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Sag mir, wo Du stehst

von Michael Laages

Mannheim, 22. Juni 2017. Friedrich, der Namensgeber und Patron der "Schillertage" in Mannheim, spielt ja im Rahmen dieses biennalen Festivals ganz persönlich und in Schrift und Wort oft nur eine ganz kleine Nebenrolle, wie gedanklich präsent auch immer er sein mag – in "Second Exile" nun, der an den kroatischen Regisseur Oliver Frljić vergebenen Auftragsarbeit, taucht er als ziemlich ulkiges Zitat auf: Boris Koneczny, Mitstreiter im Mannheimer Ensemble für die Arbeit des kroatischen Gastes, erzählt vom Vorsprechen, das er (vielleicht so ähnlich) in frühester Nachwendezeit am Berliner Ensemble absolvierte.

Koneczny hat da den Franz Moor in Kopf und Gepäck; doch das verschnarchte Leitungs-Kollektiv (das sich nicht mal den Namen des Bewerbers merken mag) hat ganz andere, ostwestliche Fragen, um Stasi etwa und Kapitalismus … Der Bewerber hat keine vernünftige Antwort auf all das – und wird trotzdem engagiert. Oder gerade deshalb? Das ist das schön scharf überzeichnete Statement zum Finale; danach und im Beifall bedankt sich das Alter Ego des Regisseurs auf der Bühne dafür, dass das Mannheimer Ensemble all die von Frljić autoritativ verordneten Lügen so mutig und angstfrei exekutiert habe.

Und in der Tat gewinnt der kleine Abend Stärke vor allem aus Begegnung und Überschneidung – Frljić erzählt von sich, von seinem Weg der Flucht ins doppelte Exil; die Mannheimer Spielerinnen erfinden und dokumentieren höchst persönliche Familiendramen.

Second Exile Mannheim 10750 foto Christian Kleiner 560Geschichte erzählen durchs Geschichtenerzählen © Christian Kleiner

Der Regisseur, mittlerweile ein wenig über 40, hat sich in Deutschland mit ziemlich zerbrüllten Publikumsbeschimpfungen den eigenen Markt-Platz erobert; zuletzt in München, zuvor (und bald vor Jahresfrist) beim Kunstfest in Weimar. Da hatte er gerade den Schleudersitz als Intendant am kroatischen Nationaltheater in Rijeka aufgegeben und sich zum zweiten Mal ins Exil begeben – seine Geschichte zweier Fluchten steht im Zentrum und ist der Kern der Mannheimer Produktion.

1992, mitten in den jugoslawischen Erbfolgekriegen, war Frljić aus Bosnien-Herzegowina nach Kroatien geflohen – und wird im Stück zunächst von erznationalistischen Beamten des Tudjman-Staates aufs Widerwärtigste als Serbe beschimpft und erniedrigt. 2016, mittlerweile Theaterchef in Rijeka, hisst er am nationalen Feiertag der "Befreiung" die Regenbogenfahne der Schwulen, der Lesben und aller anderen sexuell Ausgegrenzten – und erntet den Empörungssturm des nationalistischen Pöbels, des erzrechten Packs in diesem Land.

Repression und Flucht

In knapp gehackten Szenen berichtet "Second Exile" von gewalttätigen Demos vor dem Haus und den Hass-Attacken der kroatischen Präsidentin; später prangt das "U" der seit Nazi-Zeiten faschistischen "Ustascha"-Bewegung überall am Theater. Regisseur und Ehefrau erhalten Morddrohungen, bei beiden wird eingebrochen. Sie geben auf und fliehen wieder, jetzt nach Deutschland.

Second Exile Mannheim 10741 foto Christian Kleiner 560Bunter Widerstand © Christian Kleiner

Das Mannheimer Ensemble kontert mit den eigenen Geschichten: Anne-Marie Lux mit einer aus Polen geflüchteten Familie, in der Mutter sich umbringen und Vater sie, die Tochter, vergewaltigen will; Hannah Müller als homosexuelle Schauspielerin, die aus dem Alltag des Engagements flieht. Linda Begonja mimt (und ist) Frljićs Ehefrau, Enes Salkovic dessen Bühnen-Inkarnation; und Boris Koneczny bewirbt sich zum Schluss am BE. Fabian Raabe schließlich markiert den Halbrechten, der zwar (angeblich) SPD wählt, ebenso angeblich aber die Art und Weise zum Kotzen findet, wie da ein kroatischer Regie-Gast deutsche Steuergelder missbraucht.

Eitelkeit als Markenzeichen

Immer wieder übrigens baut Frljić fundamentalen Widerspruch dieser Art ein; und die Selbstreflexion des Regie-Berserkers als autoritäres Arschloch ist mit nur ein bisschen zu viel eitler Pose immer Teil der Inszenierung. Das nervt mächtig, wird aber zum Markenzeichen.
Besonders interessant ist (ob sie nun stimmt oder nicht) die Geschichte von Jaques Malan, der von Waldensern und Hugenotten abstammt, die vor ewigen Zeiten ins südliche Afrika flohen; einer seiner Malan-Vorfahren hat quasi die Apartheid-Theorie von der gottgebenen Ungleichheit der Rassen erfunden. Der Schauspieler Malan trägt immer wieder ganz Afrika als schwere Last aus Pappmaché-Silhouette auf Schulter und Rücken. Er ist sozusagen der Weltmaßstab in der Geschichte des Exils, der Standard, an dem sich alles messen lassen muss.

