Der Kleinschreiber

von Eva Biringer

7. Mai 2017. Im Prinzip steckt das ganze Drama in einer Geste: "Zwei Frischlinge der Schauspielschule tauchten in der sich vor dem Tresen stauenden Menge auf und machten mit Zeige- und Mittelfinger wie auf einen choreografischen Cue hin in meine Richtung ein V. Eventuell hatte dies unter den Jungen eine neue Bedeutung."

Oha, denkt sich der Leser, offensichtlich haben wir es mit einem Generationenkonflikt zu tun. Außer die Gesten junger Leute versteht der Ich-Erzähler so einiges nicht. Warum plötzlich so viel Englisch geredet wird in seiner Heimatstadt, warum Inszenierungen ohne Hauptvorhang auskommen, wer sich das mit der doofen Veränderung ausgedacht hat.

Im Liebknecht-Theater

buch letzter vorhangMichael Schindhelm versteht eine aktuelle Debatte als Cue – wie das Stichwort zum Einsatz im Theater heißt – einen Roman zu schreiben. Abgesehen davon, dass der Handlungsort Liebknecht-Theater heißt, macht sich "Letzter Vorhang" nicht die Mühe, sein Thema zu verfremden. Es geht um die Berliner Volksbühne. Für alle, die in den vergangenen zwölf Monaten den Kulturteil ausgelassen haben: Nach 25 Jahren findet dort ein Intendantenwechsel statt, der stellvertretend steht für die Neuausrichtung einer der innovativsten Spielstätten des Landes. Regie-Urgestein Frank Castorf muss das Feld für Chris Dercon räumen, einem international vernetzten Kurator.

Dass sich der Belgier bei Weitem nicht nur mit Kunst auskennt (schließlich hat er Theaterwissenschaft studiert), lassen Kritiker gerne mal unerwähnt. Seit seiner Ernennung zum Volksbühnenintendant muss er als Sündenbock herhalten für alles, was Kulturwutbürgern am neuen Theater nicht passt, das Transmediale, das Immersive, die Performance. Bei Schindhelm heißt Dercon schlicht "der Kleinschreiber", was darauf zurückzuführen ist, dass das Haus unter seiner Leitung "volksbühne berlin" heißen wird.

Erzählt wird "Letzter Vorhang" aus der Perspektive eines angry white man, des knapp sechzig Jahre alten Matthias Pollack. Was ist das für ein Typ? Einer, dem unmittelbar nach dem Sex Walter-Benjamin-Zitate durch den Kopf rauschen. Weil schon seine Mutter Teil des Liebknecht-Ensembles war, wurde er zwischen Probebühne und Kantine großgezogen und stieg über die Jahre vom Bühnenhilfsarbeiter zum Chefdramaturg und stellvertretenden Vize-Intendanten auf. Inszeniert hat er nebenbei auch noch, und Paraderollen angenommen. So wie die des Indianerhäuptlings Bromden in "Einer flog übers Kuckucksnest" (der mit dem Kaugummi). Nach der 463. Vorstellung fällt der titelgebende letzte Vorhang.

Fremdscham

Dieser Vorhang steht für den Schlusspunkt der Ära Liebknecht, für Pollacks persönliches Karriereende und das Ende seiner Beziehung zur Regieassistentin Candice – "ergreifend aufgeworfene Oberlippe, vielversprechende Brüste" – bevor diese mit dem Intendanten durchbrennt. Natürlich könnte Candice vom Alter her Pollacks Tochter sein, natürlich hat sie daddy issues, natürlich beschert sie der Hauptfigur einen zweiten Frühling und so weiter und so fort. Hospitantinnen, die sich nur bewerben, weil sie scharf auf den Regisseur sind, Hauptdarsteller, die Assistentinnen vögeln, Nachwuchsregisseure mit "trendigem Schmuddel-Look": Mit welchen Klischees hier hantiert wird, lässt einen als Leser so sprachlos zurück wie ein Schauspieler, der seinen Text vergessen hat.

Befeuert wird diese Fremdscham von provokativ-klandestinen Volksbühnen-Interna und der Verachtung des Protagonisten für alles und jeden, die qualitätsblinde Berliner Kulturpolitik, die Idioten von der Presse, die "Nomaden mit ihrem Englisch-Gerede" und jenes Publikum, das den neuen Intendanten nicht schon im Vorfeld abstraft. Unfreiwillig entlarvt dieses Mi-Mi-Mi seine eigene Lächerlichkeit genauso zuverlässig wie die reale Debatte: Indem ausgerechnet jenes Haus, das ein Vierteljahrhundert zuvor Avantgarde war, heute mit kindischem Trotz alles Neue verschmäht, ist es reaktionärer als alle anderen. Lediglich das Feindbild hat sich gewandelt, früher hieß die Losung "Wir gegen die DDR", heute "Wir gegen die Welt", eine globalisierte Welt inklusive Festivalwanderzirkus.

Es geht um die Differenz

Wir hingegen wollen gar nicht den Fehler begehen und "Letzter Vorhang" für autobiografisch halten, auch wenn Schindhelms Werdegang dazu verführt. Neben seiner Tätigkeit als Autor und Übersetzer war er Intendant mehrerer Theater. Seine Stelle als Generaldirektor der Stiftung Oper in Berlin legte er aus Frust über die Knauserigkeit des Kulturetats nieder, aus ähnlichen Gründen wie jene als Kulturdirektor der Dubai Culture and Arts Authority. Es ist anzunehmen, dass der gebürtige Eisenacher weiß, wie der Hase im internationalen Kunstzirkus läuft und warum die Geldströme fließen. Umso erstaunlicher, mit welcher "Ätsch-ich-wusste-es-schon-immer"-Haltung seine Hauptfigur über alles herzieht, was nicht ihrem Ästhetikbegriff entspricht. Oder ist diese vom Verlag angekündigte "Allegorie" als ironisch zu verstehen? Tut mir leid, dann habe ich es nicht verstanden.

"Die jungen Leute mögen es cool", heißt es einmal über die Gäste des Berliner Clubs "White Trash", durch den der Erzähler auf der Suche nach seiner Geliebten stolpert. Dass Candice mit ihrer ersten eigenen Inszenierung, einem mit Schauspielstudenten, Obdachlosen und "Asylanten" besetzten "Szenischen Rundgang", scheitert ("Es geht um die Differenz zwischen Handlung und Akteur"), ist das Eine. Dass sie Pollack sitzen lässt für jemandem, der nicht so hoffnungslos der Vergangenheit nachhängt, sondern die Zeichen der Gegenwart lesen kann, das Andere. Möglicherweise ist der Cue der Schauspielschulenfrischlinge kein Zeichen des Auf-, sondern Abgangs. Zeitweilig habe auch ich Sympathien für die Dercon-Gegner gehegt. Dass es damit vorbei ist, verdanke ich diesem Buch.

 

Michael Schindhelm, Der letzte Vorhang, Theater der Zeit, Berlin 2017, 256 Seiten, 19,50 Euro

 

 

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