Fight Club Wunstorf

von Friederike Felbeck

Recklinghausen, 25. Mai 2017. Wer kennt sie nicht die von grölenden Fans überbordenden Straßenbahnen und Regionalzüge des Ruhrgebiets, die ihre Anhänger vor den Vereinen der Region ausschütten und die vorab, seitdem in vielen Stadien ein Glas- und Alkoholverbot herrscht, "vorglühen" und sich so richtig schön warmlaufen. Ein zwar lauter aber heiterer Spaß, der nur manchmal umkippt und aus dem Nachmittagsvergnügen eine übergriffige, sexistische, ausländerfeindliche Gefahr werden lässt.

Die wöchentliche Pilgerschaft zu Stadien und Hallen, zu Fußball oder Eishockey, geschmückt mit bunten Schals, Hüten, Rasseln und Tröten, die auch vor weiten Wegen in andere Länder und Kontinente nicht Halt macht, wenn es darum geht, den eigenen Verein zu unterstützen und mit Gleichgesinnten im Pulk lautstark durch die Gastgeber-Städte zu ziehen, versteht man oder versteht man nicht. Fast heldenhaft wirken die Sportfans, da die sie empfangenden Stadien längst zu sensiblen Sicherheitsrisiken geworden sind. Natürlich ist das Anschlagsziel in Ferdinand von Schirachs Stück Terror ein prall gefülltes Fußballstadion. Die jüngsten Attentate auf den Mannschaftsbus des BVB und ein Konzert der Sängerin Ariana Grande im Etihad-Stadion in Manchester machen Stadien zu den wundesten Punkte und Foren einer Öffentlichkeit, die wir (noch) nicht bereit sind preiszugeben.

hool1 560 katrin ribbe uAuf die Fresse! © Katrin Ribbe

Wie eine besonders kuriose Ausformung wirken da die Hooligans, die unterwegs zum Stadion noch kaum zu unterscheiden, auch das laute aber friedlich-trunkene Leben gewöhnlicher Fans unerträglich machen und diskreditieren. Der Autor Philipp Winkler beschrieb bereits noch vor Erscheinen seines Romans "Hool" in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Welt von verabredeten Schlägereien zwischen Menschen aus allen sozialen Schichten, vom Hartz IV – Empfänger bis zum Mittelstands-Daddy, vom Türsteher bis zum Unternehmer, vom Krankenpfleger bis zum freiwilligen Feuerwehrmann.

Der Faustschlag: ein Geben und Nehmen

Und so beginnt denn auch die Uraufführung einer Dramatisierung seines Erstlingswerkes mit den Errungenschaften eines maßgefertigten Mundschutzes. Eine gemischte Truppe bereitet sich auf den wöchentlichen Fight Club mit den gegnerischen Fans vor. Es geht um die Erzfeindschaft zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig. Es geht um Körper: das Blut und die Hautabwetzungen der anderen, die Spuren auf den eigenen Händen hinterlassen. Vor allem aber geht es darum: sich selbst wieder zu fühlen – und sei es unter Schmerzen. Kämpfen ist ein Ventil, diagnostiziert Winkler. Der Faustschlag ein Geben und Nehmen und eine raffinierte Form von selbstverletzendem Verhalten.

hool3 560 katrin ribbe u1:0 für das System © Katrin Ribbe

Was auf den ersten Blick wie ein Remake aussehen könnte, ist ein dramaturgischer Coup sowohl der Ruhrfestspiele als auch des koproduzierenden Staatsschauspiel Hannover: Bereits im Vorjahr punchte sich der Regisseur und Hannoveraner Intendant Lars-Ole Walburg erfolgreich durch die Vorlage von Rocco und seine Brüder. Mit Philipp Winklers furiosem und vielgelobtem Debüt "Hool" pickt Walburg nicht nur einen Stoff, der vor der eigenen Haustür angesiedelt ist, sondern trifft auch bei dem diesjährigen Motto der Ruhrfestspiele "Kopf über – Welt unter" ins Schwarze.

Dabei hatte Walburg bei der Dramatisierung von Winklers Roman leichtes Spiel: Den feinen Miniaturen der Vorlage, mit denen Winkler seine Leser vom ersten Satz an verstrickt und mithineinzieht, sind Theatralität und Dialoge schon eingeschrieben. Chorische Passagen, urwüchsige Sprüche, Fachvokabular und Plattdeutsch wechseln sich mit epischen Beschreibungen der Erzählerfigur und Chefprüglers Heiko ab. Trotzdem bleiben die Schicksale immer zum Greifen nah, sie werden niemals exotisch und strahlen eine gefährliche Faszination aus.

Süchtig nach Gewalt

Die fünf großartig agierenden Schauspieler, die sich die Rollen je nach Temperatur aufteilen, sezieren ihre eigenen Statements mal als Gruppe mit sonorer Mikrofonstimme im abgedunkelten Zimmer oder hangeln sich durch das Stahlgeäst der Stadiontribüne wie durch ihren privaten Dschungel aus Lianen und Baumwipfeln. Das soziale Geo-Setting zwischen Bienenstich, Entzug, gescheiterten Schullaufbahnen, einer Muckibude namens "Wotan Boxing-Gym" und der obilgatorischen Stammkneipe wird erst porös, als einer von ihnen schwer verletzt im Krankenhaus landet. Da wird deutlich, für wen ein Ausstieg längst nicht mehr möglich ist, weil die Gewalt zur Sucht und das Universum von Kicker, DFB-Pokalrunde und immer abstruser werdenden Prügel-Treffen zum Lebensinhalt geworden ist. Am Ende ist es die Wut auf die Verhältnisse, für die es keinen Abfluss mehr gibt.

 

Hool
nach dem Roman von Philipp Winkler
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Nina Gundlach, Dramaturgie: Kerstin Behrens, Musikalische Leitung: Matthias Meyer
Mit: Nicola Fritzen, Carolin Haupt, Philippe Goos, Daniel Nerlich, Sebastian Weiss.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.ruhrfestspiele.de
www.staatstheater-hannover.de



Kritikenrundschau

Mit "Hool" sei Philipp Winkler "ein großer Wurf" gelungen; das Buch sei "wie ein präzise gesetzter Kinnhaken", schreibt Sven Westernströer in der Westfälischen Rundschau (27.5.2017). Regisseur Walburg sei "klug genug, all die abstruse Gewalt, die im Roman in teils drastischen Worten verhandelt wird, nicht auf der Bühne nachspielen zu lassen"; seine Inszenierung wirke in ihren "blitzschnellen Szenenwechseln beinahe filmisch". Es gibt Lob für Bühnenbild und Ensembleleistung, und der Kritiker findet es gut "vorstellbar", dass Winklers Werk "als Stück der Stunde ein kleiner Siegeszug auf deutschen Bühnen bevor steht".

"Zwei Stunden lang sieht das Publikum sozusagen der Entstehung eines Hörbuchs zu, da Walburg 'Hool' in ein Tonstudio verlegt hat", berichtet Britta Helmbold für die Ruhr Nachrichten (26.5.2017). "Es gibt zwar wenig zu spielen, dafür viele Umzüge, denn die Darsteller wechseln ständig die Rollen", heißt es in dem Text, der mit distanzierter Geste über den Abend berichtet. 

 
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