Harder!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 16. Mai 2017. Schon beim Kartenabriss dampft es muffig aus der Halle G im Museumsquartier. 150 Minuten später, nach Verschleiß von unüberschaubar viel Knallfröschen, Spritzkerzen und Bühnennebel, ist der läuternde Sauna-Gang vorbei, wird draußen nach Luft geschnappt. Viele sind da längst schon gegangen, andere sitzen immer noch drinnen. Weil: Als es wieder hell wird im Publikumsbereich und die letzten Country-Akkorde verklingen, kommt niemand auf die Bühne zurück, um sich dem zögerlich einsetzenden Applaus zu stellen. Einzig Baso Fibonacci, bildender Künstler aus Kanada, bleibt ohne seinen Rollstuhl hilflos am Boden liegend zurück und stöhnt.

Optische und akustische Dekadenz

Die Pointe des Abends hinkt dem Abend also hinterher. Nach langwierigen Gewaltakten und Grenzüberschreitungen, bei denen das Publikum, naja, Publikum war, drängt das Après-Finale zur Entscheidung: Ist es grausamer zu bleiben, zu warten, zu schauen was passiert? Oder ist es grausamer zu gehen und der Grausamkeit des Geschehens zu applaudieren? Bis es zu dieser Pointe kommt, ward viel Luft gefächert worden während optischer und akustischer Dekadenz bei der Uraufführung von "Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness".

Promised Ends 560 Nurith Wagner Strauss xBaso Fibonacci auf der Gipstorte, im Vordergrund das Beleuchtungsobjekt © Nurith Wagner Strauss

Saint Genet, Kollektiv um den Regisseur Derrick Ryan Claude Mitchell, zeigte 2015 beim Donaufestival Krems die vorbereitende Arbeit "Frail Affinities" im selben Neonröhren-Lichtskulpturen-Arrangement von Ben Zamora. Filigran und faszinierend hängt das Ding tief in den halbherzig zur Arena bestuhlten Bühnenraum hinein. Auf der Haupttribüne sitzend, versperrt es widerspenstig die Sicht. Die Haupttribüne steht sich außerdem selber im Weg. Was vorne, nahe an der Rampe statthat, bleibt Theater für die wenigen, die links und rechts des Bühnenquadrates sitzen.

Die Toten bäumen sich dem Leben entgegen

Dort in der Mitte steht, auf verschwurbelter Latex-Boden-Schicht, ein weißes Gips-Objekt, ebenso Thron wie Torte. Fibonacci liegt darauf. Der nackte Tänzer Matt Drews vervollständigt die Pieta. Später jede Menge Schlagobers. Und Honig und Blut. Über Köpfe gegossen, wieder und wieder, also alle angerichtet als Dessert. Einer der Referenzrahmen für die Performance lautet: Kannibalismus. Saint Genet bezieht sich auf die "Donner Party", eine Gruppe von Siedlern, die 1846 wegen Wintereinbruch in der Sierra Nevada gefangen waren. Als eine Reihe von überdimensionalen Plastik-Schlagobers-Tupfern sich plötzlich aufbäumt und bei hysterisch-heiterer Musik-Stimmung zu Kürbisköpfen aufstellt, da klappt der Konnex ins Jetzt: die Geburt der USA aus dem Geist von Halloween.

Über fünf Kapitel bäumen sich bei "Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness" die Toten dem Leben entgegen. Ton-Flächen und melodiöse Entwicklungen steigern die Hypnose. "A death cult" schwirrt über zwei seitliche Leinwände. Mitchell macht den Priester. Setzt sich vor Beginn Blutegel an, dirigiert das Geschehen von einem Pult aus. Schreit "harder!", wenn Lily Nguyen, Opferlamm, von Drews vergewaltigt werden soll und schimpft über nicht funktionierende Mikrophone. Lavinia Vago, Francesca Frewer, Adriana Cubides und Steffi Wieser machen als meist stumme Tänzerinnen den Chor der Ritual-Teilnehmenden. Sie tragen nichts bis Durchsichtiges, Verausgabung, Schweiß, Übergriff, danach sind sie wie zur Belohnung in goldene Rettungsdecken gehüllt.

