Was ist los auf dem Theatertreffen?

von Esther Slevogt und Georg Kasch (unter tatkräftiger Zuarbeit der Redaktion und der Crowd – vielen Dank!)

(Dieser Liveblog wird sukzessive aktualisiert – letztes Update: 22.5., 10:38 Uhr)

 

"Guck mal, die Gesellschaft!"

22. Mai 2017. Es ist aus, das Berliner Theatertreffen. Gestern debattierte die Jury traditionsgemäß am Schluss noch einmal über die Auswahl. (Die Schlussdebatte wurde auf nachtkritik.de live gestreamt und ist als Aufzeichnung auf der Facebook-Seite des Theatertreffens noch abrufbar.) Und der Satz, der alles auf den Punkt brachte, kam dann aus dem Mund von Jurorin und Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla.

Das bezog sich zwar vordergründig auf das Fehlen von Regiearbeiten von Frauen in der Auswahl, wo Claudia Bauer allein auf weiter Flur war. Der Satz konnte aber metaphorisch auch durchaus als verklausuliertes Jury-Credo durchgehen: mit der Auswahl einen repräsentativen Schnitt, eine Art state of the art der Darstellenden Kunst zu zeigen. Und da kann man eben nur aus dem Vorhandenen schöpfen. Das Vorhandene allerdings konnte einen mitunter das Fürchten lehren.

"Guck mal, die Gesellschaft!" sagt ein nacktes Menschlein in einer Art Garten Eden. "Wo?" piepst ein anderes, "Ich seh nichts!" "Leute, die Gesellschaft zerfällt gerade," wird Menschlein 1 dann noch mal etwas ausführlicher. Und zwar in Olga Bachs und Ersan Mondtags schriller Endzeitfantasie Die Vernichtung. Da hopsen vier hedonistisch verblödete wie verrohte Menschlein im Wohlstandsparadies unserer Offenen Gesellschaft herum. Sie ahnen: etwas geschieht gerade, irgendetwas droht. Aber was? "Das werden wir erst sehen, wenn es zu spät ist. So wie es immer ist in der Geschichte. Aber es hat schon angefangen." Dann wird es ohrenbetäubend laut. Denn so genau wollen es die Menschlein in ihrem Garten Eden gar nicht wissen. Etwas verändern? Bloß nicht! Lieber betäuben sie sich und alles endet im Drogen-, Sex- und Partyrausch.

Dolby-Surround-Räuber

Ähnlich fatalistisch geht es auf den megalomanen Laufbändern zu, auf denen Ulrich Rasche im Münchner Residenztheater ebenso martialisch wie überwältigungsästhetisch "Die Räuber" von Friedrich Schiller durchexerzieren läßt, als hieße ihr Autor in Wirklichkeit Nick Tschiller. Die Spieler speien die Sätze monoton wie Flüche und Drohungen aus. Dazu stampfen sie in militärischem Gleichschritt, untermalt von einem minimalistischen Soundcluster (Ari Benjamin Meyers) aus Trommel und Violine. Bum. Bum. Bum.

"Ha!" "Ha!" "Ha!" ergänzen martialische Backgroundsänger Gleichschrittsdedröhn und Schiller-Sentenzen, während Karl Moors berühmter Satz von der Freiheit, die Kolosse und Extremitäten ausbildet, wie ein Menetekel über den Abend geschrieben scheint: des drohenden Untergangs der Welt, wie wir sie noch kennen. Und machtlos nur in den drohenden Abgrund blicken können. Doch wie hat einst böse der heute so vergessene Heinrich Heine gedichtet? "Die Freiheit hat man satt am End' ".

Weil die lastwagengroßen Laufbänder in kein zur Verfügung stehendes Berliner Theater passten, konnte die Inszenierung beim Theatertreffen nur als TV-Aufzeichnung  (Fernsehregie: Peter Schönhofer) gezeigt werden: dafür aber auf Breitwandformat mit Dolby Surround im Haus der Berliner Festspiele. Schnelle Schnitte und Großaufnahmen von Schauspielern und Maschinenteilen verstärkte den Eindruck eventiger Überwältigungsästhetik eher noch, die keine Wege ins Denken öffnet, sondern bloß betäubt, zudröhnt, ent-setzt.

twittert immerhin der Blogger Sascha Krieger. Die beiden großen Berliner Lokalzeitungen dagegen verteilen Ohrfeigen. "Das Theatertreffen schafft sich ab!" befindet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, spricht von "formatierter Betriebsamkeit" ohne Autoren, die das Treffen zwar abbilden aber durch die Fülle des Angebots auch implodieren würde. In der Berliner Zeitung ist Dirk Pilz ebenfalls unzufrieden: Das Theatertreffen trete mit seinem vollgestopften und vielformatigem Programm inzwischen "als allzuständige Super-Plattform auf", tapse auf manchem Terrain jedoch wie ein Dilettant herum. Produziere viel Nebel und wenig Nachhaltigkeit. Doch das großflächige Aufheulen der Lokalzeitungen gehört natürlich ebenso zum Ritual der traditionsreichen Veranstaltung, wie die Tatsache, dass sie im kommenden Jahr natürlich wieder stattfinden wird: wahrscheinlich völlig unbeirrt von der Kritik. Wenn es dann wieder heißt: "Guck mal, die Gesellschaft!"

