Signale aus der Filterblase

von Lukas Pohlmann

Chemnitz, 28. April 2017. Der Sound ist schon da als das Publikum die kleine Bühne im Ostflügel des Chemnitzer Schauspielhauses betritt. Eine säuselnde Stimme aus dem Off begrüßt die Zuschauer und dankt ihnen für ihre Anwesenheit. Trotz der widrigen Bedingungen. Widrige Bedingungen? Es gibt doch einen tollen Anlass! Der Förderverein des Theaters stiftet seit einigen Jahren einen Preis für Junge Dramatik inklusive Uraufführung. Gewinner diesmal: InnerOuterCity von Azan Garo. Untertitel: "Dramatische Anrisse einer allgemeinen Verunsicherung in 29 Szenen." Die Verunsicherungen werden Programm.

Abstrakte Bedrohung

Der Einlasssound bricht ab, es folgt ein Knallen und Wummern, ein Lichtwechsel – und dann lange nichts. Außer dem Magenknurren eines Wartenden im Zuschauerraum. Fast kommt Langeweile auf. Denn nicht mal das Bühnenbild birgt Anlass für einen Gedankensturm. Man sieht nur eine gezimmerte Kulissenwand – zunächst sogar nur von hinten. Hinter dieser lassen sich irgendwann doch leise Stimmchen vernehmen. Die zur Erheiterung des erlösten Publikums gleich mal genüsslich reflektieren, wie es den Wartenden so gehen mag. Bis eine Stimme vorschlägt, man könne doch ein Gedicht aufsagen. Was eine andere jedoch partout ausschlägt: "Kein Gedicht in dieser poesiefeindlichen Stadt". Ausgelassene Erheiterung im Chemnitzer Publikum.

InnerOutercity 560 DieterWuschanski uDa tut sich was, vor der Kulissenwand: mit Maria Schubert, Magda Decker, Ulrike Euen
© Dieter Wuschanski

Irgendwann schälen sich aus dem Bühnendunkel drei weiße Gestalten in Spusi-Anzügen, die scheinbar als Neuankommende unsicheres Terrain betreten. Letztlich bleiben aber sie selbst Unerklärliche: Als die Frauen Atemmasken und Kapuzen abstreifen, kommen zombiehaft maskierte Gesichter zum Vorschein. Die Spusi-Zombies treten an, die Intention des Abends zu vertiefen: Der Ernst der Stunde wird beschworen, eine abstrakte Bedrohung benannt aber nicht weiter beschrieben und schließlich ein Zuschauer zum hypothetischen Schläfer erklärt, an dem die entsprechenden Klischees – "die lernen sogar oberflächlich zu schlafen" – durchexerziert werden. Dabei offenbart der Autor ein gutes Händchen fürs Sampeln und situative Komik. Die Phrasen sind bekannt, sie sind aber klug geschachtelt und etwas überformt, so dass eine interessante Bühnensprache entsteht.

Performer-Futter

Im Publikum schläft natürlich niemand. Schon gar nicht Konstantin Weber, der sich als einziger Mann im Ensemble in der letzten Reihe erhebt und die nächste Szene anreißt. Plötzlich entsteht eine Schauspielprüfungssituation. Ulrike Euen, Maria Schubert und Magda Decker, die Damen auf der Bühne, werden zur Jury, die das Vorspiel des Kollegen bewertet. Irgendwie geht das für ihn gut aus, denn von nun an darf er mitspielen, auch wenn er neben dem Dreigestirn immer ein wenig außen vor bleibt. Jetzt wird die ernste, unsichere Lage weiter beschworen. Denn die kommenden Szenen sind ein kluges Doku-Sample aus Arabischem Frühling, zeitlosem Aufstand, Attentats-Berichterstattung und allerlei Berichten zur Lage der Gesellschaft. Die Texte bleiben immer nebulös und benennen keine konkreten Ereignisse.

InnerOutercity1 560 DieterWuschanski uZombies in der Phrasenblase: Magda Decker und Maria Schubert © Dieter Wuschanski

Regisseur Stephan Beer und sein Team zeigen schöne Einfälle zur Anreicherung der 29-Szenen-Collage. Zumal sie es bei "InnerOuterCity" eher mit Performer-Futter zu tun haben als mit geformten Theaterfiguren und Situationen. Die vierte Wand etwa existiert niemals, die Akteure verhandeln ihre Inhalte fast immer mit einem intensiven Blick ins Publikum. Nur, wenn ein Maskenträger zum Rapport antritt und im Live-Video von der "Lage" in der "InnerOuterCity" berichtet, von der es aber nur ein diffuses "irgendwas passiert hier, die Lage ist unübersichtlich“ zu berichten gibt, entsteht eine Art Handlung.

