Afrika als Metapher

von Gerhard Preußer

Bochum 19. Mai 2017. Eigentlich ein Skandal, dass das Stück immer noch so heißen darf! Aber es geht ja nicht um die Hautfarbe. Afrika sei hier nur eine Metapher, hat Bernard-Marie Koltès über sein Stück gesagt. Eine Metapher wofür? Für das Leben. Genauer: für das Leben in Unsicherheit und Einsamkeit. Alle wollen darin anders, besser, schöner leben, keinem gelingt es.

Das Fremde

Dass das 1981 uraufgeführte Stück zwar berühmt, seit Ende der 80er Jahre aber kaum noch inszeniert wurde, lag vor allem an einem Besetzungsproblem. Wie besetzt man diese Titelfigur: authentisch oder stereotypenkritisch? Ein freundlicher Dunkelhäutiger oder ein sich demonstrativ schwarz schminkender Spezialist für Fieslinge? In Bochum nichts davon: der N*** ist eine Frau. Das ist aber keineswegs eine feministische Umdeutung des Stückes. Die Besetzung des rätselhaften Afrikaners mit Jana Schulz dient der Neutralisierung der Figur: Alboury, das geschlechtslose Wesen ohne Hautfarbe, der oder die oder das unfassbare Fremde.

KampfdesNegers2 560 Arno Declair uMatthias Herrmannm, Jana Schulz, Luana Velis im Kabelland namens Afrika  © Arno Declair

Spielbar ist das Stück vor allem deshalb, weil es neben der überbordenden Weltbejammerungslyrik und schwiemeliger Einsamkeitspoesie eine handfeste Handlung hat: Ein Schwarzer wird auf einer afrikanischen Baustelle eines französischen Straßenbaukonzerns von einem weißen Ingenieur erschossen. Als ein Dorfbewohner die Herausgabe der Leiche fordert, versucht der Baustellenleiter den Mord zu vertuschen. Als dies nicht gelingt, will er den lästigen Frager umbringen lassen. Aber stattdessen wird der mörderische Ingenieur von den schwarzen Wachen erschossen. Ein richtiger Baustellenkrimi also, garniert mit einer Frau. Die Geliebte des Baustellenleiters wird eingeflogen, vom Ingenieur erfolglos unter Druck gesetzt, wirft sich in stupider Afrikabegeisterung dem Schwarzen an den Hals, ebenso erfolglos, und wird wieder abgeschoben.

Im Kabelwald

Exotische Atmosphäre gibt es in Roger Vontobels Bochumer Inszenierung nur in abstrahierenden Zeichen. Afrika ist ein Lianengewirr aus schwarzen Kabeln: zwei Metaphern in einer, Baustelle und Dschungel, der fremde, gefährlich faszinierende Erdteil und der hässliche, globalisierte Kontinent der Schufterei (Bühne: Fabian Wendling). Akustisches Afrika gibt es auch: Grillengezirpe und Papageiengeschrei, fabriziert am Mikrophon. Dazu Live-Musik mit Cello und Elektronik von Matthias Herrmann.

KampfdesNegers3 280 Arno Declair uSchwarz ist weiß und weiß ist schwarz, Kampf der Paranoia mit der Jauche: Max Mayer und Werner Wölbern  © Arno DeclairVor dem dunklen Kabelwald haben der Ingenieur Cal und sein Chef Horn ihre schäbigen Metallstühle und jeder seinen Vorratskasten: Cal einen verdreckten Minikühlschrank voll Bier, Horn eine schicke Kiste voll Whiskyflaschen. Bevor Alboury auftritt, reibt er sich weißen Staub ins Gesicht. Ganz anders der Auftritt Léones. Sie steckt in einem riesigen Schrankkoffer und steckt nur den Kopf heraus. Cal sieht sie, rülpst, schleudert Bierschaum von sich, rülpst, stiert, kann es nicht fassen: eine Frau, plötzlich in dieser Männerwüste.

Dieser Cal ist es, mit dem die Inszenierung das Stück erträglich macht: Er ist der Clown, nicht der nervöse, triebhafte Bösewicht, sondern ein zappelnder Zyniker, unsicher und aggressiv, aber immer lächerlich. Max Mayer spielt ihn zwei Stunden lang unter Volldampf. Ganz souverän differenziert dagegen Werner Wölbern als Horn. Erst wenn weder Whisky noch Geld noch heuchlerische Freundschaftsangebote fruchten, legt er seine doppelbödige Bonhomie ab, wird scharf und leise und gibt den Auftrag zum Mord. Die junge Luana Velis als Léone ist bei aller demonstrativen Verlegenheit ein Energiepaket, das dann auch einmal im wilden Tanz explodieren darf, bevor sie sich den Oberkörper schwärzt. Nackt und schwarz, das ist Léones Ideal: selbstzerstörerische Selbstbefreiung durch falsche Liebe.