Kunstvoller Saunagang

Derweilen sinniert Fibonacci über Feindschaft. Stellt endlos rhetorische Fragen: "Is the enemy a mirror?" Zugleich schwirren Textbrocken über Leinwände. Sie machen auf einen weiteren Ausgangspunkt des Abends aufmerksam: "Cordelia". Analog zu den drei Töchtern des Shakespear'schen "König Lear" wiederholt sich vieles drei Mal, um dann in eine nächste Stimmung überzugehen. Und Stimmung heißt nicht nur Gewalt. Es gibt auch zärtliche Momente und leises Geschehen, im Nebel entrückt. Es gibt vor allem fast 150 Minuten lang Musik. Streicher, Klavier, Synthesizer, dann mal Richtung Hip Hop, jedenfalls hat die Musik den Abend fest in der Hand. Ist ein langwieriger Sauna-Gang, vor dem Hintergrund der musikalischen Dramaturgie doch ein kunstvoller gewesen.

 

Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness
von Saint Genet
Regie/Text/Konzept: Derrick Ryan Claude Mitchell, Design Lichtskulpturen: Ben Zamora, Lichtdesign: John Torres, Installation und kinetische Objekte: Casey Curran, Choreographie: Matt Drews, Komposition: Brian Lawlor/D. Salo, Kostümdesign: Robinick Fernandez, Dramaturgie: NKO, Technische Beratung: John DeShazo, Sound Advisor: Ryan Kelly, Video: Alexander Nowak.
Mit: Baso Fibonacci, Matt Drews, Lily Nguyen, Lavinia Vago, Francesca Frewer, Adriana Cubides, Steffi Wieser.
Musiker*innen: Brian Lawlor (Piano, Synths), Lukas Lauermann(Cello), Martina Bischof (Viola), Emily Stewart (Violine), Julia Pichler (Violine), Benny Omerzell (Keyboards).
Dauer: 2 Stunden und 30 Minuten, keine Pause

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

Helmut Ploebst vom Standard (17.5.2017) erkennt Einflüsse von Akira Kurosawas 'Ran', Jean-Luc Godards 'King Lear' sowie Robert Wilson in der Arbeit. "Überhaupt ist Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness ein Fest für Achtzigerjahre-Nostalgiker." Mitchells Zeitgenossenschaft sei unverkennbar eine von vorgestern. Sie integriere sich nahtlos in das trendige Wiederabfeiern der überbordenden Ästhetik von dazumal.

Thomas Trenkler sah andere Vorbilder. Mitchell bediene sich schamlos, aber äußerst wirkmächtig am Wiener Aktionismus und an der Body-Art der ’60er-Jahre, schreibt er im Kurier (18.5.2017). Die seitlich projizierten Singalwörter 'We are lost' seien die eindringlichste Botschaft dieser "brutal-packenden Gesellschaftskritik".

Norbert Mayer von Die Presse (17.5.2017) erlebte eine "durchwachsenen Aufführung". Es tue nicht weh, wie insinuiert wird, es reiße nicht von den Sitzen. "Es scheint, als ob sie die intensive Kunst von Anne Teresa De Keersmaekers Kompanie Rosas imitieren wollen." Mit einer Einschränkung: Die Darsteller würden zwar hart hergenommen, doch diese Aktionen blieben im Grunde keimfrei und bieder, "wie eine puritanische Einlage zum Abschlussball einer High School in Nevada, bei der man mal so richtig schockieren will".

"Überall Schmuddeligkeit aus Gold und Dreck, die Atmosphäre schwer und bedrohlich", beschreibt Verena Franke in der Wiener Zeitung (17.5.2017) das Setting der Inszenierung. Mitchell wolle erschüttern. Das gelinge teilweise mithilfe der bewusst Grenzen überschreitenden Inszenierung. Doch das Stück erkläre sich nicht aus sich selbst heraus. "Der Beigeschmack des Prätentiösen veranlasste manchen Zuschauer dazu, vorzeitig die Halle G zu verlassen. Mancher meinte im Nachhinein: 'What the hell . . ?'"

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