Totschlagworte in La-La-Laber-Land

von Frauke Adrians

Berlin, 28. April 2017. Verrat ist so schwerwiegend, dass es ihn nicht im Plural gibt. Aber in diesem Stück passiert er ständig, als eine der leichtesten Übungen. "Verräter" ist ein politischer Kampfbegriff, besonders gern angewendet von den neuen und alten Rechten.

Radikalsubjektive Begriffsabklopfung

Als Verräter, zerknirscht und schuldbewusst, fühlen sich aber auch die Akteure in Falk Richters Stück – und dass dabei die Grenzen zwischen Schauspieler-Autobiografie und Rolle verschwimmen, ist Programm: Mareike aus der tristesten Gegend von Sachsen-Anhalt übt Verrat an ihrer Herkunft und ihrer Mutter, indem sie sich für beide schämt. Mehmet verrät in Istanbul seine Liebe, indem er in der aufgepeitschten Stimmung während des Militärputsches lieber nicht in der Öffentlichkeit nach der Hand seines Freundes greift.

Knut erfährt irgendwann, dass seine Gelsenkirchener "Ruhrpolen"-Familie eigentlich einen polnischen Namen hatte. Verrat an der eigenen Abstammung? Das lässt Knut in Falk Richters Worten sinnieren: "Ist das Verrat oder Freiheit oder Kampf oder der Versuch, nicht unterzugehen?" Jaja, das Private ist politisch, das Politische privat und das Pathos niemals weit, aber wann wäre es Falk Richter davor je bange gewesen.

verraeter 3 560 ute langkafel maifoto uDas Ende der Welt wie wir sie kannten?  © Ute Langkafel | Maifoto

"Verräter – Die letzten Tage" ist Begriffsabklopfung und radikal subjektive Standortbestimmung, ist auch Wuttirade gegen diejenigen, die andere und Andersdenkende gewohnheitsmäßig als Verräter diffamieren. Ab und an, immerhin, wird die bängliche Frage hörbar: Warum fühlen die sich eigentlich verraten? Hätten wir denen vielleicht auch mal zuhören sollen? Aber gegen Ende – und nachdem sich der Abend schon sehr gelängt hat – machen die Regie und Aliocha van der Avoorts Videos eine behagliche "Wir gegen die"-Kuschelecke auf: Die Schauspieler auf den Leinwänden fläzen sich gemeinsam im Bett, albern mit Trump- und Erdoğan-Masken herum und überkritzeln ein Putin-Foto. Das ist kindisch, aber es ist auch eine Befreiung: Wir spielen euer Verräterspiel nicht mit. Uns geht es um etwas ganz anderes als eure Totschlagworte.

Schreibwerkstatt des Grauens

Nämlich ums ganz Große und wieder mal um alles: um sexuelle Identität und Feminismus, um migrantische Biografien und aufgezwungene Rollen, Arbeitslosigkeit und Behördenwillkür, den Nahostkonflikt, die schaurigsten Politiker der letzten paar Monate, in- wie ausländisch, und die Abwehr von Nazis. Falk Richter schiebt Text auf Text, Monolog an Monolog und kokettiert mit dem Kritikervorwurf, in seinen Stücken gebe es keine Dialoge. Wir wollen auch gar keine, lautet die Botschaft, denn wir wollen ja gerade zeigen, dass keiner mehr zuhört und sich alle nur noch gegenseitig mit Statements und Schlachtrufen volldröhnen.

Besser wohl keine Dialoge als solche, wie der Autor und Regisseur sie in einer Art Schreibwerkstatt des Grauens geradezu kabarettistisch inszeniert: Da begeistert sich Kursleiter Daniel, alias Jakob, alias Bernd, für ein Musicalprojekt zum Thema "Jüdische Kollaborateure im KZ" und labert – schlimmer noch, trällert, "so La-La-Land-mäßig" – gnadenlos an der Israelin Orit vorbei. Was tun: lachen oder sich fremdschämen? Am besten beides.

Penetrantes Endzeitraunen

Der Abend, der mit Mareikes Kindheitserinnerungen und Mehmets traumatischen Istanbul-Erlebnissen mitreißend beginnt, erlahmt in der zweiten Hälfte. Zu viel Klischee, Kitsch auch, zu viele verbrauchte Bilder für ein Stück, das doch gerade den sorgsamen Umgang mit Sprache zum Thema (wenn auch nur zu einem Thema unter vielen) hat – und manchmal eine aufdringliche Fröhlichkeit, die offenbar den Gegenpol zu dem nicht minder penetranten Endzeitraunen der "letzten Tage“ bilden soll. Wenn man dann aber gerade anfängt, sich verhalten über Orits "Ich will so sein, wie ich bin"-Vortrag zu ärgern, kriegt sie selbstironisch die Kurve und erklärt, sie müsse ja nur deshalb so lange reden, weil die Band noch nicht spielfertig sei.

verraeter 1 560 ute langkafel maifoto uOrit Nahmias und unter der Wolfsmaske: Daniel Lommatzsch © Ute Langkafel | Maifoto

Die Schauspielerband gehört zu den Stärken des Abends, sie kann alles von Punk bis Depeche Mode und lässt die Siebziger und Achtziger anklingen, die Katrin Hoffmann nebst einer Gelsenkirchener Abraumhalde im Bühnenbild verewigt hat: Kinderzimmerposter von Madonna, Michael Jackson, Rambo und den Ramones, dazu ein Fernseher in Rosa. Sahen die TV-Nachrichten damals nicht auch schlimm aus? Und gibt es die Welt nicht trotzdem immer noch? Çiğdem zieht sogar aus dem Anblick der überwucherten Ruinen von Angkor Wat Hoffnung, die sie an Trumps Amtseinführungstag besichtigt hat: Die Natur bemächtigt sich der Mauern; "Reiche vergehen, er wird auch vergehen". Wieder einer weniger von denen, die überall Verräter sehen. Wenn das kein Trost ist.

