Plündert einer den Spielzeugladen

von Eva Biringer

Wien, 4. Juni 2017. Wo ist Brigitte Renate Meese? Diese Frage hielt in den letzten Tagen das deutschsprachige Feuilleton auf Trab. Ihr Sohn Jonathan würde bei den Wiener Festwochen einen "Parsifal" inszenieren. Und weil Jonathan Meese der Typ mit den Mummy Issues ist, war nicht die Frage ob, sondern wie seine 85-jährige Mutter dabei sein würde. Sie ist es in Form eines Porträts in Eierform, auf dem dazugehörigen Becher steht "Siehste". Das klingt ein wenig wie "Ätsch!" und könnte zum Beispiel an die Bayreuther Festspiele gerichtet sein, die Meese seine Arbeit nicht zu Ende bringen ließen. 2016 hätte er in Bayreuth inszenieren sollen wie vor ihm bereits Castorf und Schlingensief.

Über den zwei Jahre zuvor geplatzten Deal sagt Meese heute: "In Bayreuth hieß es erst, ich solle Kunst machen, dann Kultur, dann Politik, dann Religion. Hier in Wien darf ich wirklich Kunst machen." Der zweite Teil seines "Mondparsifals" wird kommenden Herbst im Rahmen des "Immersion"-Festivals der Berliner Festspiele zu sehen sein. Deren Leiter Thomas Oberender ist bei der Uraufführung im Theater an der Wien anzutreffen. Ebenso, natürlich, Thomas Zierhofer-Kin. Dass der Festwochenleiter die Musiksparte beinahe ersatzlos gestrichen hat, verzeihen ihm manche wohl nie. Dass die einzige Oper von einem inszeniert wird, der keine Noten lesen kann, erst recht nicht.

Mondparsifal Probe 197 560 Jan Bauer uMeese malt © Jan Bauer

Ob die Nachtkritik-Redaktion weiß, dass auch ich keine Wagnerianerin bin? Die Bayreuther Festspiele, das ist doch dieses Event, bei dem Angela Merkel stets die falschen Blazer trägt und auf dessen Tickets alle anderen zehn Jahre warten müssen. Zu dem die "Zeit" immer jemanden, sagen wir mal, betriebsfernen schickt. Letztes Jahr war Stefanie Sargnagel da. Obwohl ich vorbereitet bin (weiße Bluse, japanischer Energydrink, um vier Stunden Spielzeit zu überstehen) und mich eingelesen habe, überfordert mich Wagners 1882 uraufgeführter Dreiakter.

Die Musik: "in die Zukunft geballert"

Die Handlung ist komplex und am besten bei Wikipedia nachzulesen. Es geht um einen heiligen Gral, einen heiligen Speer, Keuschheit, Ehre, Ritterlichkeit. In seiner Einführung beruhigt Dramaturg Henning Nass die Gewissenhaften unter den Zuschauern, dass nicht alle Figuren wiederzuerkennen seien. Handlung ist, mit Meese gesprochen, sowieso nicht King. Lieber ballert er mit Popkultur. Es treten auf: Edgar Wallace, Timothy Leary, Alex aus "Clockwork Orange", Daddy Cool, der Erfinder des Fürst-Pückler-Eis, ein Plüschschäferhund als Symbol des hässlichen Deutschen. Ohne Eisernes Kreuz macht es der selbsternannte Kunstdiktator Meese sowieso nicht. "Demut" steht im ersten Akt auf einer Pappmachésäule, was natürlich ein großer Witz ist.

Mondparsifal Probe 607 560 Jan Bauer uDemut gegen Diktatur der Kunst © Jan Bauer

Demütig zeigt sich der multidisziplinäre Künstler mit den Markenzeichen Jesusmähne und Trainingsanzug höchstens gegenüber "Opernprofis" wie dem Komponisten Bernhard Lang, der Wagners "Parsifal" hier eine "zeitgenössische Neuinterpretation" entgegensetzt. Ähnlich einem Programmierer setzt der Österreicher seine Kompositionen als Cluster zusammen. Bei "Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)" hat er die sogenannten Spektraltöne des Wagner-Originals in den Vordergrund gerückt oder, mit Meese gesprochen, "die Musik in die Zukunft geballert". Oft klingt das so, wie sich ein Musiktheaterlaie Zwölftonmusik vorstellt: dissonant, herausfordernd, um Aufmerksamkeit ringend. Manchmal wie Jazz, wenn das Saxophon dudelt. Auch solche Percussions kommen meines Wissens nach bei Wagner nicht vor.