(sle)

 

Gemischte Gefühle

20. Mai 2017. Das Theatertreffen ist auch da, wo nicht Theatertreffen draufsteht. Zum Beispiel bei Christoph Marthalers Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter. Manche hätten hohe Summen darauf verwettet, dass Marthalers melancholisch-milder Volksbühnen-Abschiedsabend zum Theatertreffen eingeladen wird. Es kam dann doch anders, vielleicht, weil Thom Luz' Traurige Zauberer ja selbst eine große Marthaler-Verneigung ist.

MarthalerVolksbuehneChristoph Marthaler und Anna Viebrock inmitten des Ensembles beim Schlussapplaus © geka

Dass "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" jetzt kurz vorm Theatertreffenfinale mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet wurde, fügte sich gemeinsam mit dem Theaterpreis an Herbert Fritsch zu einer Volksbühnen-Klammer. Betont auch durch den Umstand, dass Berlins Kultursenator Klaus Lederer die Laudatio hielt. Es gab Rührung im Publikum und stehende Ovationen, Blumen für alle und eine schöne Dankesrede des Geehrten, der nicht vom preisnamensgebenden Kritiker sprach, sondern von der Volksbühnenluft, davon, dass seine Arbeit ohne die Volksbühne eine andere wäre. Das war nostalgisch, aber nicht sentimental. Er zeigte sich sogar neugierig auf das, was kommt. Wobei nicht ganz klar wurde, ob er damit Chris Dercon meinte oder schon dessen Nachfolge.

(geka)

 

Die größte Show

19. Mai 2017. "Ich stehe dazu und übernehme die Verantwortung“, sagt Graham F. Valentine, Marthaler-Urgestein, zu seiner Zusammenarbeit mit Thom Luz und beschwört den "fruchtbaren Dialog". Das klingt fast nach Krise. Beim Publikumsgespräch nach der zweiten Vorstellung von Traurige Zauberer ging es lange um das Weglassen des Offensichtlichen (in diesem Fall: Zaubertricks), um Alchemie, Intuition und darum, dass Luz einen Abend machen wollte, für den er sich nicht vorher ein halbes Jahr lang den Kopf zermartern wollte, nur um hinterher ein halbes Jahr lang deprimiert zu sein. Um Zweifel an der sichtbaren Welt, um Gespenster, die gar nicht merken, dass sie schon tot sind. Um das Blut, das allmählich durch den Teppich suppt. Da sagt der erste Zuschauer: "Bei mir ist nichts durchgesuppt." Auch danach wird die Stimmung beim eher spärlich besetzten Publikumsgespräch nicht besser.

Vielleicht ist ja Thom Luz selbst die größte Show. Zuschauer 1 jedenfalls sähe ihn gerne auf der Bühne. Stimmt: In seiner zwischen verschrobenem Charme und Größenwahn pendelnden Selbsterklärung voller Zitate und Referenzen und einer eigentümlichen Schweizer Form von Selbstironie wirkt er tatsächlich faszinierender als das feine Gespinst aus Musik und Nebel zuvor auf der Bühne, das sparsam mit seinen Motivschnipseln aus Vergänglichkeit im Allgemeinen und des Theaters im Besonderen umgeht. Und bei dem man öfter das Gefühl bekam, dass der Kaiser vielleicht nackt sein könnte. Schon als die ersten Zuschauer nach wenigen Minuten gehen und andere ungeduldig auf dem Stuhl herumzurutschen beginnen.

(geka)

 

Beyond Vernetzung und Begegnung

18. Mai 2017. Langsam legt sich das Theatertreffen in die letzte Kurve. Heute abend hat Herbert Fritschs Inszenierung Pfusch Theatertreffen-Premiere. Und weil er so schön ist, posten wir hier jetzt mal ganz affirmativ den Trailer, den die Berliner Festspiele heute unter anderem via Twitter in der Angelegenheit in Umlauf brachten.

Für "Pfusch" müssen wir den Hauptschauplatz des Theatertreffens, das einstige Westberliner Haus der Volksbühne, verlassen (welches eben heute das Haus der Berliner Fespiele ist) und ins Mutterhaus zum Rosa-Luxemburg-Platz pilgern. Beide Häuser sind ja sozusagen historisch verschwistert: Das Haus in der Schaperstraße wurde in den Jahren 1961-63 von Fritz Bornemann als Freie Volksbühne erbaut, weil der Mauerbau 1961 den Rosa-Luxemburg-Platz unerreichbar für Westberliner gemacht hatte.

So werden wir heute auch den von der Bühnenbildnerin Eva Veronica Born (sic!) dem Bornmannbau temporär angegliederten "Orten der Vernetzung und Begegnung" den Rücken kehren, wie unter anderem die labyrinthisch angeordneten Bänke vor dem Haus im TT-Festival-Magazin euphemistisch bezeichnet sind.