Second Exile Mannheim 10740 foto Christian Kleiner 280© Christian Kleiner

Was Frljić weder kann noch will: konsistente Fabeln erzählen, dramatische Entwicklungen in Geschichten binden. Was er wie wenige sonst beherrscht: hingebungsvoll engagierte Schauspieler an die Grenzen des Exzesses zu treiben, sie mit bösen, groben und generell grotesken Überanstrengungen tatsächlich in Momente zu verführen, in denen Schrecken und Selbstaufgabe zu ahnen sind. Und ob das dann nur behauptet oder real ist, interessiert schon sehr bald gar nicht mehr.

Das übrigens hat er mit SIGNA gemein, dem dänisch-österreichischen Kollektiv, das gerade in Mannheim Das Heuvolk beschwört. Und gerade in diesen Formen von Exzess kann sich auch, wer mag, wiederfinden in jenen Haltungen und Positionen des Namensgebers Friedrich, die über Literatur im engeren Sinne weit hinaus weisen – dorthin, wo ein ziemlich abgenutztes Motto zu neuen Ehren kommen sollte in heutigen, schrecklichen Zeiten: dieses "Sag mir, wo Du stehst" aus dem Singeklub der Blauhemden in der DDR von damals …

Schiller zog mit Theaterstücken in die Kämpfe seiner Zeit – bei Frljić müsste jeder, müsste jede sich jenseits des "Kunstgenusses" entscheiden, auf welcher Seite der Barrikade der eigene Platz sein soll, wenn’s um "die Freiheit" geht; die Freiheit der Kunst und überhaupt.

 

Second Exile 
von Oliver Frljić und dem Ensemble  
Regie und Bühne: Oliver Frljic, Kostüme: Sandra Dekanic, Licht: Wolfgang Schüle, Dramaturgie: Marija Karaklajic, Carolin Losch.
Mit: Linda Begonja, Boris Koneczny, Anne-Marie Lux, Jacques Malan, Hannah Müller, Fabian Raabe, Enes Salkovic.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Im Rahmen unserer Reihe "Künstlerpositionen" interviewten wir vor kurzem den Regisseur Oliver Frljić. Hier geht's zum Video.

 

Kritikenrundschau

Frljic erzähle "ausufernd von seinen Flüchtlings-Erfahrungen", und das sei – "trotz aller Demütigungen in der Fremde (...) selbstbezogen und nervend – ständig ist Frljic die Hauptfigur", meint Christian Gampert auf Deutschlandfunk (Zugriff 25.6.2017). Das Ganze habe "keine Form; es klappert beim Zusammenstoppeln der Episoden erheblich." Origineller seien dann immerhin "die selbstironischen Teile der Aufführung: Frljic hat natürlich gemerkt, dass er mit seinem Flüchtlings-Theater gut Geld verdient und im deutschen Theaterbetrieb nicht nur ideologisch auf der Gewinner-Seite steht."

"Nee, bequem zurücklehnen, das geht nicht" bei den Produktionen von Oliver Frljic, befindet Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (24.6.2017). "Second Exile" sei nun "eine packende biografische Performance, in die auch die Schicksalswege der Ensemblemitglieder eingeflossen" seien. Und auch Schillers "freiheitsliebender Geist" schimmere "wie bei einem Palimpsest durch 'Second Exile', das sich trotz der schroffen Episoden zu einem packenden biografischen Mosaik" füge.

Oliver Frljic sei "frech und heftig, so kennt und mag man ihn. Das Theater im und ums Theater ist lustig – und natürlich ebenso provozierend", schreibt Ralf-Carl Langhals im Mannheimer Morgen (24.6.2017). Auch "die gelungene Heftigkeit" könne freilich "nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Abend sein bester nicht ist. Selbst wer bereit ist, bei Frljic – um den Preis verstörenden Extremspiels – keinen stringenten Abend erwarten zu wollen, wird feststellen, das es diesmal recht zusammengewürfelt zugeht." Das könne man "als performative Stärke oder dramaturgische Schwäche deuten, mit Schiller – bevor jemand fragt – hat das alles freilich nichts zu tun."

Frljics biografisch angelegter Abend "Second Exile" erzähle "erstaunlich und beeindruckend" von religiösem Wahn, der zu Fragen wie Terror und Freiheit führt, berichtet Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (26.6.2017), "mit Witz, Ironie und tieferer Bedeutung". Dass dem Regisseur der Ruf eines Provokateurs vorauseile, mache er "zuweilen erschreckend selbstquälerisch" zum Thema. Seine biografischen Miniaturen seien "voller funkelnd böser Blicke auf Leben und Kunst". Am Ende: "Kein Heil, kein Trost, keine Botschaft. Aber ein starker Schluss eines Festivals. Es zeigt, Theater hat keine Wahrheiten parat, aber Unmengen von Fragen, die sich heute in den USA, in Syrien, Südafrika, Polen, Kroatien, Deutschland stellen. Wovon wiederum die Kunst profitiert."

Einen "Theaterabend, der sich selbst immer wieder ironisch in Frage stellt" hat Jürgen Berger gesehen und schreibt in der Süddeutschen Zeitung (28.6.2017): Zu sehen seien "Geschichten der Ausgrenzung und Flucht, die sich in vielen Familien finden lassen, mit der Zeit aber so variiert werden, dass keiner mehr genau weiß, was Wahrheit und was Fiktion ist." Gewaltszenen, "ein Markenzeichen Frljićs", aber er beweise auch, "dass er auch ganz anders kann". Der Abend werde immer dann schwach, "wenn Oliver Frljić seine eigene, in Kulturkämpfe mündende Regie-Vita ins Spiel bringt", so Berger: "Man fragt sich, ob dieses Perpetuum mobile der Selbstinszenierung aufgrund von Materialabnutzung irgendwann wohl erlahmt."