Wir sind Fake-News

von Gerhard Preußer

Recklinghausen, 11. Mai 2017. Dem Zeitungsjournalismus geht es schlecht. Besonders im Osten. Zeitungen werden fusioniert wie Orchester und Theater. Allenfalls Sensationsmeldungen könnten der Auflage (oder der Auslastungsquote) noch etwas aufhelfen. Nachrichten über Terroranschläge, neue Untaten der Despoten bräuchte man, aber auch da sind Twitter oder Spiegel-Online schneller. Da hilft nur das Do-it-yourself-Prinzip. Jeder ist sein eigener Faktenschaffer. Das vereinfacht die Recherche, und man hat das Monopol der Berichterstattung.

Mancher Journalist schreibt ja die kritischen Leserbriefe oder Kommentare zum eigenen Artikel selbst, warum nicht auch die Bombendrohung gegen die eigene Zeitung selbst verfassen? Wenn schon ein Bundeswehroffizier sich als islamistischer Flüchtling ausgeben und Attentate planen kann, ist das doch nur eine lässliche Ungenauigkeit im Faktencheck.

Drei Bombendrohungen

So haarscharf an aktuellen Täuschungsversuchen entlang konstruiert Jan Neumann die Handlung seiner Komödie. Er hat schon über zwanzig Stücke und Stückentwicklungen hinter sich, ist Hausregisseur in Weimar. Bei den Ruhrfestspielen hat nun das Auftragswerk "Bombenstimmung" des Weimarer Theaters Premiere. Diesmal ist es keine Kombination von Sympathie und Slapstick, sondern eine rasende Komödie, die mit hohem Pointentempo beginnt und sich immer weiter steigert zur wilden satirischen Fantastik. Purer Slapstick mit wenig Sympathie für die Figuren.Bombenstimmung3 560 Luca Abbiento uAnna Windmüller, Sebastian Nakajew, Krunoslav Sebrek und Lutz Salzmann
produzieren Fake-News © Luca Abbiento

Der karrieregeile Chefredakteur braucht eine Sensationsstory und erfindet die Geschichte, der Neffe des einzigen verbliebenen Redakteurs plane einen Anschlag. Die Anzeigenverkäuferin kopuliert mit einem Handwerker im Kopierraum und schreibt im Suff eine Bombendrohung an die Redaktion. Redakteur und Chef tun es ihr aus mühsam motivierten Gründen nach. Drei Bombendrohungen gegen eine Zeitung! Als sich alle drei als Fälschungen herausstellen, triumphiert der Chefredakteur: "Wir sind Fake-News!" Der Bürgermeister, dessen Nachruf – aus Versehen – kurz vor seiner Wiederwahl in der Zeitung erschien, klebt – aus Versehen – am vom Handwerker verleimten Stuhl fest. Plötzlich bricht der Bürgermeister in Gesang aus und singt sein "Lied von der Macht", dann explodiert – aus Versehen – ein Sprengstoffgürtel, und alle in der Redaktion Versammelten finden sich im Himmel wieder, wie in Ludwig Thomas "Münchner im Himmel". Oder ist es die Hölle? Schließlich fehlen die Jungfrauen.

Satirische Pirouette

Die Dramaturgie des Stücks mit der scheinbaren "Spontanradikalisierung" eines jungen Mannes und dem folgenden Wirrwarr aus Täuschungen und Enttäuschungen ähnelt der von Ibrahim Amirs "Stirb, bevor du stirbst" (uraufgeführt in Köln). Nur ohne die Versöhnungsutopie am Schluss, stattdessen mit einer satirischen Pirouette in den Himmel.

Bombenstimmung1 560 Luca Abbiento uIst das der Himmel oder die Hölle? © Luca Abbiento

Wer so etwas seriös als richtige Komödie mit Timing und Pointen inszenieren will, wäre unseriös. Weimars Intendant Hasko Weber setzt alles auf die schrille Farce. Acht Türen – genauso viele wie in Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" – stehen für das Klipp-Klapp der Auftritte zur Verfügung (Bühne und Kostüme: Cary Gayler). Die Inszenierung beginnt mit der Schlussszene. Alle sitzen an der Rampe und stimmen ab, ob sie im Himmel oder in der Hölle sind. Dann werden die Auftritte über Lautsprecher angesagt, eine Schlägerei findet in Zeitlupe statt. Keine Spur von Milieurealismus also.