BornemannInstallation 280h sleLichtinstallation in der Bornemannbar © sleDoch weil sich offenbar die umliegende Nachbarschaft mit den Besuchern des Theatertreffens weder vernetzen noch ihnen sonst begegnen will, muss der Vorplatz vor dem Theater in der Wilmersdorfer Schaperstraße bis 22 Uhr geräumt werden. Weshalb zum Beispiel gestern schwarz gewandete junge Männer friedlich flüsternde Theaterbesucher, noch gänzlich in Trance nach Thom Luz' Traurigen Zauberern mehr über ihnen schwebend als wirklich auf den Bänken sitzend, mit strengen Worten zum Umzug aufforderten. Die Tonlage ließ auf einen gewissen Ernst der (un)nachbarschaftlichen Lage schließen. Im Theatergebäude, an der Bornmannbar zum Beispiel, da gebe es auch prima Chill-Out Zonen. Und für Raucher sogar einen Balkon. Auch ist ja via Lichtinstallation der Nineteensixties-Chique der Bornemannbar dem TT-Komplex "Orte der Vernetzung und Begegnung" sowieso schon einverleibt.

So der Vertreibung durch forsche junge Ordnungskräfte harrend und unter hohen Bäumen vor dem Theater in der Schaperstraße über den Lauf der Zeiten sinnend, dachte ich auch darüber nach, dass es kurz nach dem Mauerfall der gleiche Masterplan (von Ivan Nagel, Friedrich Dieckmann und anderen) war, der schließlich aus der (nach dem Mauerbau wieder obsolet gewordenen) Westberliner Freien Volksbühne das Haus der Berliner Festspiele und Frank Castorf Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz werden ließ. Er und das Theater retteten auch den Namen der 1919 ermordeten kommunistischen Politikerin durch den Umbenennungswahn der Wendejahre. Ohne den Erfolg von Castorfs Theater hätte man Rosa Luxemburg hier sicher ein zweites Mal den Garaus gemacht. Doch dann ist die Limonade ausgetrunken, die Bänke vor dem Haus der Berliner Festspiele haben sich geleert. Nur ganz Vereinzelte trotzen dort noch dem Druck der Verhältnisse und blicken schweigend in die Nacht.

(sle)

 

Kevin Spacey mischt mit

17. Mai 2017. Da haben wir ja etwas ausgelöst, als wir neulich die künstliche Beatmung der Theatertreffen-Hashtags #theatertreffen und #tt17 drohen sahen. Denn bald schon bot Twitterbot Bertram Wooster seine Unterstützung an, der im Kontext der Konferenz Theater & Netz als Behauptungsmaschine das Licht der Welt erblickte:

 War im Programmier-Code von "Bert", wie wir ihn unter uns zärtlich nennen, noch eine ordentliche Portion Theater-DNA enthalten, scheinen inzwischen theaterferne Bots den Hashtag #theatertreffen übernommen zu haben, darunter ein Heidi-Klum-Bot und ein Kate-Moss-Bot. Auch der Weihnachtmann twittert mit. Sie alle versenden virusartig Anleitungen von Kevin Spacey:

 Ja, auch  Ludmilla Putin, Exfrau von Wladimir, ist dabei. Ach, das haben wir nicht gewollt.. :-)

 Verlassen wir uns also weiterhin auf die  zuverlässigen Tweets des Theatertreffen-Blogs:

wurde da gestern beispielsweise getwittert. Denn offenbar war in der zweiten Vorstellung von Claudia Bauers Theateradaption des Wenderomans 89/90 von Peter Richter am 15. Mai ein böses Worts sozusagen akustisch geschwärzt worden, in dem statt des besagten N-Wortes (so der TT-Blog) einfach nur "Beep" gesprochen wurde. Ja, das wirft natürlich in der Tat Fragen auf, wie der Blog-Beitrag von Marie-Theres Rüttiger zu Recht anmerkt.

Aber nicht nur beim TT-Blog.

Heute Abend dann die "Traurigen Zauberer" von Thom Luz aus Mainz. Wir werden berichten.

(sle)

 

Innerdeutsche Risse

16. Mai 2017. Wie sehr Deutschland in den Köpfen noch geteilt ist, machte sich gestern beim Publikumsgespräch zu "89/90" bemerkbar. Da erfuhr man nicht nur, dass Claudia Bauer, die "Regisseurin für die unspielbaren Stoffe", wie Leipzigs Schauspielchef Enrico Lübbe sie nennt, die erste westdeutsche Regiestudentin an der Ostberliner "Ernst Busch"-Hochschule war (übrigens in einem Jahrgang mit Thomas Ostermeier). Sondern auch welche der beteiligten Schauspieler im Osten geboren wurden – zwei. Was dann auch das Publikum ermutigte, sich zu Beginn ihrer Statements und Fragen zu outen. Deutschland, einig Vaterland? Das dauert noch ein, zwei, drei Generationen.

Publgesprach89 90 Kasch uBeim Publikumsgespräch zu "89/90" im Haus der Berliner Festspiele; 5. v.r.: Claudia Bauer © geka

Ansonsten erfuhr man, dass der hervorragende Chor erst für diese Produktion zusammengecastet wurde und neu arrangierte DDR-Punksongs singt (zum Beispiel Artig von Feeling B) – Punk meets Motette, hatte das unser Kritiker vor Ort treffend genannt. Was es für Außenstehende nicht verständlicher macht. Einige asiatische Stipendiaten des Goethe-Instituts etwa waren ziemlich lost in translation, als sich die Geschichte auf der Bühne mal wieder in Sprechchöre und Loops verhedderte und sich Begriffe wie "BRDDR" und "Ostfotze" als kaum übersetzbar erwiesen.

