Durchsichtig werden

von Simone Kaempf und Nikolaus Merck

Berlin, 18. Mai 2008. Das muss ja auch doof sein. Da sitzt Frau oder Mann in der Jury des Theatertreffens, quält sich, reist ein Jahr lang, zwei Jahre, drei Jahre kreuz und quer durch zweieinhalb Republiken und muss dann, Jahr um Jahr, am Ende des Theatertreffens, nach all den vorangegangenen Diskussionen, noch einmal einem ignoranten, selbstzufriedenen Publikum Rede und Antwort stehen. Dabei: der Streit der früheren Jahre, das lustvolle Kritiker-Bashing, die emphatischen Schuldzuweisungen, die Jury hätte den Osten missachtet, die politischen Inszenierungen oder die sprengkräftigen Ästhetiken – diese Vorwürfe werden allenfalls noch als Pflichtübung vorgebracht. Lasch und ohne Herzblut.

Eine Stunde bis zum vollen Aroma

Ob die Juroren gemerkt haben, dass das Publikum längst nur noch erscheint, um die gestrengen Untergötter des Theatertreffens einmal leibhaftig zu erleben? Dass sie selbst das Sahnehäubchen geworden sind, dass sich das Publikum nach zwei Wochen Theatertreffen gönnt? In diesem Jahr jedenfalls gaben die auf dem Podium Versammelten einiges, um als schmackhafter Abschluss des Menüs zu überzeugen.

Freilich, bis die Jury ihr volles Aroma entfaltete, musste eine recht komatöse erste Stunde durchgehalten werden. Die Bemerkung von Moderatorin Barbara Burckhardt, dass die Aufführungen weder inhaltlich noch ästhetisch dem Publikum "etwas zumuteten", wurde noch mit Unschuldsmiene ins Reich des "Kann ich gar nicht verstehen, was Sie meinen" verwiesen.

Die Auswahl spiegele laut Deutschlandradiomann Hartmut Krug ein breites Spektrum unterschiedlicher Formen, auch wenn die "starken formalen Setzungen", so die scheidende Österreich-Berichterstatterin Karin Cerny, über die Jahre halt "geschmeidiger" geworden seien (Thalheimer! Thalheimer!). "Ist das Neue also gerade nicht da?", fragte Moderatorin Burkhardt rhetorisch dazwischen. Neu? Die "dreißigjährigen" Regisseure seien noch nicht so weit, bescheinigte Christopher Schmidt (Süddeutsche Zeitung), sie stünden aber "unter Beobachtung", pflichtete Jürgen Berger (freier Kritiker für die Süddeutsche) beruhigend bei und wusste noch zu berichten, dass die Jüngeren ja aber "auch nichts Neues machen würden".

Wann sind die Jungen soweit?

Nachdem Schmidt außerdem die salvatorische Formel ausgab, es hätten die Extreme gefehlt, und nachdem man sich gegenseitig versicherte, dass diejenigen, die eine starke, provokativ ästhetisch-politische Handschrift schrieben – wie etwa der ewig an die Türen des Berliner Festivals pochende Volker Lösch –  im Berichtszeitraum nicht ihre stärksten Arbeiten vorgelegt hätten (Cerny), nachdem also alle diese Unvermeidlichkeiten vorgebracht worden waren, platzte auf einmal der Knoten

Mit seiner selbstkritischen Frage, ob die Auswahl "vielleicht doch etwas Gefälliges" gehabt haben könnte, und warum man eigentlich "immer warten müsse, bis die jüngeren Regisseure geschmeidig genug seien, um zum Theatertreffen zu flutschen" hatte der so herrlich den gutwillig Naiven spielende Stefan Keim (Deutschlandradio, Die Welt) bereits signalisiert, dass der alt-bewährte Grundsatz, nie und nichts aus dem Nähkästchen der stattgehabten Jury-Diskussionen auszuplaudern, in diesem Jahr kurzerhand kassiert werden würde.

Neu ist die Offenlegung der Jury-Kontroverse

Als Christopher Schmidt auf Zuschauerfrage erklärte, warum Kimmigs "Maria Stuart" nicht nur eine "ideelle Inszenierung mit historischem Konflikt sei", sondern eine Inszenierung, "die endlich mal mit mir zu tun habe", "politisch" zudem, und Keim kurz darauf darüber meditierte, ob man nicht doch Volker Löschs Dresdner "Woyzeck" hätte einladen sollen, über den in der Jury arg kontrovers diskutiert worden sei, platzte es aus Peter Müller heraus: "Ihr habt doch 'Maria Stuart' und 'Sturm' eingeladen, obwohl ich das total langweilig fand", rief der so prachtvoll in sich ruhende Kritiker vom Zürcher Tages-Anzeiger dazwischen, und Jürgen Berger gab an, dass er leicht eine ganze Reihe extremer Produktionen hätte einladen können, aber er habe sie schlicht nicht gemocht.

Obwohl Stefan Keim den Kollegen für diese Geschmäcklerei umgehend rügte und man ansonsten so tat, als wäre da nicht gerade der Fokus mit begrüßenswerter Offenheit von "bemerkenswert" zu "mögen" verschoben worden, hatte sich die Tür doch einen Spalt weit geöffnet. Wir fühlten uns an das Diktum eines früheren Jury-Mitglieds erinnert, dass man bei jeder einigermaßen gelungenen Inszenierung endlos viele Gründe für und wider finden könne, und sich deshalb auch jede Aufführung mit dem entsprechenden rhetorischen Aufwand durchsetzen ließe.

Da konnte auch nicht mehr überraschen, als die Theater heute-Redakteurin Eva Behrendt den Zuhörern eröffnete, dass es über die Einladung der von ihr als total mittelmäßig befundenen "Gertrud" eine Kampfabstimmung gegeben habe, in der die Alternative, Roger Vontobels Inszenierung von "Helden auf Helgeland", leider denkbar knapp mit drei zu vier Stimmen verloren habe, was die Jury-Jüngste offenbar nach wie vor kräftig bedauerte.

Wolfgang Höbel und Andres Müry kommen dazu

So ging man aus dieser eben doch bemerkenswerten Diskussion mit der Gewissheit heraus, dass auch die Jury des Theatertreffens es offenbar aufgegeben hat, ihre Auswahl als weitgehend unbezweifelbare, von den Theatergöttern empfangene Offenbarung auszugeben. Ein schönes Ergebnis der Öffnungspolitik, die vornehmlich die JurorInnen Eva Behrendt und Stefan Keim betreiben. Allerdings ist diese neue Transparenz schon wieder gefährdet. Der Intendant der Berliner Festspiele Joachim Sartorius und die Leiterin des Theatertreffens Iris Laufenberg, die alleine die Jurymitglieder berufen, haben für die ausscheidenden Karin Cerny und Hartmut Krug die Kritikerschlachtrösser Wolfgang Höbel und Andres Müry berufen.

Man könnte auch sagen, sie haben zu Theater heute, Süddeutscher Zeitung, Welt und Frankfurter Rundschau nun auch noch den Spiegel und Focus ins Boot geholt. Nennenswerter Widerspruch von außen droht dem Theatertreffen und seiner Jury nun erst einmal nicht mehr. Es wird sich zeigen, ob die erreichte Öffnung hin zum Publikum weiterhin Bestand haben wird.  

 

 
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