Schabernack am Abgrund

von Steffen Becker

2. Juli 2017. Hermann Hesses "Steppenwolf" muss sich im Theater Heidelberg einiges gefallen lassen. Er wird auseinandergerissen, heruntergeschluckt oder achtlos weggeworfen. Anfangs blättert das Schauspieler-Quintett noch ehrfürchtig in der Suhrkamp-Ausgabe, liest sogar die ISBN-Nummer vor, doch am Ende liegen die Romanseiten zerknüllt und verstreut auf der Bühne.

Auch die Hauptfigur Harry Haller ist am Ende – schwitzend und halbnackt auf dem Boden – etwas mitgenommen von seinem Seelentrip zwischen bürgerlicher Welt und Steppenwolf-Existenz. Über die Regie von Bernadette Sonnenbichler lässt sich ebenfalls sagen, dass sie mit dem Stoff nicht zimperlich umgeht – und dass diesem das guttut.

Der Weg der Heilung innerer Zwiespalte führt über den Humor, das Lachen über sich selbst und das Ungenügen in Kultur und Gesellschaft: Hesses Steppenwolf-Fazit. Ein entsprechendes Zitat empfängt die Zuschauer auf der Theaterwand. Sonnenbichler nimmt das ernst. Sie setzt auf unerwarteten Witz.

Schmaler Grat

Zu Beginn wühlen sich die Schauspieler durch die Publikumsreihen – in Trenchcoat und bewaffnet mit den Requisiten Topfpflanze, Reisekoffer und Stehlampe. Kommt gut, sorgt für Lacher. Wer will kann die Szene auch als Bild für die entwurzelte bürgerliche Seele des Steppenwolfs lesen, die auf der Suche nach ihrem Platz ist (und erstmal auf einem schmalen Grat zwischen Eisernem Vorhang und Graben strandet). Nein, mangelnden Tiefgang kann man dem Heidelberger Steppenwolf nicht vorwerfen. Aber Sonnenbichler nutzt unterhaltsame Einfälle, um den Zuschauern über die Klippen schwer visualisierbarer Teile des Romans (und auch der Bühnenfassung) hinweg zu helfen.

Steppenwolf2 560 Annemone Taake uEin Ensemble "nur für Verrückte": Katharina Quast, Raphael Gehrmann, Sheila Eckhardt, Fabian Oehl, Marco Albrecht © Annemone Taake 

Das in den Roman eingeschobene Traktat über den Steppenwolf – mehr ein analytischer Aufsatz über den Gegensatz bürgerlicher Zwänge und ungehemmter Existenz – verarbeitet sie als Erklärvideo mit animierten Zeichnungen, eingebettet in ein New Age-Soundbett. Zusätzlich lässt die Regie den Eisernen Vorhang herunterfahren, so dass der ins Publikum verbannte Marco Albrecht (in der Rolle des Harry Haller) von seinen rezitierenden Kollegen nur die Beine sieht. Ein passendes Bild – Haller alias Steppenwolf sieht anfangs nur einen Ausschnitt, er denkt zu bipolar und fühlt sich zerrissen zwischen seiner bürgerlichen und animalisch-unangepassten Seite.

Das Bild wiederholt sich später in Form eines (echten!) Falken, der zwischen zwei Akteuren hin- und herpendelt. Da befindet sich der Steppenwolf bereits im magischen Theater und lernt etwas über die weitaus mehrdimensionalere Seele. Aber bevor er dorthin gelangt muss er sich noch verlieben, mit einer Frau schlafen (einer anderen) und eifersüchtig sein auf einen Mann, den er trotzdem küsst. Und von Goethe träumen. Diesem fühlt sich die Figur Harry Haller so nah und vertraut wie der Roman Steppenwolf deutliche Bezüge zu "Faust" hat. Haller wird wegen seines Selbstmitleids ein Einlauf verpasst und bekommt eine Goethe-Maske übergestülpt.

Ein Hingucker

Derlei könnte leicht in Klamauk ausarten. Dass es das nicht tut, verdankt die Inszenierung einer glänzend aufgelegten Katharina Quast. Sie erscheint im psychedelischen magischen Theater später auch als Mozart auf einem Minirad und verkörpert Hallers Gespielin Maria. Patent und mit der richtigen Mischung aus Witz und Mütterlichkeit (auch als Goethe). Ein echter Hingucker.

