Wie man mündig wird

von Kai Bremer

Münster, 22. April 2017. Als Joël Pommerats "Wir schaffen das schon" wenige Tage nach den Pariser Attentaten im November 2015 erstmals inszeniert wurde, zog es umgehend die Aufmerksamkeit des Theaterpublikums der französischen Hauptstadt auf sich. Ein Stück über die Anfänge der Französischen Revolution ganz in der Gegenwartssprache gehalten und ohne historistischen Kitsch? Davon versprachen sich offenbar viele Pariser Antworten auf drängende Fragen. In der aktuellen Spielzeit haben sich gleich mehrere deutsche Theater des Revolutionsdramas angenommen, Dortmund zunächst, gestern – am Vorabend des ersten Wahlgangs in Frankreich – Münster.

Die wiederholte Entscheidung, es in deutsche Spielpläne aufzunehmen, überrascht freilich. Das Stück schildert die ersten Stationen der Revolution, die Entstehung der Nationalversammlung und die zunehmende Militanz der Pariser Bevölkerung. Noch vor der Hinrichtung des Königs ist Schluss – mit dessen Feststellung: "Das schaffen wir schon." Der historische Rückblick benötigt umfangreiches Personal und dauert in Dortmund wie gestern in Münster über drei Stunden, obwohl beide Häuser deutlich gekürzte eigene Fassungen aufführen. Und eine wie auch immer geartete Dramaturgie, die die historischen Ereignisse strukturiert oder begleitet, geht dem Stück auch ab. Kann das funktionieren?

Der Zuschauerraum als Parlamentssaal

Das Münsteraner Publikum meinte: ganz eindeutig. Das Licht ist nach dem letzten Satz des Königs kaum erloschen, als die ersten Bravos zu hören sind. Als es wieder angeht, stehen die ersten Zuschauer begeistert auf. Als beim dritten Applaus Regisseur Stefan Otteni und sein Team die Bühne betreten, erheben sich fast alle.
Vielleicht geschieht das auch aus Dankbarkeit. Als der König einmal erklärt, weiterhin alles im Griff zu haben, geht seine Schwester Elisabeth kopfschüttelnd zur auf der Bühne sitzenden Souffleuse und schaut, ob der längst unglaubwürdige Satz tatsächlich so im Skript steht. Mit solchen metatheatralen Spielchen lockert Otteni Pommerats Texts nett auf.

Revolution2 560 Oliver Berg uDa reden sie noch (am Tisch: Christian Bo Salle, Ulrike Knobloch, Daniel Rothaug) ... © Oliver Berg

Diese Begeisterung dürfte jedoch vor allem Folge davon sein, dass die rhetorischen Momente des Stücks akzentuiert werden. Voraussetzung dafür ist die Bühne von Peter Scior: ein in großen, warm-braunen Platten eingetäfeltes Halbrund, an dem übereinander gestuft zwei Podeste angebracht sind, die durch Treppen bestiegen werden. Hinter dem höheren Podest kann sich zudem die Wand, gewaltigen Saaltüren gleichend, nach hinten öffnen. Zentral verläuft von der Bühnenmitte aus ein langer Steg bis in die hinteren Reihen des Parketts. Dieser Raum, der auch der hohe, herrschaftliche Raum des Königs sein kann, ist vor allem die Bühne der Nationalversammlung. Die Redner treten ans Mikro und sprechen das Publikum als Abgeordnete an. Die Inszenierung von Otteni suggeriert, Pommerats Konzeption folgend, Beteiligung: Man ist nicht nur Zuschauer, sondern selbst Abgeordneter.

Die Dialektik der Aufklärung

Der Eindruck, direkt als ein solcher angesprochen zu werden, lässt eine Ahnung vom Erlebnis eines vitalen Parlamentarismus aufkommen. Ungemein engagiert werden die politischen Reden vom überzeugenden Ensemble vorgetragen. Das führt dazu, dass man sich als Zuschauer immer wieder von Positionen einnehmen lässt, ehe die Gegenrede deren Schattenseiten demonstriert. Pommerats Stück setzt am Beispiel der frühen Revolution die Dialektik der Aufklärung in Szene.

