire Marshal darin "mit einfachen, reduzierten Mitteln schwierigstes Katastrophengelände" erobern, sondern auch, weil sie dabei das "Als-ob" so schön unterwandern und ihm dabei trotzdem seine Referenz erweisen. Insgesamt dreht sich das Spiel aus seiner Sicht "um die Nicht-Erzählbarkeit des Todes, die absolute Tragödie, auch um die Unmöglichkeit, den Augenblick vorm Vergehen zu retten". Und recht beeindruckt kann Pilz am Ende erkennen, dass sich vom Tod zwar nicht sprechen aber spielen läßt. Und zwar mit jenem schwarzen Humor, der für ihn "aus der Unvergleichlichkeit von echter Sterbensangst und gespieltem Tod, realem Leid und erdachtem Bühnenüberleben entsteht."

 
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