Die Gletscher brauchen sein Gedächtnis nicht

von Andreas Klaeui

Luzern, 30. April 2017. Ein Mensch tritt auf und sagt: "Es müsste möglich sein, eine Pagode zu türmen aus Knäckebrot. Guten Abend." Es ist etwas Merkwürdiges um Max Frischs späte Erzählung vom Sich verlieren, ein melancholischer Anhauch und eine präzise Nüchternheit im Trübsinn, die die musikalischsten unter den jüngeren Regisseuren (die etwa dann geboren sind, als Frischs Erzählung erschien) anzusprechen vermag.

Nachdem Thom Luz zur Saisoneröffnung im Deutschen Theater in Berlin ein musikalisches Nebelbild zu "Der Mensch erscheint im Holozän" erfunden hatte, mit kreisenden Klavieren und einem außergewöhnlich unsichtbaren Ulrich Matthes stets ein wenig abseits, geht nun im Luzerner Theater Felix Rothenhäusler sozusagen den konträren Weg, nämlich sinfonisch in die Vollen, und spiegelt Frischs Text als Monolog gesprochen in Gustav Mahlers zehnter Sinfonie.

Stimmige Assoziation

Sie ist wie "Der Mensch erscheint im Holozän" ein Spätwerk, oft mit autobiografischem Abschiedsschmerz assoziiert und spiegelbildlich um einen "Purgatorio"-Satz gruppiert. Auch wenn sie naturgemäß weit mächtiger anmutet als Max Frischs knapper Text, erweist sich die Assoziation doch als verblüffend stimmig. Er ist ja nun wirklich gewaltigen Mächten ausgesetzt, dieser Herr Geiser, der sich verliert im regenverhangenen Tessin und in der zunehmenden Vergesslichkeit, in einem abgeschnittenen Bergdorf, gegenüber rutschenden Hängen, im Bewusstsein der verstreichenden Zeit.

Holozaen2 560 Ingo Hoehn u © Ingo Höhn

Adrian Furrer ist Herr Geiser in Luzern. Er ist ein energischer, fast jugendlicher, jungenhafter, umtriebiger Geselle. Voller Inbrunst breitet er vor uns sein Wissen aus, und das "Vincent"-(van Gogh-)T-Shirt, das er trägt, legt eine zusätzliche genialisch sich verlierende Schöpfer-Assoziation nahe. Die allerdings Herrn Geiser ein bisschen Gewalt antut.

Abgeschnitten, sich selbst verlieren

Denn Herr Geiser kommt der Welt ganz leise abhanden. Er lebt wie der alte Max Frisch allein in einem Nordtessiner Tal. Das Unwetter schneidet sein Gebirgsdorf von der Aussenwelt ab, der Strom fällt aus; auch an Gartenarbeit ist nicht zu denken. Im Haus vertieft sich Herr Geiser in seinen Brockhaus, beginnt zu systematisieren, er unterscheidet mehr als sechzehn Arten von Donner, "Polter-Donner", "Hall-Donner", "Kicher-Donner", er beschreibt Zettel mit Wissen und heftet sie an die Wände – und realisiert doch zunehmend, wie er von sich selbst wegtritt. Auch ein Versuch, über den Berg auszureißen, scheitert. Schließlich kommt er zu der lakonischen Einsicht: "Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht."

Schöne Irritation

Aus dem Luzerner Bühnendunkel blitzen gelegentlich Lichter auf – ein fast zu deutliches Signal der Regie; und über ein Schriftband im Hintergrund laufen ironisierende Kommentare und interpretatorische Interventionen – "Wissen beruhigt" - derer es wohl ebenso wenig bedürfte. Aber dann, nach einem Drittel des gut einstündigen Abends schleichen sich einzelne Töne und Musikergrüppchen in Geisers Rede, als schöne Irritation. Aus den liegenden Tönen entwickeln sich Themen, bis die Musik endlich überhandnimmt, Geiser verstummt und Furrer nurmehr mit horchendem Blick ins Publikum schaut. Er geht auf in Mahlers Überwältigungs-Adagio; es behält das letzte Wort an diesem Abend. Das ist gewiss eine tröstliche Chiffre für Geisers Selbstauflösung. Aber das Wagnis, die beiden Kräfte, Wort und Musik, nicht nur nebeneinander zu stellen, sondern wirklich zusammenzudenken, ist man in Luzern nicht eingegangen.

 

Der Mensch erscheint im Holozän
nach Max Frisch
Regie: Felix Rothenhäusler, Musikalische Leitung: Yoel Gamzou / Winston Dan Vogel, Raum- und Lichtdesign: Matthias Singer, Dramaturgie: Julia Reichert. Mit: Adrian Furrer und dem Luzerner Sinfonieorchester.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten.

www.luzernertheater.ch

 

Kritikenrundschau

Daniela Herzog schreibt auf dem Onlineportal zentralplus (1.5.2017): "Spannungsreich" sei die Dichotomie zwischen "sprachzentriertem Schauspiel und spätromantischer Musik". Adrian Furrer beeindrucke mit einer "Gedächtnis- und Sprachperformance" sondergleichen.
Zwölf Trommelschläge läuteten "zusammen mit dem an der Grenze der Tonalität klingenden apokalyptischen Akkord Mahlers" einen Schlaganfall des Herrn Geiser ein. Die Verschmelzung von Schauspiel und Musik gelinge hier "hervorragend".

Urs Mattenberger schreibt auf der Online-Plattform der Luzerner Zeitung (2.5.2017): Adrian Furrer überspiele "vital jede Verunsicherung". Das nehme dem Text etwas von "seiner irritierenden Lakonie". Yoel Gamzous Ausarbeitung von Mahlers Skizzen schärfe furchterregend den apokalyptischen Akkord, der mit Geisers Schlaganfall zusammenfalle. Ein theatraler Eklat. Schon die "Blitzgewitter in der Dunkelheit" erinnerten an den "Funkenschlag von Synapsen". Wenn "die Übertitel zu Geisers Schlaganfall das Abschalten der Hirnregionen diagnostizieren", geschehe auf der Bühne das Gegenteil: Die Instrumentengruppen, die der Reihe nach ihre Plätze einnehmen, "vernetzen sich musikalisch in dem Masse, wie sich Geisers Hirn defragmentiert". Das Orchester, die Musik als ein "anderer menschlicher Wahrnehmungsapparat". Dieser Zielpunkt rücke den "denkwürdigen Abend" in eine "verblüffend befreiende Perspektive".

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