Ikonen unter Sturmhauben

von Friederike Felbeck

Essen, 15. Juni 2017. "Was würde dich dazu bringen, deinen Kaffee stehen zu lassen, raus auf die Straße zu gehen und den Aufstand zu proben?" Zu dieser Frage kehrt der Abend, der sich "Pussy Riots" nennt und das Werden und Wirken der gleichnamigen russischen Art-Aktivistinnen rekonstruiert, immer wieder zurück.

Es ist vielleicht die zentrale Frage einer mutmaßlichen Generation Y, alle zwischen 1980 und 1990 geboren, die jenseits von Neo-Biedermeier, Angepasstheit und Konkurrenz, Work-Life-Balance und der Sehnsucht nach einem anstrengungslosen Leben, wie sie es seit der Kindheit gewohnt sind, nicht so wirklich wissen, was sie aus sich machen sollen. Aber die verrückten, rauschhaften und zunächst unbedarften Aktionen der russischen Punk-Aktivistinnen Pussy Riot werden nicht von Helikopter-Eltern begutachtet und überwacht, sondern unterliegen der Willkür eines autokratischen Machtapparates. Und so wird ihnen eine Performance in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau am 21. Februar 2012 zum Verhängnis: aus 40 Sekunden Punk-Gebet wird eine Tortur aus Untersuchungshaft, Schauprozess und zwei Jahren Arbeitslager.

PussyRiots1 560 Kuester Diana u Bühne und Kostüme: Johanna Denzel © Diana Küster

Die Inszenierung der ehemaligen GRIPS-Theater-Mitarbeiterin und Regieassistentin am Schauspiel Essen Magz Barrawasser funktioniert auf mehreren Ebenen: Da sind zum einen die flashartigen Szenen, die den subversiven Quickie in der Erlöserkirche wiederbeleben. Daneben stehen Passagen, in denen der theoretische Überbau der Aktion vorgestellt wird. In Berichten, in denen sich die drei Schauspielerinnen direkt ans Publikum wenden, wird die Chronologie der Ereignisse wiedergegeben – von der Gründung, ersten Gehversuchen auf dem Roten Platz über die diffizile Namensgebung bis hin zu den Moskauer Prozessen, die die Bilder der drei jungen Frauen aus dem Gerichtssaal um die Welt gehen ließen und international Empörung und Solidarität auslösten. Die Erzählung endet mit der Amnestie und Entlassung der drei Frauen aus dem Arbeitslager. Zu kurz kommen bei dieser aufwendigen Agenda dabei die drei Frauen selbst, die wir mit ihren lila gefärbten Zöpfen, Rasta-Locken und Regenbogenhaaren wie durch ein Fernrohr anstaunen und doch nie zu fassen kriegen.

Kopfstand als Hungerstreik

Denn kaum entsteht ein Moment zwischen ihnen oder ein Teil ihrer Geschichte beginnt sich zu entblättern, prescht die Textfassung schon wieder weiter und treibt die drei Schauspielerinnen von einer Figur in die andere. Da wird dann schnell die Sturmkappe zu einem Mikrofon zusammengeknüllt oder der Hungerstreik im Arbeitslager ist ein Kopfstand (weil einem davon ja auch schwindlig wird). Katharina Leonore Goebel nutzt die Chance und überzeugt in der Rolle der Aufseherin des Arbeitslagers, in das zwei der Aktivistinnen gebracht werden.

Dann ist das puppenstubenartige Bühnenbild in fahles Licht getaucht, Silvia Weiskopf spielt eine der Aktivistinnen, wie sie im Arbeitslager ernüchtert und fassungslos die Konsequenzen einer unangemessen harten Bestrafung erduldet und dennoch immer wieder die Kraft findet, sich gegen unerträgliche Haftbedingungen – auch gegen den Willen der Mitinhaftierten – aufzulehnen. Jaëla Carlina Probst hat einen schrägen Auftritt als Inkarnation des modernen Feminismus, wie sie auf einem riesigen aufblasbaren weißen Einhorn Chips essend mit den beiden Punk-Frauen philosophiert. In einem demütigenden, zermürbenden und durch und durch ungerechten Alltag angekommen, beginnen die jungen Frauen aufzurechnen: Was sind vierzig Sekunden gegen zwei Jahre?

PussyRiots3 560 Kuester Diana uDrei Akkorde für ein Halleluja © Diana Küster

Auch wenn jede Sekunde dieser Geschichte wichtig und erzählenswert ist – "Pussy Riots" ist ein Abend der fehlenden Entscheidungen. Stark und hochgradig ansteckend ist die Inszenierung dennoch, wenn sich die drei Frauen die bunten selbstgehäkelten Sturmkappen aufziehen und die drei Akkorde in die Instrumente hauen, die schon Johnny Rotten und den Sex Pistols reichten, um eine kleine Revolution anzuzetteln.

Epilog einer Heldengeschichte

Nadeschda Tolokonnikowa, Marija Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch sind inzwischen selbst längst zu Ikonen geworden. Sie sind eine Beruhigungsspritze, eine Dauerdröhnung für unser schlechtes Gewissen, untätig und unpolitisch zu sein. Was nach ihrer Entlassung aus der Lagerhaft geworden ist, verschweigt die Inszenierung. Pussy Riot tanzen längst auf internationalem Parkett und roten Teppichen. Nadeschda Tolokonnikowa veröffentlichte das Tagebuch "Anleitung zur Revolution" – eine Art Gebrauchsanweisung für den alltäglichen Widerstand, ergänzt durch Erinnerungen an das Arbeitslager und die Aktionen von Pussy Riot. Im September 2015 trat das Trio in Banksys Vergnügungspark Dismaland auf.

Vor der US-Wahl fanden Pussy Riot dann in Donald Trump einen neuen Antagonisten: Ihr Video Make America great again ist eine bitterböse Parodie auf die Konsequenzen einer möglichen Trump-Regierung, ihren verschärften Grenzkontrollen, Abschiebehaft und Gewalt an Frauen in den Gefängnissen. Aber es könnte auch von Lady Gaga produziert worden sein. Die Sturmkappe glänzt inzwischen silbern und ist mit großen Glitzerglassteinen verziert.

 

Pussy Riots
Aufstand in drei Akkorden
(Uraufführung)
Textfassung von Magz Barrawasser und Florian Heller
Regie: Magz Barrawasser, Musikalische Leitung: Anke Wisch, Bühne und Kostüme: Johanna Denzel, Dramaturgie: Florian Heller.
Mit: Katharina Leonore Goebel, Jaëla Carlina Probst und Silvia Weiskopf.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-essen.de

 

Kritikenrundschau

"Mal laut, mal witzig, mal informativ, aber auch sehr berührend", findet Dagmar Schwalm von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (19.6.2017) diesen "bejubelten" Abend. Allein wie die Schauspielerinnen "die Klaviatur der unterschiedlichen Naturelle und Gefühle blitzschnell bedienen", findet die Kritikerin sehenswert. "Die herausgeschrienen Punksongs beherrschen sie an Gitarre und Schlagzeug ebenso. Im feinen A-cappella-Gesang überraschen sie geradezu".

 
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