Arzt am Leibe der Zeit

von Esther Slevogt

27. April 2017. Es ist natürlich längst überfällig, an dieser Stelle einmal auf den Urheber des Titels dieser Kolumne, auf Carl Sternheim zu verweisen. "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" – das ist ja eigentlich die Klammer für diverse Dramen Sternheims, die in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entstanden und gemeinhin als Komödien bezeichnet werden. In Wahrheit jedoch handelt es sich um Tragödien: Tragödien des Kleingeists, der verkrampften Aufstiegshoffnung und der Gier des (wilhelminischen) Bürgertums. Bürger, die in ihrer brutalen Genusssucht und Gefühlsunfähigkeit jämmerliche wie gefährliche Figuren abgeben.

kolumne 2p slevogtAber in der Inbrunst, mit der sie parvenühaft den Adel und seine Posen imitieren, können sie auch ziemlich herzzerreißende Wirkungen entfalten. Da braucht ein Regisseur gar nichts zu karikieren. Was Sternheims Figuren leider allzu oft in Inszenierungen seiner Stücke widerfährt. Auch ein Weg, Süffisanz und Satire die Zähne zu ziehen, mit der Sternheim den Typen, die er in seinen Dramen modellierte, ziemlich unbarmherzig zu Leibe rückte: "als Arzt am Leibe seiner Zeit", wie er es selber formulierte. Ein Arzt, der mit diebischer Freude dem Bürger den fetten Bauch aufschnitt und seine ärmlichen Eingeweide dem Gelächter preisgab. Aber eben auch die zarten Emanzipationshoffnungen von Proletariern, Angehörigen der jüdischen Minderheit und anderen, bisher vom bürgerlichen Heldenleben Ausgeschlossenen mit spitzer Feder auszumalen verstand, die im explodierenden Kapitalismus der Gründerjahre im Kaiserreich plötzlich Morgenluft und Freiheit witterten und mit Entschlossenheit ihre neuen Möglichkeiten nutzten.

Geschichte ins Glück wenden

Am Anfang seiner Karriere hat es Sternheim auch mit ernsten Stücken versucht. "Don Juan" hieß eins davon zum Beispiel, im September 1913 am Deutschen Theater in Berlin von Max Reinhardt uraufgeführt. Dem Kritiker Georg Hensel ist hierzu eine Anekdote zu verdanken: Als der Schauspieler Paul Wegener, der damals bei Reinhardt den König Philipp spielte, auf der Bühne seinen Minister (in ganz anderer Angelegenheit) fragte: "Wer schrieb den Unsinn?", habe ein Zuschauer vergnügt aus den Zuschauerraum gerufen: "Sternheim!" Woraufhin der Rest der Tragödie in allgemeiner Heiterkeit untergegangen sei. Sternheim schrieb nie wieder ein Trauerspiel.

Doch sind seine Komödien natürlich nichts anderes: Trauerspiele einer Klasse, der es nicht gelingt, die Geschichte zum Glück zu wenden, weil ihr immerzu Geld und Gier dazwischen kommen. Aber die in aller peinlichen Beschränktheit am Ende trotzdem triumphiert. Weil es ja scheinbar doch das Höchste der Gefühle ist, als Bürger im Bürgertum anzukommen. "Du bist Bürger, Paul!", sagt am Ende des berühmtesten Stücks aus dem bürgerlichen Heldenleben der titelgebende Bürger Schippel zu sich selbst, der im ersten Akt noch ein waschechter Proletarier war. Der Regieanweisung Sternheims zufolge verbirgt er während dieser Worte "überwältigt sein Gesicht in den Händen", redet leise und voller Glückseligkeit, um sich schließlich vor sich selbst zu verbeugen. Statt in Menschen verlieben sich Sternheim-Figuren in Geld-Kassetten. Und hinter der Fassade des Bürgers (der bei Sternheim deswegen gerne auch "Maske" heißt) klafft in der Regel das Nichts.

Löcher in Tischdecken

Am 1. April (sic!) wurde Carl Sternheim 1878 in Leipzig geboren: als ältestes von sieben Kindern eines jüdischen Bankiers und seiner Frau, die Tochter eines protestantischen Buchdruckers war. Väterlicherseits war Sternheim mit so illustren Familien wie der Heinrich Heines oder Moses Mendelssohns verwandtschaftlich verbunden, mütterlicherseits eher kleinbürgerlich verwurzelt. Wahrscheinlich wusste er aus eigener Anschauung genau, wovon er schrieb, wenn er die absurden und extremen Auswüchse im bürgerlichen Verhalten sezierte, das auch aus der Überforderung entstanden war, die der plötzliche Aufstieg dieser Klasse aus den Niederungen des Feudalismus für sie bedeutet hatte.

"Carl, du brennst fast bei jeder Mahlzeit ein Loch in die Tischdecke", ist eine Rede seines Vaters an Carl Sternheim überliefert. "Da eine Damastdecke 400 Mark kostet, so sind das jährlich für 427 000 Tischtücher, oder bei heutigem Diskont von fünf Prozent die Zinsen von 8 544 000 Mark. Ich habe also im Jahr allein zehn Millionen für Tischwäsche auszugeben. Und da ich dazu nicht im Stande bin, erlaubst du, dass ich mich erschieße."

Wie eine Ibsenfigur

Sternheim selbst ließ für sich am Anfang des 20. Jahrhunderts bei München ein schlossähnliches Anwesen mit eigenem Theater bauen, die Villa Bellemaison in Höllriegelskreuth. Er hatte in zweiter Ehe Thea Bauer geheiratet, eine Fabrikantentochter, die nach dem Tod ihres Vaters ein Vermögen von 2 Millionen Reichsmark geerbt hatte. 1912 zog Sternheim mit Thea in ein Schloss in Belgien um. 1915 überwies er das Preisgeld (800 Reichsmark) für den ihm zuerkannten Fontanepreis an den damals noch völlig unbekannten Franz Kafka, dessen Erzählungen ihn ziemlich beeindruckt hatten (besonders "Die Verwandlung", wie man weiß).

Die Widersprüche des Lebens (und seiner sexuell ausschweifenden Existenz) gingen nicht spurlos an Sternheim vorüber: Immer öfter hatte er mit zunehmendem Alter Wahnvorstellungen und Depressionen. Am Ende verfiel er als Folge seiner Syphiliserkrankung wie eine Ibsenfigur. Er starb am 3. November 1942 in der von den Nazis besetzen Stadt Brüssel. "Der Mensch ist nur ein Spucknapf, in den die Epoche ihren Schleim entleert. Ich spucke lieber aus mir heraus, als dass ich mich so benutzen lasse." Auch so ein Sternheim-Satz.

Esther Slevogt ist Redakteurin und Mitgründerin von nachtkritik.de und außerdem Miterfinderin und Kuratorin der Konferenz Theater & Netz. In ihrer Kolumne Aus dem bürgerlichen Heldenleben untersucht sie: Was ist eigentlich mit der bürgerlichen Öffentlichkeit und ihren Repräsentationspraktiken passiert?


Zuletzt schrieb Esther Slevogt in ihrer Kolumne über über Jahreszeiten-Lyrik, die schon mal an den Eisdecken der Gegenwart kratzt.

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