Die Nachwuchs- und Gastplattformen gehören ja zu den besten Nebensachen des Berliner Theatertreffens: das Internationale Forum, wo Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Dramaturg*innen sich austauschen und Workshops besuchen – in diesen Jahr etwa aus Palästina, Libanon, Ungarn. Der Stückemarkt als Dramatiker*innen-Förderung. Der Blog für die nächste Generation von Kulturjournalist*innen. Und die Künstlerplattform des internationalen Koproduktionsfonds, über den in diesem Jahr zehn Theatermacher*innen aus Südostasien dabei sind. Krasse Geschichten erfährt man da, etwa dass Kunst und Aktivismus untrennbar miteinander verbunden sind, weil Theater immer den Hauch des Subversiven umweht. In Thailand muss jede Arbeit von der Zensur abgenickt werden, in Myanmar, dieser Militärdiktatur im Wandel, bietet das Goethe-Institut die einzige Bühne des Landes. Und  in Kambodscha eckt Prumsodun Ok mit seiner ersten schwulen Compagnie des Landes an, die sich traditionelle weibliche Tempeltänze aneignet. Bei diesen Gesprächen wirken dann plötzlich die innerdeutschen Risse ganz klein.

(geka)

 

Balgerei im Treppenhaus

15. Mai 2017. Ein volles Wochenende liegt hinter dem Theatertreffen. Das überfordernde Parallelfestival Shifting Perspektives brachte mit einer Unzahl eher kleinformatiger Produktionen zwischen dem berührenden Fin de Mission von kainkollektiv und OTHNI und dem partizipativen Social Muscle Club (sonst an den Sophiensälen beheimatet) Freie-Szene-Flair ins Haus der Berliner Festspiele. Auch eher kleinformatig sind die szenischen Lesungen des Stückemarkts, bei dem Bonn Park mit "Das Knurren der Milchstraße" den Werkauftrag des Theatertreffen-Stückemarkts gewann.

Und das, obwohl er darin Unmögliches fordert: 12.000 Babykatzen. Wobei Unmögliches noch nie ein Problem des Theaters war: Vor sieben Jahren gewann Wolfram Lotz den Werkauftrag mit "Der große Marsch", in dem der Autor neben dem echten Josef Ackermann und dem echten Arbeitgeberpräsident Hundt noch vier Rolltreppen im Escher-Modus, eine riesige schwarze Schlange sowie die fünfzig Töchter des Meeresgottes Nereus und der Doris fordert. Das hat ihm ebenso wenig geschadet wie einem gewissen Herrn Goethe, der in seinem "Faust II" neben einem Kaiser, Hofleuten, Paris und Helena auch einen gewissen Homunculus haben wollte, dazu Poeten, Naturdichter, Hof- und Rittersänger, zärtliche sowie Enthusiasten, die sich gegenseitig beharken, wie es in der Regieanweisung heißt: "Im Gedräng’ von Mitbewerbern aller Art lässt keiner den andern zum Vortrag kommen." Im Haus der Berliner Festspiele ging es dem Vernehmen nach gesitteter zu.

Sophiensaele Rau Kinder 280h Kaempf uDie Campo-Schauspieler*innen verlassen die Sophiensäle © sikApropos Freie-Szene-Feeling und gesittete Menschen: Bei der zweiten Vorstellung von Milo Raus "Five Easy Pieces" in den Sophiensälen wunderte sich Redaktionskollegin Simone Kaempf etwas über das brave Publikum, das sich nicht wie sonst vorm Eingang zum Saal ballte, sondern quer durchs Foyer in langer Schlange anstand. Angesichts der krassen Szenen "wartete man dann doch auf Regungen aus dem Publikum, so einen Dohnanyi-Zwischenruf, dass das doch wirklich kaum auszuhalten sei, wie die Kinder in die Rollen der Erwachsenen schlüpfen", berichtet Kaempf. Später balgten sich zwei von ihnen ermüdungsfrei im Treppenhaus – traumatisiert wirkten sie nicht gerade. Sind eben doch Profis.

Außerdem feierte gestern Claudia Bauers Leipziger Inszenierung "89/90" Festival-Premiere, die Sophie Diesselhorst "eher gut als bemerkenswert" findet.

Und was macht eigentlich Claus Peymann? Der hat am Wochenende eine Pause als Händler der eigenen Bücher eingelegt und sich zum letzten Mal als Auktionator des BE-Fundus verdingt. Schöner kann man natürlich die These vom kulturellen Ausverkauf nicht illustrieren.

(geka)

 

Ist Twitter tot?

