Das depressive Staatstheater

4. Mai 2017. In der Mai-Ausgabe des Merkur (Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken) holt der derzeitige Geschäftsführer der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle Stefan Rosinski unter der Überschrift "Das depressive Staatstheater" zu einer Art Rundumschlag gegen kulturpolitische Tendenzen im Bereich des deutschen Stadt- und Staatstheaters aus. Rosinski sieht die Kulturpolitik in einer Legitimationskrise: "Anstatt Kunst in ihrer spezifischen Kommunikationsleistung zu reflektieren – als Hergestelltsein ohne externen Zweck und irritierende Beobachtung über Beobachtung –, fokussiert die Förderpolitik in ihrer Not das Bedürfnis der Kulturinstitutionen, vor allem sich selbst als Organisationen reproduzieren zu wollen."

Als Beispiel dient Rosinski der Deutsche Bühnenverein: "Hier verhandelt man nicht etwa die Herstellungsbedingungen von Kunst, sondern die Bestandsstrategien für die Betriebe. Im krassesten Fall auch mal gegen die Künstler als Produktivkräfte." In Ermangelung eines kulturpolitisch einzufangenden Kunstbegriffs bitte "der Organisationsverband um konkrete zivilgesellschaftliche Interventionsaufträge und klagt, wenn sie ausbleiben, über mangelndes Engagement der politischen Klasse." Für Rosinski ein "fundamentaler Irrtum".

Mimesis aufs Soziale

Es sei jedoch nicht die Politik, die unterkomplex sei, "sondern das deutsche Theatersystem. (...) Die Rechtsträger befestigten die Institute wie Burgen, mit Tarifwerken und unkündbaren Arbeitsverträgen: Wir hier drinnen, die da draußen. (...) Kunstwollen ist durch eine Versorgungsmentalität ersetzt, die sozialpolitisch nach innen und kulturpolitisch nach außen wirkt: Theater als Sozialstation gilt der Befriedigung eines sozialkulturellen Mainstreams."

Letzteren sieht Rosinski in einer "Mimesis aufs Soziale", die etwa an den Münchner Kammerspielen "fröhliche Urstände feiert, egal ob als 'performative Installation' oder schlicht 'Schauspiel': Hauptsache gesellschaftspolitisch relevant." Vielleicht – so Rosinski – habe "Artaud recht damit, dass moderne Vorstellungen von Kunst schuld seien am Verlust von Kultur: als kalkulierte, utilitaristische, philosophisch und ästhetisch aufgeblähte Kunstkultur, durchsetzt von Metadiskursen gleich welcher Art und ausgestattet mit dem Pathos eines sozialkitschigen Begriffs von Aktualität".

Für die solcherart unterkomplexen Theater sei der "plötzliche Eintritt" der AfD "in die weltgeschichtliche Ordnung" ein Glücksfall: "Ein kulturpolitischer Gegner tut sich auf, an dem man sich zum Zweck der Selbsterhebung und im Auftrag der freiheitlich-demokratischen Grundordnung abarbeiten kann. Der Rechtfertigungskonsens über die Unabdingbarkeit der Kulturförderung und ihrer Strukturen sieht sich neu befeuert."

(wb)

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