Was Großvater nicht erzählte

von Veronika Krenn

Wien, 20. April 2017. "Ich stelle mir vor, dass dieses Stück ein Gespräch mit Dir ist, eines das erst beginnt", sagt Ivna Žic in einem imaginierten Brief an ihren Großvater. Er sei ein großer Erzähler gewesen, der seiner Enkelin von früh bis spät Geschichten erzählte, aber für seine eigene – bis zu seinem Tod – keine Worte fand. 70 Jahre danach macht die Autorin sich auf die Suche nach Spuren der Vergangenheit. Gemeinsam mit dem künstlerischen Schauspielhaus-Team, das sie inklusive Filmcrew bis nach Kärnten begleitet, stößt sie auf weitere, ebenso widersprüchliche Geschichten, allesamt Zeugnisse einer sich wandelnden Erinnerungskultur- und politik.

Bleiburg (slowenisch Pliperk) ist ein 4000-Seelen-Ort an der österreichischen Grenze in Kärnten, der noch kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Ausgangspunkt blutiger Kriegsverbrechen wurde – dem Massaker von Bleiburg. In Kroatien hatte sich in den 1930er-Jahren die Ustascha-Bewegung entwickelt, die nationalsozialistisches und faschistisches Gedankengut pflegte. Im Zweiten Weltkrieg ermordete man zehntausende Serben, Juden und Roma. Als die Partisanen der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee zum Ende des Krieges näher rückten, zogen sich kroatische Soldaten und zahlreiche Zivilisten an die österreichische Grenze zurück. Dort wollte man sich den Briten ergeben, nach Verhandlungen kam es jedoch zu einer Zwangskapitulation an die Partisanen. Bei sogenannten Todesmärschen kamen unzählige Menschen um oder wurden exekutiert und ermordet. Das Gesamtausmaß des Massakers wird unterschiedlich beziffert.

Recherche in die Gedächtnislücken

Bekanntheit erlangte Bleiburg in späteren Jahren auch durch umstrittene, alljährlich stattfindende Gedenkveranstaltungen unter nationalistischen Vorzeichen. Im Jugoslawien unter Tito wurden die unrühmlichen historischen Ereignisse verschwiegen und verdrängt. Nach dem Zerfall des Vielvölkerstaats begann man mit der Auseinandersetzung – aus den jeweiligen, unterschiedlich gefärbten Perspektiven. Restloser Rekonstruierung entziehen sich die Vorfälle bis heute, auch weil die Archive der beteiligten britischen alliierten Besatzungsmacht noch nicht geöffnet sind, wie man im Schauspielhaus Wien erfährt.

Blei2 560 Matthias HeschlAuf möglichst vielen Erinnerungswegen © Matthias Heschl

In "Blei" nähert sich Ivna Žic dem Nicht-Erzählten in der Geschichte ihres Großvaters, der an dem Todesmarsch aus Bleiburg als 19-jähriger beteiligt war und überlebte, mittels dokumentarischen Theaters. Die Suche nach einer möglichen Bühnenerzählung für das überbordende recherchierte Material durch das Team wird mit allen ratlosen "hms" und "ähs" auf Video dokumentiert. Momente des Zweifels und der Überforderung, die auch das Publikum gut nachvollziehen kann – denn es erfährt die ganze verwirrende Vielfalt der Perspektiven.

Aus der Geschichts-Produktion

Die Kamera begleitet die Phasen der Bestandsaufnahme, die Neuanfänge, die Krisen der drei Darsteller, die unter Tomas Schweigens Regie Zeitzeugen, Interviewpartner und sich selbst live synchronisieren. Vera von Gunten übernimmt den Part der Autorin, deren Reise in die Welt ihres Großvaters sie an ihre eigenen – auch sprachlichen – Grenzen bringt. Sebastian Schindegger schlüpft in die Kleider des alten Herrn, und Jesse Inmann fördert britisches Material zu Tage, während er zum kroatischen "Feind" recherchiert. Jacob Suske begleitet mit Live-Musik die Inszenierung, das gerät etwas inflationär und phasenweise mit allzu illustrierendem Charakter. Einblicke in Regiebesprechungen, Autofahrten und Schauplatzbegehungen eröffnen Raum für wohltuende stille Momente in all der Überflutung mit historischem Material. Am Ende zieht das Schlachtfeld auf der Bühne ein, Säcke von Erde bedecken den Boden, und hunderte Rechercheblätter und Materialien fliegen in die Luft.

