Kann süchtig machen

von Martin Krumbholz

Dortmund, 23. April 2017. Oper? Eher nicht. Die Minimal Music basiert auf der quasi unendlichen Fragmentierung und Wiederholung relativ einfacher Klangfolgen. Die Musik treibt nicht nach vorn, entwickelt sich nicht, scheint auf der Stelle zu treten. Was nicht heißt, dass die so produzierten "durchschaubaren" Klangwellen den Hörer schnell ermüden würden. Im Gegenteil: Je länger man zuhört, desto betörender ist die Wirkung.

Erzählt wird in "Einstein on the Beach" nichts. Der Fragmentierung der Melodien entspricht die Fragmentierung des Sinns – wie in dem wirren Monolog des Lucky in Becketts "Warten auf Godot", der hier in Dortmund auch zitiert wird. Die Re-Inszenierung des Opus magnum von Robert Wilson und Philip Glass aus den siebziger Jahren durch Kay Voges ist jedoch selbst nicht einfach ein kulturgeschichtliches Zitat, sondern – darin allerdings der Original-Inszenierung von Robert Wilson ähnlich – ein nahezu perfekter Theaterabend; vielleicht auch deshalb, weil hier rein gar nichts stört, keine Story, keine Botschaft, keine Ideologie, kein Überschuss an Kunstwillen.

Kalkulierte Magie

In dem eher kleinen Orchester (es sitzt im Hintergrund der Bühne) dominieren – neben zwei Orgeln – die Bläser: Flöten, Saxofone, Klarinetten. Nur eine Geige – die Einstein-Geige. Sie hat mehrere furiose Soli und wird den Abend nach dreieinhalb Stunden beschließen. Der 12-köpfige Chor – das Chorwerk Ruhr – singt ausgezeichnet, einmal wunderbar a cappella, wie auch die Orchestermusiker tadellos spielen, alles unter Leitung von Florian Helgath. Hinzu kommen (nur) sieben Solisten, drei Sänger und vier Schauspieler.

einstein 0396 560 Thomas Jauk Stage Picutre u© Thomas Jauk / Stage Picture

Aber man täusche sich nicht, das ganz Einfache ist zugleich auch ganz komplex. Deshalb ermüdet man auch nicht. Man ist hellwach und konzentriert. Schon der Anfang verdeutlicht das Programm: Der Chor singt lediglich Zahlen, "one, two, three, four…", in winzigen Variationen, während zwei Schauspielerinnen in ebenso geringfügigen Variationen Texte sprechen, die aus Floskeln und Redensarten bestehen, aber keinen Sinn preisgeben. Es wird so schnell nicht aufhören, aber man ahnt: Es wird aufhören, bevor man es leid ist. In diesem Kalkül liegt die Magie. Die Verführung. Einmal, im späteren Verlauf, heißt es im Übertitel: "Noch 200 Mal." Es mag wie eine Drohung klingen, noch 200 Mal ein paar Phrasen über einen Gelegenheitseinkauf im Warenhaus – aber am Ende ist man fast enttäuscht, wenn nach circa 150 Malen Schluss ist.

Chaos in die Ordnung gebracht

Es bricht dann ab, und die nächste Sequenz folgt. Eine Pause gibt es nicht, und nur wenige folgen dem Angebot, den Saal an beliebiger Stelle zu verlassen. Man kann sich nicht losreißen. Ein beleibter Mann, als Affe verkleidet, tritt auf und zitiert Luckys Vortrag aus "Warten auf Godot" über die Existenz eines leiblichen Gottes mit weißem Bart und über die Praxis der Sportarten, Wintersportarten, Herbstsportarten, Tennis, Golf mit neun und mit 18 Löchern. Es ist das herzzerreißende Dokument einer intellektuellen Verstörung, eine Ikone der Spätmoderne. Wenn laut Adorno die Aufgabe der Kunst darin liegt, Chaos in die Ordnung zu bringen (in welche?), haben Wilson und Glass und Voges diese Maxime ernstgenommen – freilich in absoluter Perfektion. "Trotz Tennis."

