Immer noch verboten

von Hartmut Krug

Berlin, 12. Mai 2017. Dieser Theaterabend beginnt mit Erklärungen und Texten, die dem Zuschauer andeuten, was ihm der ferne Text von Racine vielleicht sagen könnte. Auf die Bühnenrückwand werden Texte über Affekte projiziert. Schließlich untersucht Jean Racines 1677 in Paris uraufgeführte "Phädra" die Ehrbegriffe seiner höfischen Gesellschaft. Dabei arbeitet er sich an Haltungen und Empfindungen wie Schuld, Scham und moralischer Kraft ab. Schiller, der 1805 die in gereimten Alexandrinern gehaltene Tragödie von Racine in reimlose Blankverse übersetzt hat, schrieb: "Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden: / Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist / Des falschen Anstands prunkende Gebärden / Verschmäht der Sinn, der nur das Wahre preist." Auch Lessing kritisierte Racine: "Die edelsten Worte sind eben deswegen, weil sie die edelsten sind, fast niemals zugleich diejenigen, die uns in der Geschwindigkeit, und besonders im Affecte, zuerst beyfallen. Sie verrathen die vorhergegangene Überlegung, verwandeln die Helden in Declamatores, und stören dadurch die Illusion."

Ferner Stoff

Racine hat es mit seiner Version der "Phädra" in Deutschland immer sehr schwer gehabt. Ende der achtziger Jahre versuchte es Peter Stein an der Berliner Schaubühne mit einer in große Bilder gegossenen hohen Form und erzählte eine Geschichte der Berührungsängste, während kurz zuvor Alexander Lang in München das Pathos des Stückes gebrochen hatte, indem er die Selbstinszenierungen der Figuren als Trugbilder entlarvte und deren gesellschaftliche Zwänge ironisch als Verbotene-Liebe-Fernseh-Klischees ausstellte.

Nicht nur Racines Duktus, auch schon die aus der griechischen Mythologie stammende Geschichte von Phädra ist uns heute doch sehr fern – die ältere Frau, die so verzweifelt wie vergeblich gegen eine inzestuöse Liebe kämpft, bei der sie in der Jugenderscheinung ihres Stiefsohns Hippolyt das Wunschbild des eigenen, ihr unentwegt untreuen und abwesenden Ehemanns zu entdecken glaubt. Und Stephan Kimmig kann am Deutschen Theater auch nicht recht deutlich machen, warum er das Stück inszeniert. Immerhin vermeidet er jedes leere Deklamationstheater und führt die Darsteller zu lebendigem körperlichem Spiel.

In innerlicher wie äußerlicher Bewegung

Im zeit- und ortlosen Bühnenbild von Katja Haß (weiße Wände umgrenzen einen leeren Raum) wird in legerer, heutig anmutender Alltagskleidung deutlich nur Theater gespielt. Zwar wirken viele Gesten durchaus künstlich, doch oft werden Haltungen mit Witz gebrochen. Kathleen Morgeneyer als Phädras Vertraute Oenone stattet ihre Figur mit einer raumgreifenden Vitalität aus, während Linn Reusse als Aricia die aufkeimende gegenseitige Liebe zu Hippolyt mit Schwung und verschmitztem Charme vorführt. Beide zeigen konzentriertes, tolles Schauspielertheater: Sie sind in steter innerlicher wie äußerlicher Bewegung, wobei sie die leicht angeschrägten Bühnenwände zuweilen mit großen Sprüngen fast wie eine Halfpipe nutzen.

Phaedra1 560 Arno Declair hAlexander Khuon, Bill Mockridge, Kathleen Morgeneyer, Corinna Harfouch © Arno Declair

Alexander Khuon spielt als Hippolyt einen empfindungsreichen Denker, in sich gekehrt und von den anderen oft abgekehrt. Corinna Harfouch nutzt als Phädra ihre großen Auftritte zu souveränem Empfindungsspiel. Allerdings hat sie sich eine Wirkungsgeste ausgedacht, die allzu bedeutungsvoll, ja, auch unfreiwillig komisch wirkt. Bei ihrem ersten Auftritt steht sie an einer Wand im schwarzen bodenlangen Trauerkleid, streckt einen Arm weit in die Höhe und redet sich hinauf in die Empfindung ihrer verbotenen Liebe. Auch ihr letzter Auftritt, sie hat sich vergiftet und springt im weiten roten Rock hin und her, ist allzu sehr von äußerlicher Wirkungsabsicht bestimmt. Völlig souverän ist wie immer Bernd Stempel, diesmal als zurückgekehrter Theseus.

Insgesamt ein Abend des sensiben Rollenspiels. Mehr nicht. Wer wissen will, was an dem Stück dran sein könnte, vielleicht auch heute, schaue ins Programmheft, wo der Beginn des Abends mit etlichen klugen theoretischen Texten zu Scham und Schuldgefühlen in Zeiten Schillers, Racines und heute aufgenommen wird.