Revolution1 560 Oliver Berg u... und hier eskaliert das Revolutionsgeschehen (vor dem Tisch: Bálint Tóth, Regine Andratschke,
hinter dem Tisch: Daniel Rothaug, Christian Bo Salle, Ulrike Knobloch). © Oliver Berg

Otteni schlägt sich in seiner Inszenierung nie auf eine Seite. So erwecken die gebeutelten Pariser Bürger angesichts ihrer materiellen Not in einem Moment Mitleid, um im nächsten als vulgäre Wutbürger ihre individuellen Bedürfnisse mit denen des gesamten Volks gleichzusetzen. Kurz blitzt die Gegenwart in die historische Erinnerung, aber Otteni prügelt sie nicht mit dem Vorschlaghammer breit, sondern generiert gleich die nächste dialektische Situation. Der tagespolitischen Konkretisierung, die sich offenbar zahlreiche Zuschauer von der Pariser Uraufführung versprachen, verweigert er sich damit, lässt stattdessen einen Theaterabend entstehen, der nicht nur davon erzählt, wie die Bürger mündig wurden, sondern der diesen Prozess in seiner Komplexität vorführt. Ob es dafür freilich eines solchen Textmonsters bedarf, sei dahingestellt.

La Révolution #1 – Wir schaffen das schon
von Joël Pommerat
Deutsch von Isabelle Rivoal
Regie: Stefan Otteni, Bühne: Peter Scior, Kostüme: Sonja Albartus, Dramaturgie: Barbara Bily, Michael Lethmate.
Mit: Regine Andratschke, Frank-Peter Dettmann, Ilja Harjes, Hubertus Hartmann, Maike Jüttendonk, Ulrike Knobloch, Gerhard Mohr, Daniel Rothaug, Christian Bo Salle, Carola von Seckendorff, Andrea Spicher, Bálint Tóth, Tomasz Zwozniak, als Abgeordnete der Nationalversammlung/Bürger von Paris: Bernward Bitter, Nicolas Bork, Marie-Luise Brakowsky, Jürgen Brakowsky, Kevin Cichy, Johann Demory, Daniel Drüge, Nele Erichsen, Niklas Lübbeling, Alexander Leyfeld, Elke Nagel, Sabine Roters, Iris Ströcker, Rena Weniger, Florian Wölk.
Dauer:  3 Stunde 15 Minuten, eine Pause

www.theater-muenster.com

 

Kritikenrundschau

"Knapp dreieinhalb Stunden Politik der unterhaltsamsten Art" hat Harald Suerland gesehen und schreibt in den Westfälischen Nachrichten (24.4.2017): "Terror in Paris, Putschversuch in der Türkei, Entmachtung Honeckers und Gorbatschows – alles lässt sich hier wiedererkennen." Regisseur Stefan Otteni spiele im "ausdrucksstark-schlichten Bühnenraum" von Peter Scior hinreißend mit der Illusion, das Bühnengeschehen passiere völlig ungeplant, ist Suerland begeistert: "Otteni stachelt sein starkes Ensemble so an, dass man jede Regung der Schauspieler (in wechselnden Rollen) für authentisch hält und ihr 'Spiel' vergisst."

Otteni inszeniere das Stück "mit "klarem Realismus und präziser Choreografie", so Martin Burkert auf WDR 5 (24.4.2017). Das Ensemble zeige sich in ausgezeichneter Verfassung: "Kein Text klingt papieren, sondern engagiert, politisiert, die Statements wirken hautnah herangeholt an aktuelle Debatten." Sein Fazit: "vielschichtiger und anregender Abend".

 

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