einstein 0700 560 Thomas Jauk Stage Picutre uDa ist er wieder, der Affe (Andreas Beck, Damen und Herren des ChorWerk Ruhr, Raafat Daboul)
 © Thomas Jauk / Stage Picture

Wiederholung kann süchtig machen. Also Vorsicht: "Einstein on the Beach" kann süchtig machen. Die Orgel-Soli, die Violin-Soli (der Geiger im Einstein-Outfit), die minimalistischen, aber ungemein prägnanten Choreografien. Auch als subtile Parodie auf das Gesamtkunstwerk à la Wagner ließe es sich lesen. Opulente Geste, zerlegter Sinn. Der beleibte Mann tritt wieder auf, als Affe verkleidet, und zitiert aus Leo Navratils "Schizophrenie und Sprache". "Rot ist eine schöne Farbe. Dann kam Blau hinzu und rief: Viola! Violetta!"

Und der Mann mit der Violine kommt. Und der Sänger im Rollstuhl. Und ein Wesen mit langen Beinen, vermutlich ein weibliches, scheint in einem Pilz zu verschwinden. Und, natürlich, Video all the time. Und dann erscheint wieder der beleibte Mann, als Affe verkleidet, und sagt: "Grün ist die Farbe der Wiese. Weiß ist der Schnee. Lila ist die Farbe der toten Formen." (Oder Fahnen?) O ja, es ist magisch. Trotz Tennis.

Einstein on the Beach
Oper von Philip Glass und Robert Wilson
Musikalische Leitung: Florian Helgath, Regie: Kay Voges, Bühne: Pia Maria Mackert, Kostüme: Mona Ulrich, Licht: Stefan Schmidt, Visual Concepts and Art: Lars Ullrich, Mario Simon, Dramaturgie: Georg Holzer, Alexander Kerlin, Matthias Seier.
Mit: Hasti Molavian, Ileana Mateescu, Ks. Hannes Brock, Bettina Lieder, Eva Verena Müller, Andreas Beck, Raafat Daboul, dem ChorWerk Ruhr und Musikern der Dortmunder Symphoniker.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.theaterdo.de

 

Mehr zu Einstein on the Beach:  2014 zeigten die Berliner Festspiele eine restaurierte Version der legendären Wilson-Inszenierung von 1976.


Kritikenrundschau

"Mit Hilfe von sieben Licht- und Videokünstlern schaffe Voges eindrucksvolle Bildwelten und zeigt zugleich den subversiven Humor dieses Werkes", so Ulrike Gondorf in Fazit Kultur vom Tage auf dradio (23.4.2017). Philipp Glass und Robert Wilson wollten 1976 mit diesem performativen, abstrakten Theater die Bühne revolutionieren, so wie Einstein die Grundlagen der Physik verändert hatte. Voges' Arbeit sei nun die erste, "bei der weder der Komponist Glass noch der szenische Erfinder Robert Wilson ihre Hände im Spiel hatten". In Dortmund schaffe man eindrucksvolle Bildwelten, "die sich im Rhythmus und in der Stimmung der visuellen Veränderungen ganz eng an die Musik anlehnen". Voges gehe dabei durchaus ökonomisch zu Werke, beginnt mit dem fast leeren Bühnenraum und schwarz-weißen Kostümen und steigert den Abend allmählich in einen Rausch von Farben und Dynamik. "Die überwiegend abstrakten Videobilder eröffnen kosmische Räume, lassen die farbigen Pixel explodieren, bringen unendliche Strudel zum Kreisen oder zerhacken den Raum in geometrische Muster."

Kay Voges verlasse sich vor allem auf die visuellen Künstler, schreibt Pedro Obiera in der Westfälischen Rundschau (25.4.2017). Und "die schöpfen aus dem Vollen", "lassen sich die Chance nicht entgehen und sorgen für beeindruckende Bilder, Effekte, Videoeinspielungen und ein Füllhorn fantasievoller Kostüme." Das stelle insgesamt die Regie und die Qualität der Komposition in den Schatten. "Für ein Stück Musiktheater, noch dazu von solcher Länge, reichen schöne Bilder allerdings nicht aus." Schade sei das für den Einsatz von Florian Helgath und das fabelhafte ChorWerk Ruhr, das ätherische Klangwirkungen erziele.

 

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