Lehrstück plus Lehrstück gleich Leerstück

von Matthias Schmidt

Leipzig, 30. März 2017. Es geschieht nicht allzu häufig, dass eine Inszenierung mit einer solchen Wucht einschlägt, dass sie unter so herausragendem handwerklichen und personellen Aufwand, so pur und werkgetreu und doch modern und zeitgemäß gleich zwei Theaterklassiker aneinanderhängt und man am Ende dennoch relativ ratlos dasitzt. Der Jubel nach Enrico Lübbes Doppelinszenierung "Die Maßnahme / Die Perser" war riesig. Er galt den mehr als hundert auf der Bühne stehenden Schauspielern, Sängern, Musikern und Statisten, einem preisverdächtigen Bühnenbild von Etienne Pluss und einer ebenso fantastischen Leistung der Chöre unter Leitung von Marcus Crome. Natürlich hat das alles auch mit Konzept und Regie zu tun; Regietheater im engeren Sinne war es nicht.

Dekoratives Theater

Was Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig (in Koproduktion mit den Ruhfestspielen und in Kooperation mit dem Gewandhaus Leipzig) aus Brechts "Die Maßnahme" und Aischlyos' "Die Perser" macht, ist vor allem eine Choreografie, Betonung auf Chor. Die Texte wie vom Blatt, jede Szene pures Pathos, erst Brechts Agitatoren, dann die Berichte der vor Salamis geschlagenen Perser. Gesprochene Literatur, ohne Schischi, ohne Ironie und Zynismus, ohne Einsprengsel und Fremdtexte. Dekoratives Theater. Ein bisschen wie bei Robert Wilson: punktgenau, bildstark, mit leichtem Hang zum Kunsthandwerk auf der einen und einer damit einhergehenden Vernachlässigung der Interpretation auf der anderen Seite.

MassnahmePerser 560a BettinaStoess UUnter den Masken der Revolution: Anna Keil, Thomas Braungardt, Tilo Krügel und Dirk Lange in "Die Maßnahme". © Bettina Stöß

Wie schön das ist, wie mitreißend dank Eislers Musik sogar das 30er Jahre-Geschwafel vom Kommunismus in der "Maßnahme"! Wie wirkintensiv das penetrante Klagen der Kriegsverlierer in den "Persern", die zugleich ja die Kriegstreiber waren und nun versuchen, nach ihren Schiffen nicht auch noch ihre Würde zu verlieren! Und, ja, auch das: wie unbefriedigend und öde das ist! Weil es einfach nicht reicht. Weil wir einfach nicht mehr gewohnt sind, dass das reicht.

Die halbe "Perser"-Inszenierung besteht aus einer enervierenden Aufzählung persischer Fürstennamen, die andere Hälfte ist immerhin der furiose Chor. Lübbe betitelt auch "Die Perser" in ironischer Anlehnung an "Die Maßnahme" als "Lehrstück". Aber so inszeniert, ist die Summe aus zwei Lehrstücken ein Leerstück. Denn mehr als die gängigen Allgemeinplätze über (Partei-)Diktatur und Krieg hat der Abend im Grunde nicht zu erzählen.

Langeweile auf höchstem Niveau

Als nach den zwei im Wesentlichen kurzweiligen Stunden die Bühne leer ist und die Kostüme aus beiden Stücken zusammen auf dem Müllhaufen der Geschichte liegen, traut man sich kaum zu denken, dass das die Pointe gewesen sein soll. Obwohl das Bild ein tolles ist. Wie auch die Multifunktions-Wand in der "Maßnahme" mit ihren beweglichen Steinen und den Schattenspielen darauf und den Emporen für die Genossen. Der Bezug zur Gegenwart aber bleibt bei aller Bildgewalt und Musik und Choreografie indifferent. Man kann das, bei einem ja durchaus vertretbaren Desinteresse für Brechts Schreib-Umfeld 1930, als Langeweile auf künstlerisch höchstem Niveau wahrnehmen.

MassnahmePerser 560 BettinaStoess UUnter der Maske der Herrschaft: Wenzel Banneyer als Königsmutter Atossa und Felix Axel Preißler als Bote in "Die Perser" © Bettina Stöß

Natürlich kann man sich in heutigen Assoziationen ergehen und diese wahlweise mit historischem Wissen auffüllen. Die stalinistischen Säuberungen sind eine dieser Folien, die über der "Maßnahme" liegen könnten. Was den Klassenkampf mit der Zielmarke Kommunismus betrifft, die damit einhergehende Ent-Individualisierung und Kollektivierung des Menschen durch die Partei, nun ja, das Utopische daran ist angesichts der auffallend vielen neben dem Theater (in der Gottschedstraße mit ihren Szene-Cafes und Bars) parkenden SUVs wohl kaum noch vermittelbar. Daher: So gespielt ist "Die Maßnahme" kein Lehrstück mehr, sondern ein schöner Abend nach dem Motto "seltsames, aus der Zeit gefallenes Stück, aber toll, was die alles auf der Bühne gemacht haben".