Jeder gesungene Satz wird mindestens drei Mal wiederholt, auf Deutsch, Englisch, Französisch oder Altgriechisch. Bühnenbildner Meese lässt dazu Raketen fliegen, Kostümbildner Meese steckt Magdalena Anna Hofmann in ein Barbarellakleid und den Countertenor Daniel Gloger in eine Lack-und-Leder-Montur, die man sich gut in der Berghainkloschlange vorstellen kann. Und der Künstler Meese himself kritzelt aus einer Seitenloge heraus Seiten voll, was als Live-Video auf die Bühne übertragen wird. Auch das Programmheft feiert das Prinzip Sudelheft, wer davon nicht genug kriegen kann, findet auf der Festwochen-Website weitere Skizzenbuchauszüge.

Das Recht der Kunst auf Zweckfreiheit

Je länger Meese auf die Meta-Kacke haut, umso stärker wird der Eindruck, dass hier zusammenkommt, was zusammengehört. Wagners weltabgewandtes Pathos. Kundry als eine Art Urmutter. Parsifals Mutter Herzeleide als liebevolle Alternativlosigkeit weiblicher Diktatur. Und schließlich die Titelfigur selbst, deren Name aus dem Persischen übersetzt "reiner Tor" bedeutet, als Verkörperung des ewigen Kindes. Dieser "Mondparsifal" ist die theatergewordene Fantasie eines kleinen Jungen, der den ganzen Spielwarenladen leerkaufen darf. Geschmacksverstärkereis inbegriffen. Es blinkt, zischt, blitzt, knallt, blubbert, schäumt und am Ende segelt ein meterhoher Spongebob-PEZ-Spender von der Decke. Bleibt zu fragen: Ist das Kunst oder kann das weg?

Mondparsifal Probe 615 560 Jan Bauer uDie Sailormoons präsentieren: den Erzwagner! © Jan Bauer

Egal, wie bescheuert man eine Ringelreihen tanzende Sailor-Moon-Armee und brennende Strohpuppen mit dem Gesicht der Künstlermutter findet, in seiner konsequenten Gesamtkunstwerkhaftigkeit ist Meese Wagner vermutlich näher als manch anderer Regisseur auf dem sogenannten Grünen Hügel. Zumal sein Wahnsinn Methode hat: Immer wieder geht es um das Recht der Kunst auf Zweckfreiheit.

Während bei Wagners "Bühnenweihfestspiel" aus Gründen der Erhabenheit lange Jahre gar nicht geklatscht wurde, lässt das Wiener Premierenpublikum seiner Begeisterung freien Lauf. Standing ovations, auch für das Orchester und dessen Dirigentin Simone Young, kaum Buhs für die Regie. Und wo ist Brigitte Renate Meese? Ich bin ihr auf der Damentoilette begegnet. Wie eine Diktatorin sah sie nicht aus.

Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)
Oper von Bernhard Lang nach Richard Wagners "Parsifal"
Regie, Bühne und Kostüme: Jonathan Meese, Musikalische Leitung: Simone Young, Mitarbeit Bühne: Jörg Kiefel,
 Mitarbeit Kostüme: Jorge Jara,
 Licht: Lothar Baumgarte,
 Dramaturgie: Henning Nass,
 Choreografie: Rosita Steinhauser,
 Klangregie, Sound Design: Peter Böhm, Florian Bogner.
Mit: Tómas Tómasson, Wolfgang Bankl, Daniel Gloger, Martin Winkler, Magdalena Anna Hofmann, Alexander Kaimbacher, Andreas Jankowitsch, Johanna von der Deken, Sven Hjörleifsson, Manuela Leonhartsberger, Xiaoyi Xu, Melody Wilson, Marie-Pierre Roy.