 

Verräter – Die letzten Tage
von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne und Kostüme: Katrin Hoffmann, Musik: Nils Ostendorf, Live-Musiker: David Riano Molina, Video: Aliocha van der Avoort, Licht: Carsten Sander, Dramaturgie: Jens Hillje.
Mit: Mehmet Ateşçi, Knut Berger, Mareike Beykirch, Daniel Lommatzsch, Orit Nahmias, Çiğdem Teke.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.gorki.de


Kritikenrundschau

André Mumot schreibt auf der Website von (obacht neu!) Deutschlandfunk Kultur seinen Fazit Beitrag (28.4.2017) auf: Es handele sich vor allem um eine "Ensemble-Selbstbespiegelung". Das Stück häufe politische und private "Verratserfahrungen" an. Dieses "intime Referatstheater" steigere sich in ein "selbstreferentielles Crescendo" nach dem anderen hinein. Der neue Falk-Richter-Ton: "Mach kaputt, was dich kaputt macht, lautet das Motto – zumindest verbal". Es gehe Richter nicht mehr um "theatrale Qualität", sondern um "Haltung". Doch stecke der Abend in "mauem Authentizitätsgeschwurbel" fest. "Mal wird mitreißend musiziert, dann erscheinen die zunehmend erregten Dialoge ironisch gebrochen und verspielt, dann wieder quälend privatistisch und beliebig."

Einen starken Auftakt habe der klug gedachte Abend im Berliner Maxim Gorki-Theater, das Anfangsversprechen werde allerdings nicht eingelöst, so Christine Wahl im Tagesspiegel (30.4.2017). "Verräter" will die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung, den Rechtsdrift mit einer soziologisch-biografischen Herkunftsanalyse verbinden. Leider drifte Richters Abend in "wesentlich Gefälligeres ab, in Bewährtes und mitunter auch Beliebiges." Viele Gedanken auf der Bühne bleiben schärfer als die szenische Beweisführung. Alles sei nachvollziehbar und auch nicht ganz unamüsant gespielt, "gehört inzwischen allerdings zum Standard von Bühnenabenden, die mit den Biografien ihrer Schauspieler arbeiten. Jedenfalls am Gorki. 'Verräter' hätte das Zeug gehabt, darüber hinauszugehen." So bleibe es bei einigen intensiven Momenten, "vieles, was man aus anderen Falk-Richter-Abenden kennt: Trump- und Putin-Bashing, dazu stets der passende Soundtrack und Eskapismussehnsüchte aus dieser immer anstrengender werdenden Realität."

In der Berliner Zeitung (2.5.2017) schreibt Dirk Pilz: Der Abend sei ein "Desaster". Nicht "schauspielerisch, auch nicht musikalisch, aber inhaltlich". Denn der Abend überlasse sich dem "Sog des Assoziierens". Richters Projekt wolle "ausdrücklich politisches Statement mit den Mitteln der Kunst sein". Er nehme die zentrale Denkfigur der Rechten auf: den Verrat. Und begebe sich damit "wissentlich auf Glatteis". Denn "wer von Verrat spricht, nimmt an, dass es das zu Verratende auch gibt, eine geschlossene Identität oder eine fixierbare Herkunft genauso wie das Vertrauen in Beziehungen oder Familie". Dabei allerdings sei zu unterscheiden, es handele sich bei privatem und politischem Verrat nicht um ein und dasselbe. Die Inszenierung vermische dies jedoch unablässig. Unterschiede würden übergangen, Scheindifferenzen etabliert. Es werde der "Mist produziert, auf dem die Ideologien blühen".

Die klarsten Worte findet vielleicht Jan Feddersen in der taz (3.5.2017): Der Abend sei ein "sammelsurischer Reigen der real existierenden Klingeltöne in den bohemistischen Szenen unserer (hauptstädtischen) Welt". Ein "streckenweise ödes Geraune" um die "gedankenfaule Idee", dass die Welt am Abgrund stehe. Es fehle an "intellektuell einheizender Arbeit am Stück und an dessen Umsetzung". Die These im Hintergrund, aus "Rückkehr nach Reims" von Didier Eribon, "der momentan als identitärer Linker verbreitet, Macron sei recht eigentlich der eigentliche Le Pen", sei "ermüdend und leider nicht empörend genug". Man wünsche den Figuren das "offen ausgesprochene Bekenntnis, dass die Welt eigentlich schön ist". Das "Verblüffende" sei ja, dass die Schauspieler*innen eine "sehr charmant anzusehende Lebenslust" ausstrahlten, ein keineswegs "depressiv gesinntes Agieren". Kurzum: ein "dräuender Schwank, bestückt mit Material aus dem Arsenal links gesinnter Weltvorstellung".

 

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