14. Mai 2017. Hallo! Twittert denn da keiner? Die Hashtags #theatertreffen und #tt17 bleiben merkwürdig stumm in der Nachtkritik-timeline. Müssen sie künstlich beatmet werden? Nur der Theatertreffen-Blog twittert einigermaßen zuverlässig. Zum Beispiel, dass Milo Rau den 3sat-Theaterpreis bekam:

 

Völlig zurecht, wie Nachtkritiker Wolfgang Behrens befand, für den der gestrige Abend zu den Höhepunkten der diesjährigen Auswahl zählt.

Allerdings scheint es von der Verleihung des 3sat-Preis auch Unerfreuliches zu berichten zu geben:

 

Bitte, lieber TT-Blog, wir hoffen, Ihr habt Euch inzwischen wieder erholt.

Unter #tt17 twitterte außerbetrieblich fast nur Susanne Burkhardt vom Deutschlandfunk Kultur. Und zwar schon vorgestern Nacht aus Venedig von der Biennale, wo gestern dann der Goldene Löwe an die deutsche Performancekünstlerin Anna Imhof verliehen wurde:

 

Außerdem diskutierten Carolin Emcke, Grada Kilomba, Falk Richter und Manuela Bojadzijev gestern unter der Überschrift "Uncertain Identities" über Lebensformen, gesellschaftliche Zuschreibung und Identitätspolitik. Das Gespräch wurde auf der Facebook-Seite des Theatertreffens live gestreamt und ist als Aufzeichnung dort weiterhin abrufbar.

(sle)

 

 

Corporate Design als Wahnsystem

12. Mai 2017. Wir müssen an dieser Stelle auch einmal auf die Kastanienbäume zu sprechen kommen. Sie sind jahrzehntelang eine Art natürliches Corporate Design des Theatertreffens gewesen: in voller Blüte stehend, wenn es eröffnet wird und langsam ihre Pracht abwerfend, je weiter das Theaterfest voranschreitet. Doch dieses Jahr, da hat das Theatertreffen schon fast sein erstes Drittel vollendet, und so recht blühte da bislang noch nichts vor dem Haus der Berliner Festspiele. Frierend saßen die Menschen gestern noch in Winterjacken auf den großen Sperrholzbänken mit den roten Berliner-Festspielstreifen und das Fehlen der Baumblüte machte erst recht erschreckend deutlich, wie schnell ein Corporate Design zum Wahnsystem werden kann, wenn die rote Strich- und Kastelmanie der Festspiel-Designabteilung überkontrollierte Züge annimmt und alles und jedes irgendwie branden will, wie der Cowboy seine Kühe.

Heute allerdings, da war das Ambiente plötzlich in sanftes Frühsommerlicht getaucht. Menschen in Sommerbekleidung saßen mit fast somnambulen Gesichtszügen in der Nachmittagssonne. Und sogar ein paar Kastanienblüten hatten über Nacht ihre Knospen gesprengt. Unter einem Baum hatte ein Theaterprojekt sein Zelt aufgeschlagen. Man wurde wahlweise auf deutsch oder arabisch angesprochen, ob man sich an der Beinflussung der Zukunft beteiligen wolle. Klar, dachte ich da, bei der komplexen Gegenwartslage, da will man doch tun, was man kann – und enterte also das Zelt, das mit wackeren jungen Theatermacherinnen und -machern bevölkert war.

Theatertreffen 2017Zelt der Futureleaks unter endlich blühenden Kastanienbäumen (sle)

Ich musste an einem Tisch eine bürokratische Zeremonie über mich ergehen lassen, während ein junger Mann in arabischer Sprache auf mich einredete und dazu bewegen wollte, auf einem Formular Angaben zu meiner Person zu machen. Am Nebentisch durfte ich dann, nun Gottseidank in der von mir besser verstandenen deutschen Sprache, einen Plan formulieren, mit dem ich die Zukunft beeinflussen wollte. Und am wiederum nächsten Tisch wurde das Ganze dann als Nachricht formuliert: wie sie sich anhören würde, wenn mein Plan die Welt tatsächlich verändert hätte. Ja.

"Futureleaks" war die Angelegenheit überschrieben, ein Projekt, bei dem Studierende der Universität der Künste und Bewohner*innen des AWO-Refugiums am Kaiserdamm zusammenarbeiten, einer Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge, denen man nun vor und in dem Zelt als inquisitorisch fragenden Beamt*innen begegnen konnte. Wobei die Faszination für die Reproduktion behördlicher Vorgänge, die in Projekten wie diesen immer wieder auffällig wird, für mich auf ewig wundersam bleiben wird. Besonders, wenn hier doch die Welt verbessert werden soll (nicht bürokratisiert), und dann aber doch kaum mehr als einen klischierten Abklatsch dieser Welt zu bieten hat, weshalb die Anstrengung am Ende seltsam utopielos wirkte. Sowieso gibt es keine besseren Beamtendarsteller als die Beamten selber. Weshalb ich dann irgendwann vor soviel gutgemeinter Kunstanstrengung die Flucht ergriff.