Dauer: 4 Stunden, 2 Pausen

www.festwochen.at

 

Kritikenrundschau

In der Presse (6.6.2017) würdigt Walter Weidringer Bernhard Langs Komposition, die "allerdings auch instrumentale Leerläufe" besitze. Szenisch erschöpfe sich der Abend "vollends in einer bloßen Bebilderung, die genauso gut oder schlecht zu Wagners Original gepasst hätte". Der Übertreibungskünstler berausche sich "an den eigenen schrillen Superlativen, optisch ebenso wie sprachlich – und kommentiert sogar in einer eigenen, roten Textspur via Übertitel das Libretto. Seine Fantasie erblüht in den Grenzen jenes Kinderzimmers, in dem er scheinbar bis heute lebt und arbeitet – also: spielt."

"Selbst wenn man den 'Mondparsifal' als kompletten Unfug abtun sollte - was er nicht ist -, so muss man anerkennen, dass hier einer mit höchster Konsequenz und unabdingbar daran glaubt, dass Kunst nicht domestizierbar ist", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (6.6.2017). "Mit Meese, so kann man optimistisch vermuten, hätten die Bayreuther Festspiele jenes Alleinstellungsmerkmal zurückerhalten können, das ein Festival braucht, wenn es einmal im Jahr eine neue Produktion zur Disposition stellt." Zwar habe der Abend das Potenzial, auf die Nerven zu gehen. Aber Meeses assoziativer und ebenso konziser wie kruder Bilderrausch hinterlasse keinen Kater, sondern eine eigentümliche Fröhlichkeit.

"Es herrscht eine Überfülle an verspielten Ideen Meeses, der unter Übertiteln auch Sprüche und Parolen platziert", so Ljubiša Tošic im Standard (6.6.2017). Und doch sei alles in szenischer Opernkonvention erstarrt, zumal dem "trashigen Raumschiff der Assoziationen" eine Musik zur Seite stehe, die ja an der Behäbigkeit nicht unschuldig sei. "Aber immerhin: Die Festwochen haben etwas gewagt, haben einem Regie-Parsifal erlaubt, jene seine Stilmittel über Wagner zu stülpen, die in Bayreuth nicht erwünscht waren. Das bunte Chaos der Popularkultur bleibt zwar handwerklich in szenischer Routine stecken. Aber einen (überlangen) Versuch war’s wert. - derstandard.at/2000058763998/Mondparsifal-Ideenkarneval-in-Raumschiff-der-DekonstruktionAber immerhin: Die Festwochen haben etwas gewagt, haben einem Regie-Parsifal erlaubt, jene seine Stilmittel über Wagner zu stülpen, die in Bayreuth nicht erwünscht waren."

Der Wien-Besucher könne sich "in Meeses Zitatengewitter, den Entschlüsselungswahnsinn hineinbegeben", formuliert ein begeisterter Udo Badelt auf Zeit Online (6.6.2017) – "oder die permanente Überforderung annehmen, sie akzeptieren als ein Mittel, Wagner vom Mythenschlamm zu befreien". Dass der dann doch wieder aufgerufen werde, indem Meese den ganzen dritten Akt Fritz Langs monumentalexpressives Stummfilmepos "Die Nibelungen" im Hintergrund mitlaufen lasse, gehöre zu den Nüssen, die der Besucher zu knacken habe.

Begeisterung auch bei Jörn Florian Fuchs auf Deutschlandfunk Kultur (4.6.2017): "Den Wiener Festwochen ist mit dem 'Mondparsifal' ein Coup gelungen, der ideal ins heuer ausufernde Programm mit all seinen politischen Projekten und Gender-Reflexionen und verrückten Performances passt. Tolle Pointe zum Schluss: Meeses auch hier wieder sehr lautstarkes Diktum vom Diktat der Kunst, der absoluten Freiheit von Ideologien und Zwängen ist natürlich nur möglich, wenn eben der Staat mit heftigen Subventionen solch einen Zauberkasten ermöglicht. Erzlogisch, oder?"