 

Phädra
von Jean Racine
Deutsch von Friedrich Schiller
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Johanna Pfau, Licht: Robert Grauel, Dramaturgie: Sonja Anders.
Mit: Corinna Harfouch, Bernd Stempel, Alexander Khuon, Linn Reusse, Kathleen Morgeneyer, Jeremy Mockridge, Mascha Schneider.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

Ein­fach und streng inszeniere Kim­mig Ra­ci­nes Schick­sals­stück, schreibt Simon Strauss in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.5.2017). Wie verstandesbitter und herzenskalt Corinna Harfouch ihre Phädra spiele, "wie sie alles Pathos aus den Schillerschen Idealsätzen herausnimmt, muss man nicht mögen", aber Eindruck macht ihre düstere Starrheit schon. Irre vor Liebe werde keiner an diesem Abend. "Der Rationalismus, der hier alles beherrscht, birgt keinen Schrecken." Wenn Leidenschaft so planvoll wirke, wenn Schuld so wenig Nerven koste, dann müsse man sich vor ihr nicht wirklich fürchten. Fazit: "Ein bisschen mehr Fieber hätte dem Abend gutgetan. Aber man muss ja auch nicht immer krank werden im Theater."

Vonwegen Text wie ein Monolith, so bleibe Kimmigs Inszenierung nur leider nicht stehen, findet Christine Wahl im Tagesspiegel (15.5.2017). "Der Regisseur scheint die Tragödie einerseits irgendwie vergegenwärtigen zu wollen (...) Andererseits soll aber auch der Historizität beziehungsweise Überzeitlichkeit gebührend Rechnung getragen werden." Diese Ambivalenz führe zu einer Bühnenpraxis, "in der sich inniges Einfühlungsspiel und ironische Distanzierung, Tragödie und Komödie, Psycho- und stilisiertes Körpertheater sowie freiwillige und unfreiwillige Komik permanent abwechseln." Und das ist nicht in jedem Fall plausibel. "Bleibt in erster Linie eine Corinna-Harfouch-Show – die ja im Zweifelsfall tatsächlich immer Anlass genug ist für einen Theaterbesuch."

"Fremd, tief, gewaltig", stehe im Programmbuch. "Die Spielpraxis von Kimmigs Zweistundenabend erzähle jedoch die Geschichte einer unheimlichen Nähe", "'Phädra' als Gegenwartsstoff, als Spiegel heutiger Affektlandschaften", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (15.5.2017). Menschen seien zu sehen, "die sich selbst nur zu gut kennen, aber nicht begreifen". "Tragödie heißt, sich nicht ausweichen zu können, heißt, zum unerbittlichen Selbstbezug verurteilt zu sein".

"Es ist eine Wahrheit des Schauspiels und vielleicht des Lebens, dass manchmal die Sprache der Körper wahrer ist als die, die aus unseren Mündern kommt, und damit will Stephan Kimmig spielen, er will sie hinwerfen wie Billardkugeln, die gestoßen werden von der Macht der Affekte, die von ihnen Besitz ergreifen", mutmaßt Hannah Lühmann in der Welt (15.5.2017). Trotz der großartigen Corinna Harfouch aber beginne man sich nach den ersten zwanzig Minuten zu fragen, "warum das alles einen so kaltlässt, dieses Drama einer von einer lächerlichen Leidenschaft für den Falschen ergriffenen alternden Frau".

Stephan Kimmig verzichtee auf politische Assoziationen und arbeite stattdessen allgemeine Fragen ab, nach der Beherrschbarkeit von Affekten, nach Schuld, Scham, Moralität. Nach zwei Stunden habe man ein Stück ohne politische Brisanz, aber nicht ohne Relevanz gesehen, schreibt Johanna Schmeller in der taz (15.5.2017). "Schon an der Stimme und am grandiosen Mienenspiel von Corinna Harfouch lässt sich ablesen, worum es bei 'Phädra' für alle Zeiten gehen kann: Nur Trieb ist wahllos. Leidenschaft bleibt exklusiv gerichtet."

In dieser Inszenierung sei die Tragödie "auch ohne Aktualisierungen relevant", schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (16.5.2016). Man könne über Liebe und Hass, Begierde und Abweisung nachdenken. "Und über Schamgefühle, die ja in unserer Zeit keineswegs verschwunden sind. Es sind nur die Auslöser, die Schamgrenzen, die sich verändern". In Zeiten nämlich, in denen das Wort 'Shaming' inflationär gebraucht werde und Museen in den USA die Besucher vor einer Verletzung ihres Schamgefühls warnten, sei eine Auseinandersetzung damit nötiger denn je, so die Kritikerin. Dass der Abend keine Instant-Lesart parat habe, "das ist die Freude bei dieser Tragödie".

darin sind Menschen zu erkennen, die sich selbst nur zu gut kennen, aber nicht begreifen. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/26899600 ©201

„fremd, tief, gewaltig“. So steht es im Programmbuch. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/26899600 ©2017

„fremd, tief, gewaltig“. So steht es im Programmbuch. – Quelle: http://www.berliner-zeitung.de/26899600 ©2017

"Wo bei Ra­ci­ne je­de Fi­gur sich durch ein, aus heu­ti­ger Sicht, Un­maß an Text of­fen­bart, ge­schieht Selbst­dar­stel­lung bei Re­gis­seur Ste­phan Kim­mig in der Un­ge­duld der Auf­trit­te, in der Art, wie sich Fi­gu­ren ge­gen die Spra­che be­haup­ten", schreibt Pe­ter Küm­mel in der Zeit (18.5.2017). "Vie­le Ges­ten, man­che Wor­te der Auf­füh­rung wir­ken 'ver­rutscht' – und wer­den ge­ra­de des­halb zu Oku­la­ren, mit­tels de­rer man zwi­schen ver­schie­de­nen Zeit­ebe­nen hin­durch in die Men­schen­tie­fe schau­en kann." Mehr könne ei­ne Ra­ci­ne-Auf­füh­rung von heu­te wohl nicht leis­ten.

 
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