Geschichte wird gemacht, nicht nur am Theater, so die Essenz des Abends, der nachhallt. Geschichte "historisch korrekt" zu erzählen, das bleibt zum Scheitern verurteilt. Ivna Žic und das künstlerische Team nähern sich der Historie mit Behutsamkeit, wie einem scheuen Reh, mit vorsichtigen "Sprechübungen", wie sie es nennen. Und nicht mit fertigen Geschichten, mit großen Reden. "Kann man ein solches Ereignis, einen Gewaltakt dieses Ausmaßes auch so erzählen, dass einem ab und zu die Worte dafür fehlen?" schreit Sebastian Schindegger als Großvater. Ja, man kann, und das ist gut.

Blei
von Ivna Žic
Regie: Tomas Schweigen, Bühne: Stephan Weber, Kostüme: Anne Buffetrille, Musik: Jacob Suske, Dramaturgie: Anna Laner, Video: Michael Schindegger.
Mit: Vera von Gunten, Jesse Inman, Sebastian Schindegger.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Barbara Petsch schreibt auf der Online-Plattform der Wiener Presse (21.4.2017): "Blei" sei "kein Stück, sondern postdramatisches Theater, eine chaotische Mischung aus Recherche vor Ort, Spiel, Doku und Film". Ein "Tohuwabohu von Erinnerungsfetzen, Katharsisbrocken und Sentimentalitätsdeckchen", in dem eine "ansehnliche Portion Poesie und treffende Medienkritik" stecke. Allerdings krabbele die Schauspielhaus-Mannschaft auf "allzu kindliche oder kindische Weise" in "ernsten Dingen herum". Im "Dickicht der Bilder zwischen den Möglichkeiten der Bühne und den elektronischen Medien" sei Schweigen "zwar stecken geblieben". Doch sei die Produktion "trotzdem in ihrer Vielfältigkeit spannend". Sie illustriere "das Zerbrechen jeder Ordnung und Vernunft plastisch" und zeige, dass die "so oft hell erleuchtete, bestens dokumentierte Historie letztlich rätselhaft" bleibe.

Margarete Affenzeller schreibt im Wiener Standard (22.4.2017): Die Produktion komme einer "Diplomarbeit im Fach Zeitgeschichte mit Schwerpunkt 'oral history' " gleich, inszeniert als "retrospektive Theaterrecherche". Die "Transformierung des Dokumentarischen ins Künstliche der Bühne" sei ein "klug", da es die "Strategien von Gedächtnishütern und die Konstruktion von Erinnerung" live nachvollziehbar mache. Das Produktionsteam gebe sich in der Selbstbeobachtung "demonstrativ naiv", stelle das Nichtwissen betont aus und kapituliere dann theatralisch vor den Widersprüchen.

Christina Böck beschreibt in der Wiener Zeitung (22.4.2017): Tomas Schweigen inszeniere "Blei" wie das "Making-of eines Dokumentarfilms". Auf einer Leinwand sehe man die Schauspieler und Ivna Zic zusammensitzen und beraten. Die Stimmen dazu würden live von den Schauspielern auf der Bühne synchronisiert. Wenn die Erzählung "fast unerträglich" werde, wechsele die Perspektive: Dann höre man die Stimme des alten Mannes und der Schauspieler, der ihm zuvor seine Stimme geliehen habe, leihe nun den Körper. Ein simpler, aber effektiver Trick, der deutlich mache: Dass diese Recherche niemals eine "objektive Wahrheit" zu Tage fördern könne, aber wenigstens ein "Dialog mit dem Großvater" sei.

 

 

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