"Man könnte Meeses Wiener Debüt als Opernregisseur und Ausstatter als 'Entweihespiel' bezeichnen, weil er Wagners 'Bühnenweihfestspiel' auf eine Scifi-Travestie reduziert, ohne allerdings die subversive Kraft von Christoph Schlingensief zu erzielen", schreibt Reinhard Kager in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.6.2017). Auch Komponist Lang kommt nicht gut weg: "Viele vokale Passagen in 'ParZeFool' erwecken lediglich den Eindruck, als sei eine Schallplatte in einer Rille hängengeblieben, ohne eine ähnlich suggestive Energie zu erzeugen wie das Original." Am besten gelinge es Lang, trotz der erheblich reduzierten Orchesterbesetzung, in den rein instrumentalen Teilen, solch eine entgrenzte Atmosphäre zu schaffen.

Daniel Ender von der Neuen Zürcher Zeitung (7.6.2017) zeigt sich enttäuscht. "Es bleibt, was den auch durch manifestartige Aussagen ständig bekräftigten Überbau betrifft, bei einem Vexierspiel – und im Übrigen, als würde sich die Gattung gegen ihre Dekonstruktion wehren, schlicht bei einer Art Oper." Alle Sänger agierten fulminant und meisterten die teilweise ermüdenden loopartigen Wiederholungen tadellos. Das Klangforum Wien unter der Leitung von Simone Young changiere mühelos zwischen klangschöner Wagner-Harmonik, 'avantgardistischen' Floskeln und Pseudo-Jazz-Sounds.

So "wüst" wie "die besten Inszenierungen eines Hans Neuenfels – nur eben ohne dessen humanistischen Furor" findet Frederik Hanssen vom Tagesspiegel (16.10.2017) den "Mondparsifal" nach dessen Berliner Premiere. "Was Jonathan Meese bei seiner Malerei noch übertünchen kann, offenbart er in der Tripelfunktion als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner hier unverstellt: Dass er sich weigert, zwischen Pop und Politik zu unterscheiden, weil er nun einmal ein selbsternanntes Muttersöhnchen ist, gefangen in der Komfortzone der ewigen Pubertät." Der Kritiker schätzt, wie Bernhard Langs Musik "das Geschehen mit einer Raufaser-Klangtapete ummantelt", und hält die die Leistung von Countertenor Daniel Gloger in der Titelrolle für herausragend.

Das "Geilstgruseln hielt sich in Grenzen". Zumindest bei Clemens Haustein in der Berliner Zeitung (17.10.2017). Die Arbeit des Klangforums Wien erinnert den Kritikern "häufig an eine Kurkapelle, die versucht, ein Werk der neuesten Musik zu spielen". Was er vor allem der Komposition Langs zuschreibt. "Auf der Bühne wird derweil eigentlich ein ganz normaler Parsifal gespielt, nur dass die Musik noch ein wenig seltsamer klingt als sonst und sich die Handlung zu Beginn in einer Mondlandschaft mit pittoresken Felsen abspielt."

 

Es herrscht eine Überfülle an verspielten Ideen Meeses, der unter Übertiteln auch Sprüche und Parolen platziert. Und doch ist alles in szenischer Opernkonvention erstarrt. Dem trashigen Raumschiff der Assoziationen steht eine Musik zur Seite, die ja an der Behäbigkeit nicht unschuldig ist. - derstandard.at/2000058763998/Mondparsifal-Ideenkarneval-in-Raumschiff-der-Dekonstruktion

