Zwei Köpfe für Zürich

von Andreas Klaeui

Zürich, 21. Juni 2017. Der Verwaltungsrat der Schauspielhaus Zürich AG hat heute Nicolas Stemann (49) und Benjamin von Blomberg (39) als Intendanten für fünf Jahre, beginnend mit der Saison 2019/2020, gewählt. Die Doppelintendanz war von der Findungskommission aus einer Liste von rund 50 Persönlichkeiten ausgewählt worden. Sechs hoch qualifizierte Personen wurden eingeladen, ein Konzept für die Zukunft des Schauspielhauses einzureichen. Drei davon kamen in die engste Auswahl. Die Findungskommission hat Stemann und von Blomberg einstimmig zur Wahl vorgeschlagen.

Energie und Handwerk

"Nicolas Stemann ist mein Name." Nachdem der Verwaltungsrat und die Findungskommission die "Exzellenz" des neuen Leitungsteams Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg betont haben, und dass es sich eben um ein "Team" handele, mit gemeinsamen Erfahrungen und "gemeinsamer Energie", stellt der Regisseur Stemann sich und seine Theaterarbeiten erst einmal vor. Er betont dabei das Prozeßhafte an seinen Produktionen, das Partizipative in ihrer Herstellung – die "soziale Kunst", die Theater für ihn sein soll.

Vom "Manufakturgedanken" spricht ebenfalls Benjamin von Blomberg. Vom Dialog, mit einer "exklusiven Gruppe von Künstlern, die hier leben und sich zum Ort bekennen". Es ist ein doppelter Entscheid, den die Zürcher Findungskommission getroffen hat: für ein Markenzeichen, einen Künstlernamen, eine engagierte Ästhetik – und für eine avancierte Dramaturgie, die mehr soll, als nur dem Regisseur den Rücken freihalten.

Blomberg Benjamin von 280 Sima DehganiBenjamin von Blomberg  wurde 2012 von Kritikern zum Dramaturg des Jahres gewählt. Von 2012 bis 2015 war er Chefdramaturg am Theater Bremen, seit der Spielzeit 2015/16 in derselben Position an den Münchner Kammerspielen  ©  Sima Dehgani Stemann Nicolas 280 Sima DehganiNicolas Stemann ist seit der Spielzeit 2015/16 Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Seit diesem Jahr ist er auch Leiter des Studiengangs Master Regie an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) 
© Sima Dehgani

Der Unterschied zu München ist, dass es in Zürich mit der Gessnerallee ein Theaterhaus schon gibt, das genau die offensichtlich angestrebten performativen Formen und einen erweiterten Theaterbegriff pflegt. Es kann also nicht angehen, das Modell Kammerspiele einfach auf Zürich zu übertragen. Von Blomberg bekennt sich: er wolle nicht von den Kammerspielen weg, um sie quasi im Gepäck mitzunehmen. Natürlich gelte es, etwas Neues in Zürich zu suchen. Der Schauplatzwechsel sei also nicht ein "Schritt weg von den Kammerspielen, sondern ein Schritt auf Zürich zu", stellte der Dramaturg klar.

Ensemble divers

Interessant an der gemeinsamen Charme-Offensive ist aber vor allem zweierlei: die Rede von der fixen Künstler-Gruppe, also dem Ensemble, und dass dieses divers sein soll, sowohl was die ästhetischen Positionen, als auch was Gender und Herkunft angeht. Der starke migrantische Anteil an der Zürcher Bevölkerung "muss eine Rolle spielen"; und dass sie "bisher zwei weiße Männer sind", fänden sie auch nicht super: "Was wir vorhaben, ist hier vor Ort, lokal verwurzelt, Sachen zu machen, die entstehen aus der Auseinandersetzung mit dem Ort, mit der Stadt, und die dann aber auch aus der Stadt wieder rausstrahlen können in Form von Gastspielen, von internationalen Koproduktionen – und das scheint mir gut zu korrespondieren mit einer Mentalität hier in Zürich", sagt Nicolas Stemann im anschliessenden Interview. Er – der auch im Théâtre de Vidy Lausanne inszeniert - suche auch den Kontakt mit der Westschweiz und strebe generell mehr Koproduktionen mit andern Häusern an. Will aber auch nicht – mit Seitenhieb nach Berlin – "kuratierend durch die Lande ziehen und Gastspiele einkaufen".