Durchlüftet mit Humor

Im zweiten Teil steigern sich die Effekte. Cal, der in der Jauchegrube vergeblich nach der Leiche gesucht hat, wirkt noch komischer, wenn er schlammbeschmiert mit Brille und Gewehr bei jeder Bewegung Fäkalienpampe verspritzt. Der tropische Donner grollt wild. Leonie bespringt barbrüstig den immer grimmiger schweigenden Schwarzen. Der immer noch blendend weiß gekleidete Horn besteht auf seinem letzten Feuerwerk, nur für sich selbst. Zum Schluss: maximale Licht- und Lautstärke, Heavy-Metal-Musik und Feuerwerk im Gewitter. Gleißende Schönheit und dröhnende Katastrophe sind nicht mehr unterscheidbar.

Koltès’ Forderung, auch in Deutschland müssten die Körper von Schwarzen und Arabern auf der Bühne stehen, wird hier mal wieder nicht erfüllt. Aber indirekt wird die Inszenierung Koltès gerecht: Sie durchlüftet das Stück mit einer steifen Brise von Humor und treibt so den existenzialistischen Pathosmuff der frühen 1980er aus.

 

Kampf des N**** und der Hunde
von Bernard-Marie Koltès, aus dem Französischen von Simon Werle
Regie: Roger Vontobel, Bühne: Fabian Wendling, Kostüme: Tina Kloempken, Musik: Matthias Herrmann, Licht: Denny Klein, Dramaturgie: Claudius Lünstedt.
Mit: Werner Wölbern, Jana Schulz, Luana Velis, Max Mayer, Matthias Herrmann.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

 

Kritikenrundschau

Ulrike Gondorf schreibt auf der Website von Deutschlandfunk Kultur (20.5.2017): Koltès' "rätselhaftes Drama" erzähle "überraschend aktuell über Angst und Unsicherheit einer Gesellschaft, die plötzlich konfrontiert ist mit Menschen, die nicht dazugehören und auch nicht wieder verschwinden". "Panik, die in Gewalt umschlägt, Pragmatismus, der zunächst den Ausgleich sucht und dann auf eine harte Linie einschwenkt", hätten die Diskussionen der "letzten zwei Jahre geprägt". Vontobel arbeite das spannend heraus. Doch inszeniere er keinen "Crashkurs über Migrationsprobleme", vielmehr eine "Expedition ins 'Herz der Finsternis'", wo "Angst und Einsamkeit" regierten. Die vier Darsteller seien ein "großartig interagierendes Ensemble". Ganz wesentlich würden Atmosphäre und "böse Krimispannung" durch die Musik von Matthias Herrmann kreiert.

Sven Westerströer schreibt auf dem Webportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (21.5.2017): "Der Abend ist ein Schlag in die Magengrube." Den "ohnehin bitterbösen Text" färbe Vontobel noch "abgründiger". "Selbst für Vontobels Verhältnisse ist das finster: diese Wucht, diese Härte."So "geradlinig und abgeklärt" wie hier als Alboury habe man Jana Schulz zuvor selten gesehen. Während der souveräne Wölbern sich "immer krampfhafter am Whisky-Glas fest kralltI, vollbringe Max Mayer als "grenzdebiler Zappelphilipp" Cal die "irrwitzigsten Auftritte" des Abends.

Ähnlich angetan zeigt sich Achim Lettmann, er schreibt auf wa.de, dem Webportal des Westfälischen Anzeigers (21.5.2017): Roger Vontobel inszeniere "kühl" und mit "gutem Timing" eine "Eskalation". Das Bochumer Ensemble biete einmal mehr "exzellente Spielkunst". Dabei überrasche Jana Schulz, "die für ihr expressives Spiel bekannt ist", damit, dass sie "unaufdringlich abwartet und ihre Chance sucht". Die Inszenierung kulminiere "vor allem im wuchtigem Cellospiel, das die Kraft eines Requiems" gewinne.

"Ein grandioser Text, der eine untergründig-vibrierende Spannung erzeugt, um sich am Schluss in einem furiosen Knall aus Gewehrsalve, Donner und Feuerwerk zu entladen", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (24.5.2017). Die "Blackfacing-Falle" werde mit simplen Verfremdungen umgangen, "und Jana Schulz ist dank der ihr eigenen, unaufdringlichen Präsenz eine fabelhafte Besetzung für die Rolle eines Mannes, der als Einziger sich nicht zu Tode blamiert."

 

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