(sle)

 

 

Reinickendorfer Sexappeal

11. Mai 2017. Gestern, in der zweiten Vorstellung von Forced Entertainments "Real Magic" (hier die Impressionen des ersten Gastspiels, hier die der Premiere in Essen), stöhnte es hinter mir laut auf, als die Akteure ein weiteres Mal den Tanz ankündigten: "No!" Nur wenige Sekunden später stellte sich heraus, dass es das letzte Zucken dieses Abends war, als das Licht erlosch: "Yes!" Claus Peymann übrigens, der seine Bücher diesmal nicht selbst direkt vor dem HAU 2 verkaufen durfte (wo er ja mal Mitglied der damaligen jungen, kollektiven und überhaupt wilden Schaubühne war), sondern beim Büchertisch abgegeben hatte, war schon nach 45 Minuten gegangen. Einige wenige Zuschauer folgten.

PublgesprachForcedtt17Publikumsgespräch: Theatertreffen-Juror Stephan Reutter, Tim Etchells, Jerry Killick, Richard Lowdon, Claire Marschall und Moderator Christoph Leibold © geka

Im Theatertreffen-Blog mutmaßte Johannes Siegmund über die drei immer wieder geratenen Worte: "Sie erzählen die Geschichte der modernen, menschlichen Existenz: Die Moderne (electricity) ist eine unendliche Leere (hole), die das entfremdete Leben (money) nie füllen kann." Dass ihm das selbst etwas lächerlich vorkam ("Diese großen Deutungen erscheinen doch unangemessen und überzeichnen das Plätschern des Abends zu einem existentiellen Wasserfall"), bestätigte das Publikumsgespräch, bei dem herauskam, dass das alles Impro-Zufall war: die Wörter, die Kostüme. Nur an der Reihenfolge der Szenen wurde monatelang getüfelt. Nun ja.

Größere Aufregung verursachte die Meldung, dass es eine neue Produktion von Vegard Vinge und Ida Müller geben wird, 2012 selbst beim Theatertreffen – ab dem 1. Juli in einem geheimnisvoll "Nationaltheater Reinickendorf" genannten Etablissement. Berlin-Kenner wissen, dass der Bezirk Reinickendorf in etwa so viel Sexappeal besitzt wie Spandau, wahrscheinlich noch weniger. Vermutlich steckt also das Berliner Stadtmarketing dahinter, damit die Hipster auch mal aus Kreuzköllnmitte rauskommen.

Online ist mittlerweile auch Frank Castorfs melancholische Laudatio auf Herbert Fritsch, die er bei der Verleihung des Theaterpreises am Sonntag im Haus der Berliner Festspiele hielt – nachzulesen in voller Länge hier.

(geka)

 

"Es ist immer schön, wenn man dabei ist. Wenn nicht: naja."

10. Mai 2017. Im Zentrum von Tag fünf stand eine Leerstelle: Denn das Theatertreffengastspiel aus Hamburg "Der Schimmelreiter" entfiel, weil der Haupdarsteller krank geworden war. Der Chef der Berliner Festspiele twittert gute Miene zum ausgefallenen Spiel:

"Stattdessen Plüschhunde und ein Kleiderständer, mutmaßlich mit Teresa Verghos Kostümen behangen", schreibt Nachtkritikerin Eva Biringer über die szenische Lesung, die als Ersatz stattfand. "Und ein Flügel. An diesem sitzt der Pianist Igor Levit fünfzig Minuten lang in Warteposition, bevor er zu spielen beginnt. Ursprünglich klingt am Ende der dreistündigen Inszenierung Jimi Hendrix’ Voodoo Child." Und via Twitter lässt Eva Biringer alias Eva Perla auch den Regisseur des Abends zu Wort kommen:

 

Im HAU gestern das Forced Entertainment Gastspiel "Real Magic", dessen Theatertreffenecho für nachtkritik.de vor Ort Michael Wolf vernahm.

Eine Zuschauerin reagierte vorab offenbar posttraumatisch auf die Historie der Spielstätte:

 

Im Haus der Berliner Festspiele wurde spätnachmittags über Kulturkritik diskutiert. Mit dabei der nach diesem Theatertreffen scheidende Juror Till Briegleb, der Stuttgarter Intendant Armin Petras, Kritikerin Julia Spinola und Florian Lutz, seines Zeichens Intendant in Halle. Sorgen über die Zukunft der Kritik, vor allem im Internet, wurden vorgebracht, konnten jedoch von kompetenter Seite zerstreut werden, wie aus gut unterrichteten Kreisen bekannt geworden ist. Denn aus dem Publikum warf sich Nachtkritik-Redakteur und tt-Juror Christian Rakow in die Debatte. Für Heiterkeit sorgte Till Briegleb, als er seine Ansicht vortrug, es würden ohnehin zu viele Theaterkritiken geschrieben. Zehn positive und zehn negative Kritiken im Jahr müssten reichen. Ob da einer amtsmüde ist?