Das gilt auch für Fabian Oehl als Pablo – den Impresario des magischen Theaters, das Haller die Augen öffnen wird. Exaltiert betanzt er Mikrofone, Hallers Muse Hermine oder Haller selbst – immer ist es eine Schau. Marco Albrecht in der Hauptrolle ist vor allem in der Hingabe an Hermine groß, wenn sein Haller verletzlich und hilfesuchend ist. Dann wirkt er authentisch und berührend. Als Berserker, der seinen Weltekel auslebt, widersteht er leider nicht den leichten Weg des Abbrüllens von Text.
Steppenwolf 560 Annemone Taake uBegierde auf dem Tischdeckchen: Sheila Eckhardt (Hermine), Marco Albrecht (Harry Haller)
© Annemone Taake

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sheila Eckhardt setzt dazu den Widerpart als sein Spiegelbild Hermine. Sie überzeugt mit kühler Erotik und trägt die Last der ernsthaftesten Rolle mit Fassung. Komplettiert wird das von Regisseurin Sonnenbichler harmonisch aufeinander abgestimmte Ensemble durch Raphael Gehrmann als beobachtender Neffe von Hallers Herbergsmutter.

Das emotionale Durcheinander, das sie gemeinsam entfesseln, ist eingebettet in ein eher reduziertes Bühnenbild von David Hohmann. Vorhänge und Folien trennen die Spielorte, sind jedoch durchlässig genug, dass die Ebenen sich durch Zwischenrufe und Schattenspiele überlagern. Werden sie beiseite gezogen, geben sie den Blick frei auf eine (eher karge) bürgerliche Welt der Sessel, Radios, Stehlampen und Manuskripte. Die wird im Verlauf ordentlich ramponiert, ihre Ordnung bleibt jedoch erahnbar.

Lust auf Dummheiten

Die Inszenierung vertraut darauf, dass die Absurditäten des Stoffes, die psychedelische Stimmung insbesondere des Magischen Theater-Teils von den Schauspielern transportiert werden. Regisseurin Sonnenbichler vermeidet so einen Overkill der an Bildern ohnehin reichen Vorlage. Und hat Erfolg:  So ein bisschen Lust auf verwegene Dummheiten wie sie der Steppenwolf postuliert hat man ja schon bekommen. Aber leider, der Zug fährt und man muss noch so schrecklich bürgerliche Sachen machen wie eine Theaterkritik schreiben (so eine Scheiße!).

 

Der Steppenwolf
nach Hermann Hesse
Bühnenfassung: Joachim Lux
Regie: Bernadette Sonnenbichler; Bühne: David Hohmann; Kostüme: Tanja Kramberger; Musik: Enik; Video: Hannah Dörr; Dramaturgie: Sonja Winkel.
Mit: Sheila Eckhardt, Katharina Quast, Raphael Gehrmann, Fabian Oehl,
Marco Albrecht.
Dauer: 2:45 Stunden, eine Pause

www.theaterheidelberg.de

 

Kritikenrundschau

Volker Oesterreich sagt in der Rhein-Neckar-Zeitung (4.7.2017) der Regisseurin Bernadette Sonnenbichler eine große Zukunft voraus. Ihre Inszenierung gehöre "sicher" zu den "Höhepunkten der Saison". Schon beim ersten Auftritt flöge dem Quintett der Darsteller*innen die "Publikumssympathie" zu. Marco Albrecht spiele die Hauptrolle so versiert, "dass man ihn sich auch als Faust oder Mephisto vorstellen könnte". Sheilia Eckhardt sei eine "faszinierende Hermine, mal kokett, dann wieder geheimnisvoll erotisch". Katharina Quast strahle als Maria die "derberen Facetten der Sinnlichkeit aus". Und das Gespann Raphael Gehrmann und Fabian Oehl beherrsche die "artistischen wie auch die abgründig-gefährlichen Seiten" des stets auch humorvollen Spiels.

Über die Rebellion der 68er und ihr Ende in Anpassung und Resignation könne man höchstens noch Lachen, meine Bernadette Sonnenbichler, findet Alfred Huber im Mannheimer Morgen (4.7.2017). Ihre Einfälle seien "manchnmal grauenvoll bieder, dann wieder witzig und sensibel", jedenfalls aber "überbordend", die Laune der Spielerinnen durchweg gut, die die Zuschauer vor jeder Art Rührung bewahrten, indem sie die Rollen auf Distanz hielten.

 

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