Hybris und Skrupellosigkeit

Mit den "Persern" ist die Sache etwas komplizierter. Zunächst sind sie eben nicht nur ein Anti-Kriegsstück. Sie handeln ja auch vom Kampf verschiedener Systeme und – wenn auch unausgesprochen – dem Sieg der griechischen Demokratie. Zudem, die Hybris des Xerxes, sie ließe sich auf so ziemlich jeden Politiker aus so ziemlich jeder Zeitung der letzten Monate übertragen. Selbstüberschätzung, Lügen, Skrupellosigkeit. Bei Trump und Putin? Sicher. Bei Erdogan? Ganz sicher. Bei Merkel? Vermutlich. Zumindest im Abgasuntersuchungsausschuss.

Die Inszenierung schweigt dazu, was sie einerseits ehrt und andererseits die Frage aufwirft, ob Theater, dessen Intention nur mit den Texten aus dem Programmheft aufgeht, sein Ziel erreicht hat. Diplomatisch geantwortet: Hängt davon ab, was es wollte. Schaut man auf die Leipziger Ankündigungstexte, wollte es sehr viel: Stellung nehmen zum "Woher Wohin", zu gesamtgesellschaftlichen Diskursen am Ende des Zeitalters der Ideologien beitragen, solche Sachen eben. Stattdessen ist die Inszenierung ein Fest der theatralen Mittel, an dessen Ende man etwas ratlos dasitzt.

 

Die Maßnahme / Die Perser
von Bertolt Brecht / Hanns Eisler & Aischylos (Deutsch von Dürs Grünbein)
Regie: Enrico Lübbe, Musikalische Leitung/ Einstudierung der Chöre: Marcus Crome, Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Bianca Deigner, Video: fettFilm (Momme Hinrichs, Torge Møller), Choreographie: Stefan Haufe, Dramaturgie: Torsten Buß, Clara Probst.
Mit: Anna Keil, Thomas Braungardt, Tilo Krügel, Dirk Lange, Hanelore Schubert, Wenzel Banneyer, Felix Axel Preißler, Michael Pempelforth.
Chöre, Statisterie, Musiker aus dem Gewandhausorchester und der Mendelssohn-Orchesterakademie des Gewandhauses zu Leipzig.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Man könne sich Enrico Lübbe, den Regisseur, hier wie einen Orgelspieler vorstellen, so Stefan Petraschewsky auf MDR Kultur (31.3.2017). Er ziehe die verschiedensten Register und bringe in den "Persern" einen zweiten 30-stimmigen Chor auf die Bühne bringt, der sensationell präpariert sei, "ganz genau artikuliert, einen präzisen Rhythmus draufhat". Zur Musik erfinde er ganz starke Klangbilder – "ein Regisseur, der sich offenkundig Einar Schleef und Robert Wilson zum Vorbild nimmt". Die Inszenierung verweigere sich einer Aktualisierung. Und es sei ihre Stärke, dass sie konsequent abstrakt bleibe – "und damit ihr Augenmerk auf die Mechanik in diesem Prozess lenkt: Wie halte ich es damit – Ich einerseits – und die politische Idee – oder eine Religion andererseits".

Von einem "spektakulären Programm" berichtet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.4.2017). "Ohne Hoffnung, ohne Illusionen weist Enrico Lübbe in seiner atmosphärisch packenden, diskursiv eindrucksvollen Inszenierung nach, dass in beiden Stücken keine Sieger existieren können", schreibt die Kritikerin. "Die zeitlich so weit voneinander entfernten Dramen korrespondieren in dieser schönen wie intelligenten Aufführung aufregend miteinander und mit uns, sie geben keine Ruhe und kein Pardon."

Dimo Riess von der Leipziger Volkszeitung (1.4.2017) lobt Enrico Lübbes Arbeit für die "voluminöse Kraft des Chores und das räumliche Arrangement". Der Regisseur "unterläuft Erwartungshaltungen, verpflichtet sich mit immensem Aufwand ganz den Texten". In beiden Werken des Abends zeige er "die Monstrosität, die politisch oder religiös begründeter Ideologie entwachsen kann. Sie zeigen die Folgen der Hybris, besonders beim Perserkönig, der sich in göttlichem Auftrag wähnt. Gedanklich sind Parallelen zu heutigem IS-Terror leicht zu ziehen."

"Verzweiflung kann erhellender, rettender sein als die Fortschritts-Euphorie geschlossener Denksysteme. Von Lübbe punktgenau gezeigt in dieser heutigen brodelnden Zeit, in der keiner derer, die durchs Krisen-Panorama stolpern (also wir alle), seine Überforderung gesteht", schreibt Hans-Dieter Schütt im Neuen Deutschland (4.4.2017). Lübbe inszeniere groß und gewaltig. "Hämmernder Text. Pathos und Präsenz." Der Regisseur biete ein imposantes, kühl ergreifendes Theater der konzentrierten Askese, in dem der Mensch jäh und in überaus scharfen Umrissen vor sich selbst hingestellt werde.

 

 

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