Autosuggestive Mätzchen

Das Stück lässt kein Mittel aus den Niederungen des Boulevardtheaters aus: der nackte Mann, die klingelnde Torte, der Liebhaber im Wandschrank usw. Sprachlich aber steigt es auf in die Höhe des sinnigen Unsinns. Es wimmelt von versteckten Reimen und rabulistischen Sentenzen wie: Was ist ein Islamist, der Pizza Salami isst? Ein Salafist. Diese Pointen auszuspielen, gelingt dem Weimarer Ensemble aber selten. Anna Windmüller ist eine schrill-naive Anzeigenverkäuferin und Lutz Salzmann ein gekonnt resignierter Sportredakteur. Aber dass Krunoslav Šebrek als Chef ständig autosuggestive Mätzchen machen muss und immer im Kreis hüpft, bevor er etwas Wichtiges sagt, ist zu viel der Anpassung ans Genre. Irgendwo müsste ja noch eine Spur von Distanz deutlich werden, nicht nur gegenüber der Geschichte, die man erzählt, sondern auch gegenüber der Boulevardtheater-Spielweise, wenn man ein Nationaltheater sein will und nicht nur die Quatschmachbude von nebenan.

Lachen soll kathartisch sein, meint Jan Neumann, nach dem Lachen könne man besser denken. Das hat man doch irgendwie anders gelernt. Aber schön wäre es ja. Schließlich hat die Menschheit mal wieder Mühe zu verstehen, was sie da alles macht. Das Lachen erleichtert hier tatsächlich das Lesen des Programmheftes.

 

Bombenstimmung
von Jan Neumann
Uraufführung
Regie: Hasko Weber, Bühne und Kostüme: Cary Gayler, Dramaturgie: Julie Paucker, Beate Seidel.
Mit: Lutz Salzmann, Krunoslav Šebrek, Anna Windmüller, Julius Kuhn, Max Landgrebe, Sebastian Nakajew.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-weimar.de

 

Kritikenrundschau

Jan Neumann habe "hier schon eine sehr rasante, gut gebaute Schenkelklopfer-Komödie zur Lage der Zeit geschaffen, die es durchaus mit den Meisterstücken des Genres aufnehmen kann", meint Dorothea Marcus auf Deutschlandfunk (12.5.2017). "Doch als würde er seinen eigenen Komik-Konstrukten nicht trauen", habe "der Autor fast jeden Satz mit formalen Wortpointen bestückt. Die Alliterationen, Assonanzen, Schüttelreime und Kalauer fliegen uns ein wenig zu gewollt um die Ohren." Und Hasko Weber lasse "kein Boulevardtheater-Klischee aus". So witzig das sei und so "außerordentlich gut" den Darstellern das Timing gelinge, wirke das Ganze doch streckenweise "wie ein beflissenes Schülertheaterpflichwitzprogramm", das keine "künstlerische oder gar analytische Distanz" aufbaue.

Jan Neumanns "Bombenstimmung" wirke "wie ein Satyrspiel zur ins Justizdrama gekleideten Tragödie 'Terror' von Ferdinand von Schirach", meint Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen (13.5.2017), es sein ein "krachender Wortspiel-Schwank, der lustig über vermintes Gelände wackelt." Die Darsteller*innen spielten "konsequent und gnadenlos, sozusagen mit allem Terror der Klamotte, dessen Repertoire sie voll ausschöpfen". Die "alten Nummern funktionieren noch. Sie funktionieren hier besonders gut, weil sie nicht das Eigentliche sind, sondern Mittel zum sehr besonderen Zweck. Das Genre wird benutzt und umgedeutet, um die permanente Überforderung mit einer unübersichtlichen Welt bloßzulegen und auch zu stellen."

 

 

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