Aber vielleicht ist Briegleb bei seinem letzten Theatertreffen als Juror ja auch vom nämlichen Abschiedsschmerz umflort, den Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung heute der ganzen Veranstaltung bescheinigt: "So ist dieses Theatertreffen von einer gewissen Endzeit- oder sagen wir: Umbruchstimmung gerahmt." Die Intendanzenden an der Volksbühne und dem BE, Sie wissen schon. Ach.  (sle)

 

"Die Borderline Prozession" geht weiter

9. Mai 2017. "Die Borderline Prozession" hallt weiter nach – wortwörtlich:

Die gesamte Playlist der Inszenierung gibt's übrigens auf Spotify. Da sind auch noch ein paar mehr Ohrwürmer drin. Beim anschließenden Publikumsgespräch erklärte Regisseur Kay Voges die Live-Dramaturgie und den einleitenden Hinweis: "Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben. Wie auch sonst im Dasein":

Dass die Live-Dramaturgie der Produktion wirklich live arbeitet, war bei der zweiten Vorstellung gestern besonders schön zu bemerken, weil es die draußen gegen Null fallenden Temperaturen in die eingespeisten Zitate schafften: "Die Deutschen haben sechs Monate Winter und sechs Monate keinen Sommer." (Napoleon Bonaparte) Und Claus Peymann, der bei der Festivalpremiere nicht nur vor, sondern auch in den Rathenauhallen gesichtet wurde, bleibt Theatertreffen-Gespräch:

Während in den sozialen Medien alle glücklich geplättet zu sein scheinen vom Dortmunder Gastspiel, zeigen sich die Berliner Zeitungen not amused vom "Brainwash-Theater mit hypnotischen Wirkungen".

Brainwash-Theater mit hypnotischen Wirkungen – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/26865180 ©2017

(geka)

 

TT-Gastspiel "Die Borderline Prozession"

8. Mai 2017. Das vermutlich Traurigste bei diesem Theatertreffen ist Claus Peymann. Er hat ja alles erreicht in Stuttgart, Bochum, Wien und Berlin, hat Skandale ausgelöst und (kultur)politische Kämpfe ausgefochten, trug wunderbare Schauspieler zusammen, ist weltberühmt, war 19 Mal zum Theatertreffen eingeladen, übertroffen nur von Peter Zadek. Und jetzt? Versucht er, mit seinen knapp 80 Jahren allabendlich Bücher zu verkaufen, die seine Zeit am Berliner Ensemble glorifizieren. Warum tut er sich das an? Warum hier, beim Theatertreffen, wo die eingeladenen Inszenierungen nichts mit seiner Art von Theater mehr zu tun haben? Wem muss er was beweisen? Vor der Industriekulisse der Rathenauhallen, wo sich ja nur die paar hundert Gäste der "Borderline Prozession" hinverirren, wirkt das gleich noch trister als am Vortag vor dem Haus der Berliner Festspiele.

Das Gastspiel aus Dortmund, das vor Ort sehr freundlich empfangen wurde, gehört ja zu den umkämpftesten Theatertreffen-Produktionen überhaupt, weil sich schnell rumgesprochen hat, dass man so was nicht oft sieht an deutschsprachigen Stadttheatern und die Platzkapazität begrenzt ist. Wer keine Karte abbekam, sollte es dennoch vor Ort versuchen, auch wenn die Festspiele anderes behaupten. Ein Freund von mir hatte sich zwei Stunden vorher angestellt, war der erste – und hielt drei Minuten nach 7 eine Karte in der Hand. Blöd nur, wenn’s nicht klappt – Oberschöneweide heißt im Volksmund zu recht Oberschweineöde. Eine andere Gästin wollte Samstag Abend an der Kasse im Haus der Berliner Festspiele eigentlich eine Drei Schwestern-Karte, bekam dann aber mit, dass Karten für die "Borderline Prozession" zurückgegangen waren. Also: Lasset nicht vorschnell alle Hoffnung fahren...

Dass Intendant und Regisseur Kay Voges längst zu den großen Theatermachern gehört, gerade weil er in der so genannten Provinz Welttheater macht, konstatiert auch Stefan Keim in seinem Porträt in der Welt: "Nicht alles gelingt, aber es steckt eine gewaltige Grundenergie in den Aufführungen, die manchmal an Castorfs Volksbühne erinnert." Dass das Dortmunder Theater derzeit für ein weitaus höhere Wellen als beim Theatertreffen sorgende Spektakel mitverantwortlich ist, betrachtet der Tagesspiegel. Denn die Verleihung eines fiktionalen Friedenspreises an den Waffenhersteller Thyssenkrupp und die ebenso erfundene Rückrufaktion von Heckler und Koch, die offenbar auch das politische Berlin beschäftigen, beruhen auf einer Kooperation des Theaters Dortmund mit dem Peng!-Kollektiv.

Mit der Eröffnung sind die Berliner Zeitungen übrigens sehr zufrieden – so wie wir. Ganz anders der Blogger Sascha Krieger, der der Produktion vorwirft, "platt, denkfaul", ja "gefährlich" zu sein.

(geka)

 

TT-Eröffnung mit dem Gastspiel "Drei Schwestern", Theaterpreis für Herbert Fritsch

7. Mai 2017. "Der Horizont hat sich verschoben", berichtet Dirk Pilz von der Theatertreffeneröffnung durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Berliner-Festspiele-Intendant Thomas Oberender. Oberender forderte, dass Theater Diversität beheimaten müssten, pries Bewegungen wie art but fair und Ensemble-Netzwerk, forderte eine "neue Politik der Institutionen", lobte die partizipativen Bemühungen. Und das Basler Drei Schwestern-Gastspiel trat dann den praktischen Beweis an, wie wichtig gutes Ensembletheater ist.

