Mordhergänge

von Peter Schneeberger

Wien, 22. Mai 2008. Was ist schon die Liebe, wenn sie nicht zugrunde geht? Zumindest die Dichter hatten stets alle Hände voll damit zu tun, ihren Protagonisten das Glück gründlich zu vermiesen. Derart blutig wie Amir Rezas Koohestanis neues Stück Quartet: A Journey to North", das nun bei den Wiener Festwochen Premiere hatte, enden Romanzen jedoch selbst am Theater eher selten: Ein Mädchen schneidet ihrem Liebhaber ausgerechnet am Valentinstag die Kehle durch. Dann ermordet ein Mann im Blutrausch seine Mutter, seine zwei Schwestern und seinen Sohn. - Macht fünf Tote in knapp 90 Theaterminuten.

Amir Reza Koohestani ist der neue Zauberlehrling der Branche: Wesentlich jünger kann man nicht Karriere machen. Geboren im Juni 1978 im Iran, veröffentlichte der frühreife Teenager mit 16 Jahren erste Kurzgeschichten in lokalen Zeitungen, schrieb 1999 sein erstes Stück und versetzte mit seinen Arbeiten "Dance on Glasses" und "Amid the Clouds" 2005 erstmals auch das Publikum der Wiener Festwochen in Staunen. Da war er gerade mal 27 Jahre alt.

Ein Abend als vierstimmmiger Satz

Der Nukleus von Koohestanis Stückes ist das Bühnenbild: Meist entwirft er zuerst die Szenerie, ehe der Autor und Regisseur am Schreibtisch die dazu passenden, meist monologartigen Texte erfindet. "Quartet: A Journey to North" ist ähnlich abstrakt arrangiert wie ein Musikstück von Ludwig van Beethoven: Vier Schauspieler sitzen mit dem Rücken aneinander an kleinen Tischen und schildern ihre blutigen Geschichten. Die Erzählstränge greifen ineinander, ergänzen sich, werden von Videozuspielungen unterbrochen - der Abend ist als vierstimmiger Satz durchkomponiert.

Was hat zwei von diesen Figuren zu Mördern gemacht?, lautet die zentrale Frage. Koohestani vertritt die These, dass "Einsamkeit einer der Hauptgründe für die Gewaltausbrüche im 21. Jahrhundert" sei. Schon in seinen früheren Stücken machte er es seinen Protagonisten meist unmöglich, miteinander zu kommunizieren. In einem "Einpersonenzimmer" (2006) sprechen ein Mutter und ihr Sohn miteinander, ohne einander hören zu können. Wenn die Figuren aus "Amid the Clouds" über ihre geheimen Gefühle und Ansichten reden möchten, kehren sie sich voneinander ab und ziehen den Zuschauer als Gesprächspartner vor.

Auch in "Quartet" bleibt den zurückhaltend agierenden Schauspielern der Blickkontakt untereinander verwehrt. Koohestani nutzt die sachliche räumliche Anordnung zu einer bestechend wirkungsvollen Dramaturgie: Nur fürs Publikum, aufgeteilt in vier Gruppen, verdichten sich die Einzelberichte vom Tathergang zu einer Gesamterzählung, wohingegen Kooestanis Figuren zunehmender Einsamkeit ausgesetzt sind.

Zweimal Liebe und Mord  

Die Geschichte von "Quartet" geht wie folgt vor sich: Zwei Frauen erzählen die Liebesgeschichte von Negar und Shahram, die gemeinsam von einem Leben als Rockmusiker träumen, doch daran zugrunde gehen, dass Shahrams Trommelfell bei einem Konzert plötzlich platzt.

Zwei Männer erzählen die Liebesgeschichte von Bahare und Ali, der nicht verkraften kann, dass seine Frau sich von ihm scheiden lässt. Nach qualvollen Jahren, in denen er aus Kummer langsam den Verstand verliert, wird er von seinem eigenen Vater umgebracht. Die Logik des Vaters ist fatal: "Sollte ich warten, bis mein Sohn zum Mörder wird?", fragt er, zieht los und schlachtet seine Familie ab. "Wenn Ali tot ist, sollen alle anderen auch nicht mehr leben", lautet die pathologische Devise.

So raffiniert Koohestani die Rekonstruktion des Tathergangs auch gestaltet: Nie versucht er, sein Publikum mit Sprachakrobatik zu beeindrucken. Absichtlich schleust der Iraner grammatikalisch falsche Sätze in den Stücktext ein: Die Alltagssprache ist weder sauber, noch richtig, noch vollkommen. Genau daraus bezieht der Abend seine Wirkungskraft: Die sprachliche und szenische Nüchternheit steht der archaischen Wucht des Geschehens diametral entgegen und imprägniert den Abend so gegen jedes Klischee und jedes falsche Sentiment.

All dies unterscheidet Amir Reza Koohestanis Werke von vielen persischen Theaterstücken: "Sie sind kompromisslos, realistisch, dynamisch und sehr naturalistisch", urteilt sein Freund und Koautor Mahin Sadri. Qualitäten, mit denen er in Europa hingegen im Trend liegt: Von Wien reist die Produktion zum Festival Theaterformen weiter. Schließlich dreht sich 2008 auch in Braunschweig alles um neue Sachlichkeit.

 

Quartet: A Journey to North
von Amir Reza Koohestani und Mahin Sadri.
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Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Amir Reza Koohestani. Mit: Attila Pesyani, Mohammad Hassan Madjouni, Baran Kosari, Mahin Sadri.

www.festwochen.at

 
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