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Kommentare

Kommentare  
#1 Mondparsifal, Wien: mehr DeutungThomy 2017-06-05 11:57
Vielleicht hätte man wirklich jemanden schicken sollen, der zumindest was mit der Musik Wagners anfangen kann und die Komplexität der Komposition hätte erkennen können. Und der sich wenigstens auf eine Deutung dessen, was Meese da auf der Bühne inszeniert hat, eingelassen hätte. War nämlich ein guter Abend, auch, wenn ich mir von Meese noch mehr Anarchie erwartet hätte. Im Berghain gibt es übrigens genügend Toiletten, damit man nicht anstehen muss.
#2 Mondparsifal, Wien: keine AuseinandersetzungGeorg 2017-06-05 12:20
Bitte schickt doch das nächste mal jemanden, der sich a bissel auskennt mit der Musi und dem Wagner und dem Meese.
Wen man wann im Klo trifft, ist nur bedingt von Bedeutung, selbst wenn es sich um die Mutter des Künstlers handelt, selbst wenn diese Mutter im Werk des Künstlers auftaucht.
Das ist schlechter Gonzojournalismus und keine Auseinandersetzung mit dem Abend.
#3 Mondparsifal, Wien: kunstanarchische KritikersiehsteEi 2017-06-05 21:19
Is ja kein Kunst-Portal, sondern Theaterportal, da darf man kunstanarchische Kritiker schicken, die gralfremdeln, meesisch pinkeln, Wagner mit Bayreuth verwechseln und Jonathan Meese in ein quadratischpraktisches, kunsterzliches Klischee schreiben. Ich fands gerade durch den Bericht schade, nicht dabei gewesen zu sein- kann also so schlecht nicht sein der Journalismus - auseinandersetzen kann man sich ja alleine...
#4 Mondparsifal, Wien: die Toilettenfrage siehsteEi 2017-06-05 21:25
Kleine Ergänzung: Das ist prima, wenn man im Berghain nie am Klo Schlange stehen muss, weil es da genügend Toiletten gibt - die Berliner Philharmoniker sollten deshalb demnächst ihre Konzerte im Berghain geben.
#5 Mondparsifal, Wien: trashig in RampennäheSich Fragender 2017-06-08 23:21
Mag ja sein, dass das abgewetzte Kritikerauge sehr viel dankbarer ist, aber ich frage mich wirklich, wo denn da bitte die "Bilderflut" gewesen sein soll? Wie in der langweiligsten Uraltinszenierung, stehen dann halt hier auch zwei Sänger in irgendwelchen trashigen Kostümen in Rampennähe und schreien herum, während hinten ein Teddybär stranguliert wird und blöd assoziierende, mäandernde Untertitel dazu laufen. Und ein paar Sailor-Moon Mädchen, die zehn Minuten lang um eine Bast-Turm-Rakete laufen und dabei öde irgendwelche Bänder spannen, das ist für mich genau ein Bild und zwar ein nicht sehr interessantes. Spannend, warum auf den faden Quark so viele Kritiker anspringen!
#6 Mondparsifal, Berlin: Die Kunst als ChefSascha Krieger 2017-10-16 10:31
Immersion – Jonathan Meese / Bernhard Lang / Simone Young: Mondparsifal Beta 9–23
(Von einem, der auszog den „Wagnerianern des Grauens“ das „Geilstgruseln“ zu erzlehren…), Haus der Berliner Festspiele / Wiener Festwochen (Regie: Jonathan Meese)

Überschreibung ist das Grundprinzip dieser Parsifal-Be-/Um-/Über-/Ausarbeitung. Das gilt für die Musik, noch stärker jedoch für die Inszenierung. (...) Wagner als Steinbruch, als Ideengeber für Assoziationen aller Art.