Das betonte auch Basels Intendant Andreas Beck bei der Preisverleihung im Anschluss: "Wir dürfen auf kein Ensemble verzichten." Regisseur Simon Stone war aus Amsterdam zugeschaltet und hieb in dieselbe Kerbe: "Die Schauspieler haben meine blöden Ideen in gute verwandelt." Heute kommt er dann persönlich zum Publikumsgespräch vorbei. Die Trophäe sieht in diesem Jahr aus wie ein Kelch und ist aus dem Stücktext gestanzt worden. Sieht ein bisschen nach Volkshochschulpreis aus, aber es hat schon hässlichere Andenken ans Theatertreffen gegeben.

Und sonst? Promis, Livemusik, erstaunlich gutes Wetter, ein äußerst unpraktisches Holzlabyrinth vorm Haus der Berliner Festspiele – und Claus Peymann, König eines immer kleiner werdenden Reichs, der vor seiner einstigen Kolonie versucht, die Kontrolle über seinen Nachruhm zu bewahren. Der RBB hat die Bilder dazu:

Vorfreude übrigens bei Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau über das Theatertreffen-Gastspiel von Forced Entertainment. Vorfreude auch auf die heutige Theaterpreis-Verleihung an Herbert Fritsch: Jürgen Ziemer porträtiert den Regisseur im Freitag, Katrin Bettina Müller in der taz seinen Bühnenmusiker Ingo Günther. Der stand dann auch auf der Bühne des Berliner Festspielhauses und dirigierte und begleitete das Best of der Fritsch-Schauspieler: Corinna Harfouch, Wolfram Koch, Josef Ostendorf, Bastian Reiber, Ruth Rosenfeld, Bettina Stucky, Hubert Wild ... to name a few. Sie taten, was sie immer tun bei Fritsch in den knalligen Behr-Perücken- und Kostümen, kreischen, fauchen, grimassieren: "Herbert, Herbert". Fritsch reagierte sentimental:

Zwischen den Performance-Lachern wirkten überhaupt alle irgendwie traurig, weil hier eben auch die Castorf-Volksbühne zu Grabe getragen wird: Thomas Oberender, der ja immer ein bisschen auftritt wie der Bundespräsident der Theaterwelt, Kultursenator Klaus Lederer, der sich in letzter Zeit benimmt wie die erste Witwe der Volksbühne (und auf den Zwischenruf: "Warum schließt du sie dann?" schwieg), Frank Castorf, der sich frei durch seine Nicht-Laudatio assoziierte und dabei mehr von sich als vom Geehrten sprach. Der wurde am Ende geradezu wütend, als er sich gegen den Begriff "Rentneravantgarde" wehrte: "Man muss schon 25 Jahre an so einem Haus gearbeitet haben, bevor man so was beurteilen kann."

Apropos Volksbühne: Schlecht gelaunt reagiert Eva Biringer auf Michael Schindhelms Roman "Letzter Vorhang" , der heute um 17.30 Uhr beim Theatertreffen vorgestellt wird und von der Volksbühnen-Zeitenwende handelt: Nach der Lektüre hat Biringer alle Sympathien mit Chris-Dercon-Gegnern verloren.

(geka)

 

Heute geht's los

6. Mai 2017. In wenigen Stunden eröffnet Kulturstaatsministerin Monika Grütters das 54. Theatertreffen, und schon wird unter Insidern allerhand vermisst. Peter von Becker vermisst im Tagesspiegel Karin Beiers Inszenierung von Michel Houellebecqs Unterwerfung mit Edgar Selge vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg, Rüdiger Schaper daselbst das Primat der Jury, das durchs Rahmenprogramm verwässert wird. Und Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Dramaturgen alter Schule, den er in Dieter Sturm erkennt. Zufall, dass der legendäre Chefdramaturg der Berliner Schaubühne unter Peter Stein Kollege von Strauß' Vater Botho war, der wiederum Sturm schon vor gut 30 Jahren in der Zeit würdigte? Am Ende des Textes, in dem auch Kammerspiel-Dramaturg Tarun Kade zu Wort, aber nicht gut wegkommt, wird klar: Strauß vermisst nicht den Dramaturgen, sondern das Theater der Väter.

Das wird er beim Theatertreffen auch nicht finden. Nur Katrin Bettina Müller freut sich – in der taz auf Real Magic von Forced Entertainment. Und natürlich Grütters, die schon vorab ein Statement verbreiten ließ, demnach das Theatertreffen "einmal mehr die große gesellschaftliche Bedeutung des deutschen Theaters mit einer "virtuosen und innovativen Schauspiel- und Inszenierungskunst" bekräftige. Nicht, dass sie sich noch mit Strauß in die Haare kriegt! Aber auch bei Konflikten helfen Theater, glaubt Grütters, "weil sie als Spiegelräume der Gesellschaft öffentlich kritische Debatten führen, Konflikte verhandeln, unsere kulturellen Werte mit der Wirklichkeit konfrontieren und so zur Toleranz und Verständigung beitragen." Wir haben also friedliche Tage vor uns.

(geka)

 

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