Der Dampfer

Dies sind nun wohl genau die Dinge, über die Stemann und Blomberg sich in den kommenden zwei Jahren Klarheit verschaffen müssen. Das Schauspielhaus ist ein schwerfälliger Dampfer mit strukturellen Zwängen. Es ist noch nicht so lange her, dass mit Barbara Frey – der ersten und bisher also auch einzigen Frau auf dem Intendantenposten – Ruhe einkehrte. 2004 hatte die Stadt Christoph Marthaler zum Teufel gejagt, weil die neue Spielstätte im Schiffbau wesentlich mehr kostete als gedacht – ohne Schiffbau lässt sich Theater in Zürich heute aber nicht mehr vorstellen. Marthalers Weggang wurde post festum auch vielfach bedauert; die Älteren erinnern sich an den gloriosen Rausschmiss von Peter Löffler 1970 (mit Chefdramaturg Klaus Völker, dem jungen Peter Stein, und Bruno Ganz, Edith Clever, Jutta Lampe, Hanna Schygulla im Ensemble). Nach Marthaler hat der kaufmännische Direktor Andreas Spillmann als Interimsdirektor das Haus saniert und 2005 mit schwarzen Zahlen seinem Nachfolger Matthias Hartmann überlassen – welcher wiederum, nach weltläufigem Beginn, in vier Jahren zwei kaufmännische Direktoren verschliss (was anlässlich Hartmanns Burgtheater-Debakel ebenfalls zu einem Zürcher Nebengeplänkel geführt hat).

Die Ära Frey

Barbara Frey brachte die Versöhnung. Sie baute ein Ensemble auf, das sich in der Stadt zu verankern vermochte; sie suchte die enge Zusammenarbeit mit den beiden Autoren-Dramaturgen Thomas Jonigk und Lukas Bärfuss; sie holte in der Stadt bestens bekannte Regisseure wie Stefan Kaegi, Werner Düggelin, Frank Castorf, zeigte aber auch Handschriften, die in Zürich zum ersten Mal zu sehen waren, so Dušan David Pařisek, Karin Henkel oder die blutjungen Heike M. Goetze, Bastian Kraft, Daniela Löffner. Sie wolle "Menschen zusammenführen, die nicht von selbst zusammenkommen würden", hat Barbara Frey damals gesagt. In ihren eigenen Inszenierungen erwies sie, ob geglückt oder nicht, stets große Ernsthaftigkeit dem Stoff gegenüber und zeigte ihre Subtilität in der Schauspieler-Arbeit, in der Figurenfeinzeichnung. Es war ein großer Neubeginn 2009 – aber auch Barbara Frey musste sich den starren Strukturen geschlagen geben, mit der schwierigen Schiffbau-Halle kämpfen, die als Theater für jede Produktion neu gebaut werden muss und sich nicht gewinnbringend bespielen lässt. Freys Spielpläne sind defensiver geworden; der Mut des Anfangs hat sich verloren.

Nun ist Zeit für einen abermaligen Aufschwung. Ein struktureller Umsturz ist die Berufung nicht, aber für Zürichs Theater sicherlich belebend. Die Zürcher Theaterlandschaft ist im Umbruch, Zürich für Theater eher ein hartes Pflaster. Die Stadt will in der ersten Riege mittun, nur zu viel kosten darf es nicht. Da ist es gut, wenn ein offensichtlich dynamisches, offenes und sehr namhaftes Team über Strukturen nachdenkt, die in die Zukunft weisen können.

 

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