Dabei sei „Richardaddy“ doch „Chef“. Aber eben im Sinne einer Kunst, pardon, „K.U.N.S.T.“, die über allem steht, über Politik, Kultur, Realität, vor allem auch dem Ich (über die Ironie, dass diese Postulate von einem veritablen Ich-Künstler wie Meese stammen, sollen andere referieren). Diese autonome Kunst steht nicht nur im Mittelpunkt des abends – sie ist der Abend. Unter dem wachsamen Blick von Meeses Mutter – ihr Gesicht blickt und vom Bühnenrand aus einem Ei-Porträt mit der Aufschrift „Siehste“ an, entwirft Meese seinen nun „tumben Tor“ als albern infantiles Spielkind. Er trägt das Kostüm des Trash-Sci-Fi-Helden Zardoz, Kundry ist später Barbarella, am Ende ist er goldgewandet als Mischung aus Nero und Sonnenkönig. Ein Sponge-Bob-PEZ-Spender ist der heilige Gral, der heilige Speer ein Blitz aus Pappe. Die Astronauten heißen Ahab (der Urkünstler, wie Meese am Mittag ausführt, sich vereinigend mit der Kunst alias Wal) und Bligh (der von der „Bounty“, bitte gern nachschlagen), es wird reichlich aus der Sci-Fi-Welt zitiert, aber auch aus TKKG, Edgar Wallace, John Sinclair oder „Fantomas“. Popkultur, Trash-Fantasy, die Welt als großer Groschenroman. Mangamädchen mit Lolita-Zitaten stehen neben den üblichen eisernen Kreuzen, im dritten teil flimmern Fritz Langs Nibelungen über die Wand. Meese, das zeigen auch seine Foyer-Installationen, ist obsessiver Materialsammler und -zusammenstückler. Nichts ist wertvoller als das andere. Trödel, billiges Spielzeug, Massenkult – all das kann, soll, muss Kunst sein.

Und dient doch letztlich nur dazu, uns zu zeigen, was Kunst sein könnte. Meta-Kunst. Wie der ganze Abend. Denn die Überscreibung geht weiter. Ständig wir kommentiert. Der Chor kommentiert den Wagner-Text („Oedipus“ singt er, während Parsifal Kundry fast auf den Leim geht), Meese kommentiert per Übertitel das „Geschehen“, identifiziert Leitmotive, schwadroniert parolenhaft über Kunst (pro) und Ideologie (anti), ergeht sich in Sprachspielen. Der Text wechselt die Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, altgriechisch) und spielt mit seiner Rezipierbarkeit. Der Künstler selbst läuft mehrfach kurz über die Bühne. alles ist Meta und weniger Kunst als deren Behauptung. Das ist gewollt. Wenn es am Ende – in Abweichung vom Original – heißt: „Erlösung von Erlösern“, ist das Programm. Parsifal ist kein solcher, er ist ein spielendes Kind, der Künstler als „Überkind“, wie es auch Wagner sei und Meese zu sein vorgibt. Meese und Lang kippen Metaebenen so lange übereinander, bis sie zu einer bunten, albernen, infantilen, spielerischen Plastik-Kunstwelt werden. In der sich die „K.U.N.S.T.“ tatsächlich emanzipiert. Vom Bedeutungszwang, von Linearität und Stringenz, von Erwartungshaltungen oder gesellschaftlicher Funktion – und am Ende von sich selbst. Das strengt an, ermüdet, nervt, unterhält (eigentlich ein No-Go für den Nicht-Unterhalter Meese) – und befreit. Nicht die Welt von Politik und Ideologie, aber den Zuschauer vom Verstehenmüssen und hin zum Assozieren, zum Seltbsterfinden, zum Fantasieren, Träumen und Herumalbern. Die Kunst als „Chef“ (Leitmotiv!), das Atelier als Kinderzimmer, die Welt als Sandkasten. Jonathan, reiche mir das Schäufelchen.

Komplette Rezension: stagescreen.wordpress.com/2017/10/16/leitmotiv-chef/
#7 Mondparsifal, Berlin: Ichzirrhosesich fragender zwoa 2017-10-19 17:45
muss gleich gestehen, nach der ersten pause gegangen, weil keine bilder, keine anarchie, schlimme kostüme; pappmaschee im raum - das war noch halbwegs aushaltbar. keine metaebene nur unterre ichzirrhose - alles worauf verwiesen wurde, hundertmal spannender als dieser bühnenunfug. wobei unfug noch schön gewesen wäre. schlimmes flötenkonzert vorm weihnachtsbaum und die tanten, die lächeln und fächeln genauso schlimm wie das arme flötenhascherl.

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