Es ist ein Kreuz mit der Blasphemie

von Regine Müller

Marl, 29. Mai 2008. Vor knapp zwei Jahren musste sich Kevin Spacey, Chef des Londoner Old Vic harte Angriffe gefallen lassen, denn er hatte mit der englischen Erstaufführung von Arthur Millers "Resurrection blues" trotz Staraufgebots einen grandiosen Flop zu verantworten. Der große alte Robert Altman hatte als Regisseur nicht vermocht, Millers vorletztem Stück Theaterleben einzuhauchen und selbst Maximilian Schell in der Rolle des Generals Felix Barriaux hatte daran nichts ändern können. Doch schon bei der Ostküstenpremiere 2003 in Philadelphia hatte sich die Kritik ratlos die Haare gerauft und räuspernd gewagt, gewisse Einwände gegen Millers Spätwerk vorzubringen.

Ob Kevin Spacey, bei den Ruhrfestspielen Star-Stammgast und auch in diesem Jahr für das erwünschte Hollywood-Feeling zuständig, höchstselbst die Empfehlung aussprach? Jedenfalls ging nun die deutsche Erstaufführung von "Auferstehungsblues" bei den Ruhrfestspielen in der Marler Halle in Koproduktion mit dem Stuttgarter Staatstheater über die Bühne und erwies sich erneut als Rohrkrepierer. Mit höflichem Applaus nach realen zwei, gefühlten dreieinhalb Stunden zäher Polit-Komödie machte sich wohl vor allem Erleichterung Luft, die sich etliche Abwanderer schon früher verschafft hatten.

Achtung: Che-Alarm!

Das schwerfällige, revueartig aneinander montierte Geschehen spielt in einer lateinamerikanischen Bananenrepublik der Gegenwart: der hochneurotische  General Barriaux hat eine blendende Idee, wie im Land für Ruhe zu sorgen ist. Er will einen Mann, den die einen Revolutionär (Achtung: Che-Alarm!), die anderen den neuen Messias nennen, kurzerhand öffentlich kreuzigen lassen.

Und da wir im 21. Jahrhundert leben, will Pilatus, pardon Barriaux die Exklusivrechte an der Dokumentation der Kreuzigung möglichst gewinnbringend verkaufen und damit die am Boden liegende Wirtschaft wieder beleben. Ein Filmteam wird eingeflogen, das Kreuz ist schon aufgestellt, doch der Messias ist getürmt und der Dreh muss verschoben werden. Der General verguckt sich derweil in die Filmemacherin Emily und vergisst darob seine Pläne.

Desweiteren verhandeln über alles und nichts und das Messias-Problem des Generals Cousin Henri Schultz, dessen suizidale Tochter Jeannine, der Produzent Skip und ein "Jünger" namens Stanley. Vom Messias erzählt man sich, dass er aufleuchten könne und Lahme heile, vor dem Opfertod kneife er aber dann doch lieber. Jaja, die bösen Medien verramschen alles, wenn es nur Quote bringt, und Helden gibt es auch keine mehr in der Postmoderne.

Dergestalt banal buchstabiert sich Millers satirisch sein wollende Medienkritik von vorgestern und kann sich nicht entscheiden: Blasphemische Komik oder erhobener Zeigefinger? Bei blaspemischer Alberei à la Monty Pythons wollte er es nicht belassen und brach damit dem Stück das Kreuz.

Schwitzende Herren, stöckelnde Damen

Und die Regie von Claudia Bauer macht es nicht besser, sondern vergröbert Millers Holzhammer-Moral und seine leeren Typen noch ins breitbeinig Boulevardeske, Kalauernde. Vor bonbonbuntem Bergpanorama beginnt die Revue mit einer jaulenden Schmerz-Lust-Arie der mumiengleich bandagierten Jeannine (Ursula Renneke), die einen Suizidversuch nur knapp überlebte. Papa Henri ist rundherum mit Schaumstoff ausgestopft, scheint viel zu schwitzen und darf immer wieder ernste Sätze aufsagen. Doch allenthalben wird vorzugsweise gerufen statt gesprochen, was den Rest der Pointen erledigt.

Die Regie setzt stattdessen lieber auf grelle Überzeichung, hemdsärmelig outriertes Gehabe und viel Bewegung. So muss Emily als Zeichen für Zickigkeit die grünen Stöckelschuh-Füße immerzu albern nach innen verdrehen und mit den Hüften kreisen wie weiland Ingrid Steeger. Jünger Stanley (Bijan Zamani) trägt das Haar offen und macht auf verstörtes Blumenkind, Produzent Skip (Holger Kraft) gibt den öligen Medienmanager, den General spielt Elisabeth Findeis dagegen dezent harmlos.

Kurze, schmissige Musikeinlagen sollen dem Abend Struktur geben, tragen aber nur weiter zu Vergröberung und Verflachung bei.

Und was das Traurigste ist: witzig ist der Abend an keiner Stelle. Selbst das amüsierwillige Ruhrfestspiele-Pulikum kam über leises Kichern, das dann noch im Halse stecken blieb, kaum hinaus.


Auferstehungsblues
von Arthur Miller
Deutschsprachige Erstaufführung (übersetzt von Inge Greiffenhagen)
Koproduktion mit dem Staatstheater Stuttgart
Regie: Claudia Bauer, Bühne und Kostüme: Daria Kornysheva und Henrik Scheel, Musik: Ingo Günther.
Mit: Elisabeth Findeis, Sebastian Röhrle, Susana Fernandes Genebra, Holger Kraft, Bernhard Baier, Ursula Renneke, Bijan Zamani.

www.ruhrfestspiele.de
www.staatstheater-stuttgart.de

Mehr zu Claudia Bauer: Im März brachte sie am Staatstheater Stuttgart Vor der Sintflut heraus, ein Stück der Brüder Presnjakow.

Kritikenrundschau

"Welch ein Desaster!" stöhnt Kai-Uwe Brinkmann in den Ruhr Nachrichten (31.5.2008). Schon dem Drama des aus seiner Sicht "altersmüden" Arthur Miller kann er wenig abgewinnen. Doch was Miller in seiner Geschichte über Revoluzzer und Potentaten schon "plump zugehauen" habe, werde von der Regie nochmals vergröbert. Resultat für den sichtlich gebeutelten Kritiker: "ein aufgepumpter Popanz, der sich für einen Knaller hält, aber nur laue Luft verströmt. Claudia Bauers "Quassel-Revue" markiert für ihn als "Möchtegern-Groteske" den bisherigen Tiefpunkt bei den Ruhrfestspielen. "Drittklassiger Komödienstadl. 'Klimbim' ohne Lacher vom Band."



 
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