Vorurteilsrhetorik der medial ausgebreiteten Gegenwart

Viel lieber als Handlungsbögen widmet sich Azan Garo in seinem Debutstück selbstreferenziell dem Theater als dem Ort seiner Versuchsanordnung: Beispielsweise steigt Ulrike Euen, scheinbar als sie selbst, im Zenit der Szenenfolge aus ihrer "Rolle" aus, um sich über das Nichtvorhandensein einer Figur mit echten Emotionen und richtigen Themen zu beschweren. Die "Pause", die sich die drei Spielerinnen daraufhin vom maskierten Nichtfiguren-Sein nehmen, ist dank ihrer pseudo-privaten Gespräche der Höhepunkt der Verunsicherung. Jedenfalls für das Publikum.

Dem präsentiert Garo einen Blick auf die Welt, dem sich schwer widersprechen lässt. Das ist schade. Da ist "InnerOuterCity" wie eine Theater gewordene Filterblase. Mit der Essenz, dass es immer irgendwie absurd wird, wenn die unmittelbare Realität im Theater behandelt wird. Mindestens so absurd, wie die Angstschürer- und Vorurteilsrhetorik der medial ausgebreiteten Gegenwart. Obwohl der Abend wirklich anregend und streckenweise urkomisch ist, fehlt ihm der Nachhall. Wenn das Stück nach einer Stunde vorbei ist, könnte eigentlich eine zweite folgen, in der die Blase zerplatzt und man den verhandelten Themen unter die Oberfläche schaut. Das Potenzial wäre bei den Spielenden und der Inszenierung allemal gegeben. Allein dem Text mangelt es dann an einer tieferen Ebene.

 

InnerOuterCity
Dramatische Anrisse einer allgemeinen Verunsicherung in 29 Szenen
von Azan Garo
Uraufführung
Regie: Stephan Beer, Bühne und Kostüme: Georg Burger, Musik: Steffan Claußner, Dramaturgie: René Schmidt.
Mit: Magda Decker, Ulrike Euen, Maria Schubert, Konstantin Weber, René Schmidt (Stimme).
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theater-chemnitz.de


Kritikenrundschau

"Ironisch-groteske Unterbrechungen, Versatzstücke, zuweilen Zynismus und Clownerie unterlaufen das Stück, das eigentlich nicht mehr als ein Text ist. Ein Theatertext – ohne szenischen Raum, ohne Plot." So beschreibt Maurice Querner in der Freien Presse (1.5.2017) die Spielvorlage von Azan Garo. Die Theaterqualität des Textes stelle sich erst in der Inszenierung her. Regisseur Stephan Beer lege das Stück "als Groteske mit einigem Schauwert" an. "Dem Zuschauer wird zwar keine konventionelle, durchkomponierte Geschichte erzählt, doch wird ihm durchaus das Gefühl einer permanenten Verunsicherung und Bedrohungslage suggeriert."

Für Wolfgang Schilling im MDR Kultur (30.4.2017) ist Azan Garos Stück eine "nicht ungeschickt" erstellte Zusammenschau dessen, was man an tagesaktuellen Berichten aus den Medien "zur Lage im Allgemeinen" erfahren könne. Regie und Schauspieler in Chemnitz hätten dem Text einen "rasanten, unterhaltsamen Abend" abgewonnen. Im apokalyptischen Endzeit-Finale macht der Kritiker starke Einflüsse von Heiner Müller aus. Ansonsten aber halte sich der "Erkenntnisgewinn" in Grenzen, komme Garos Vorlage nicht an diesen "Altmeister dieses analytischen Gesellschaftstheaters" heran. Vielmehr würden hier mediale Brocken "aus dem Alltagsgeschehen" eher "eins zu eins" ohne "zweite oder dritte Ebene der Betrachtung" hingeworfen.

Andreas Herrmann schreibt in den Dresdner Neuesten Nachrichten (5.5.2017): Dass den Autor allerlei biographisches Geheimnis umgibt, hätte dem Genuss der einen Stunde Spielzeit "keinen Abbruch" getan. Nach der "hochdynamischen und stimmigen Darstellung" könne man "Regie und Dramaturgie bescheinigen, eine überaus nachfühlbare Zustandsbeschreibung zu liefern". Deren Unsicherheit verdanke sich einer Mischung von "Überwachungs- und Erschöpfungsgefühl einer vollends ausdifferenzierten Stadtgesellschaft". Ensembleleistung, Musik und Ausstattung seien beeindruckend.

 

Kommentar schreiben