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Was man braucht

von Thomas Rothschild

24. Mai 2017. Dass bedeutende und prominente Schauspieler auch intelligent sind, kann nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Und dass ein Buch über das Leben einer solchen nicht nur eine spannende Lektüre, sondern durch seine Gestaltung – im Satzspiegel, in der Qualität der Illustrationen – auch ein sinnliches Vergnügen ist, noch weniger. Beides trifft aber auf die Erinnerungen von Hannelore Hoger zu.

Hogers Schreibstil ist sprunghaft, unsentimental, uneitel. Ihn literarisch zu nennen, ist keine Übertreibung. Man kann, wenn man denn will, in der Sprache Analogien zu ihrem Schauspielgestus entdecken, eine angedeutete Schnoddrigkeit, eine unterkühlte Darstellungsweise, eine selbstironische Haltung, die kein Pathos aufkommen lässt. "Meine Eltern waren nicht in der NSDAP." Ein isolierter Satz wie dieser impliziert die in deutschen Biographien aus Hannelore Hogers Generation (*1942) erwartbare Gegenbehauptung. Oder dies: "Ein Wunsch meiner Mutter, ein gekacheltes Badezimmer mit Wanne, ging spät in Erfüllung. Da war sie schon 65 Jahre alt." Eine Epoche in zwei Sätzen. Geschrieben von einer Frau, die Horváth gespielt hat.

Weder erinnerungs- noch konfliktscheu

buch hannelore hogerHannelore Hoger schwärmt vom Gründgens-Ensemble am Deutschen Schauspielhaus, sie rekapituliert Peter Zadeks Inszenierung von Brendan Behans "Geisel" in Ulm ("der erste überregionale Erfolg") und die Zusammenarbeit mit Alexander Kluge, mit Lee Strasberg, mit Augusto Fernandes, mit Norbert Kappen, mit Götz George und immer wieder mit Zadek. Auch der folgende Satz teilt im Subtext mit, was im Gegensatz dazu zur Normalität gehört: "Peter Zadek scheute keine Konkurrenz und engagierte andere berühmte Leute." Und zwischendurch: "Rosel Zech, Magdalena Montezuma, Brigitte Mira, Hermann Lause, Pedro Gavajda, Otto Sander starben an Krebs. Peter Zadek und Peter Palitzsch sind tot. Ich weine, wenn ich an sie denke."

Dass es auch unter den von uns Theaternarren bewunderten und bisweilen idealisierten Stars nicht immer idyllisch zugeht, erfahren wir aus einem kurzen, diskreten Abschnitt über einen Konflikt zwischen der Autorin und Gert Voss. Der wollte am Burgtheater in Strindbergs "Totentanz" nicht mit ihr spielen und empfahl sie Peter Simonischek an. Bei einer Probe schmiss er, ungeduldig, mit einer Vase, die, wie sie vermutet, sie treffen sollte und nur knapp am Kopf des Regisseurs Peter Zadek vorbeiflog.

Hannelore Hoger schreibt außerdem über ihr Interesse und ihre Arbeit an Hörbüchern und über ihre Vorlieben in der Musik, über ihre unsystematische Lektüre und über ihre Reisen. Manchmal, ein Merkmal von Autobiographien, täuscht die Erinnerung. Hoger behauptet mit Lego gespielt zu haben, aber als das in Deutschland eingeführt wurde, war sie dreizehn Jahre alt und wohl eher mit anderem beschäftigt.

Ergänzende Interviews, geführt von Alexander Kluge und Thilo Wydra

Die erzählenden Kapitel werden ergänzt durch Gespräche mit Alexander Kluge und mit Thilo Wydra. Bei Kluge profitiert Hannelore Hoger nicht nur von der großen Vertrautheit mit dem Gesprächspartner, sondern auch von der unverwechselbaren Art, mit der er auf Umwegen zu Auskünften gelangt. Er lässt Lücken, spricht in Fragmenten und Rätseln, die das Gegenüber zur Ergänzung, zur Erweiterung, zum Widerspruch reizen. Kluge, der Meister der Abschweifung, bringt mit seinen Repliken einen Stein ins Rollen. Er erzählt von einer Begegnung mit Fritz Lang oder von Stefan Moses und Adorno, und Hannelore Hoger reagiert auf ihre Weise, gibt Einzelheiten über ihre Arbeit preis, die ansonsten ungesagt blieben.

Mit Thilo Wydra redet Hannelore Hoger in bereits 2005 anderswo veröffentlichten Gesprächen über die Fernsehrolle, die sie weit über das Theaterpublikum hinaus bekannt gemacht hat, über die Kriminalkommissarin Bella Block. In einem weiteren Gespräch mit Wydra gibt sie Auskunft über Spielfilme, in denen sie mitgewirkt hat, sowie, eher kursorisch, über ihre Regiearbeiten. Im Anhang finden sich hilfreiche Verzeichnisse – für die Bühnenrollen leider nur eine Auswahl.

Möbel, Bücher, Besuch

Die Frage, was man brauche, beantwortet Hannelore Hoger so: "Man braucht ein großes Bett, einen Tisch und mehrere Stühle. Bücher, und dass ab und zu mal einer vorbeischaut. Das heißt: Ich muss jetzt aufräumen." Das erinnert den Rezensenten an ein frühes Buch von Peter Bichsel. Keine schlechte Assoziation in der schrillen Welt der falschen Töne. Dass die Memoiren einer großen Schauspielerin sie auslösen, ist bemerkenswert.

Und der letzte Satz, bescheiden und anspruchsvoll zugleich: "In meiner Karriere habe ich Hollywood nicht erreicht, aber wenn die phantastische Isabelle Huppert endlich einen Oscar bekäme, empfände ich das als ausgleichende Gerechtigkeit." Vielleicht überschätzt Hannelore Hoger Hollywood und den Oscar, aber dass sie am Ende ihres Buchs nicht von sich, sondern von Isabelle Huppert spricht, macht sie nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Mensch außergewöhnlich.

Ohne Liebe trauern die Sterne –
Bilder aus meinem Leben
von Hannelore Hoger
Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2017, 301 Seiten, 19,95 Euro