Gebt ihm mehr Platz, dem Hund!

von Andreas Jüttner

Stuttgart, 30. Mai 2008. "Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent" – das ist von Goethe, aber eindeutig von vorgestern. Zwar mögen mitunter noch heute Künstler mit ihren Kritikern hadern. Theaterpragmatiker hingegen jammern weniger darüber, dass die Kritik sie zu hart anfasst, sondern darüber, dass der Kritik in vielen Medien immer weniger Platz eingeräumt wird. So kam es zu einem seltenen Schulterschluss zwischen Kritikern und ihren Gegenübern aus den Pressestellen und Dramaturgien beim Stuttgarter Symposium "Theaterkritik heute".

Von Theaterseite aus wurden gar "Bündnispartnerschaften" beschworen beim "gemeinsamen Ziel", das Theater via Medienpräsenz im öffentlichen Diskurs zu halten. In diesen Schulterschluss grätschte erst das Schlusspodium energisch hinein: Ursula Weidenfeld, seit Mai Chefredakteurin des Wirtschaftsblatts Impulse und zuvor stellvertretende Tagesspiegel-Chefredakteurin, entsetzte sich ob der Vorstellung, Journalisten säßen mit den Personen ihrer Berichterstattung "in einem Boot". Zudem sei die klassische Rezension kaum mehr gefragt.

Online hui, Print pfui

Letzteres war genau der Punkt, der den rund 80 Teilnehmern erkennbar die meisten Bauchschmerzen bereitete. Denn dass Theater schlichtweg nicht ohne Rezensenten sein wollen, zeigte die mehrfach ungefragt vorgetragene Begeisterung für nachtkritik.de als Rettungsanker im Nebelmeer der Nichtwahrnehmung. Und angesichts der "Erweiterung der Einwegstraße Theaterkritik zur zweispurigen Fahrbahn durch die Leserkommentare und die daraus entstehenden Diskussionen" (SWR-Redakteurin Susanne Kaufmann) war man sich von Workshop-Leitern bis ins Plenum hinein einig: Als Einblick in bislang unzugängliches Geschehen andernorts und vor allem Forum für brancheninterne Diskurse, die bislang durch Terminzwänge und räumliche Distanzen unmöglich waren, hat sich die Seite als unerlässlich etabliert. Was hiermit dokumentiert wäre.

Das Hurra für den Online-Bereich ging einher mit einem großen Lamento der vertretenen Theater über die Printmedien – bemerkenswerterweise nur selten mit Anekdoten über schrumpfende Kompetenz in der Regionalkritik (so soll ein Kulturredakteur angesichts des Schriftzugs "THEBEN" bei einer Ödipus-Inszenierung gefragt haben, warum denn auf der Bühne "The Ben" stehe). Denn mehr noch als Missverständnisse durch die Presse fürchten die Theater die Nichtbeachtung. Und so drehten sich die meisten Debattenbeiträge und Fragen weniger um Rolle, Form, Funktion und Wirkung von Theaterkritik (wie der Veranstaltungstitel vermuten lassen könnte) als um die Frage: "Wie bringe ich mein Haus ins Blatt?"

Anbindung ans Wissenschaftsfeuilleton?

Wenn in dieser Hinsicht ein hoher "Leidensdruck" herrscht, wie Heidelbergs Operndirektor Bernd Feuchtner als Workshop-Leiter konstatierte, und wenn Theatertreffen-Juror Stefan Keim den vergeblich an überregionalen Feuilleton-Pforten kratzenden Pressereferenten zu großer "Frustrationstoleranz" raten muss, dann liegt das zum Teil wohl an Veränderungen im Printbereich, denen der Platz für Rezensionen zum Opfer fällt – nicht nur aus Sparzwängen, sondern auch aufgrund von Neuausrichtungen hin zum politischen oder wissenschaftlichen Feuilleton.

Bezeichnenderweise wurde aber weder von Journalisten noch von Theaterleuten eine Anbindungsmöglichkeit des Theaters an diese Formen formuliert, so dass Ursula Weidenfeld unwidersprochen den Wunsch nach Rezensionen abblocken konnte mit dem Hinweis, es sei ein Verdienst des neuen Feuilletons, dass die Bevölkerung über Bioethik debattiere. Mag ja sein. Aber gibt es zu diesem Thema keine Stücke, die gespielt werden und deren Rezensionen diese Debatte bereichern könnten?

Weitertragen eines Strahlens

Dieser für etwas Zunder sorgende Moment war allerdings schon das Ende der Veranstaltung, bei der vor allem debattiert worden war, wie Theater und Kritiker sich gegen Medientrends wieder mit den ureigenen Anliegen positionieren können – etwa durch vielfältigere Textformen wie Probenreportagen oder Portraits. Dahinter scheint die Hoffnung zu stecken, dass Theater sich durch mehr Berichterstattung wieder ins Zentrum des (ohnehin kaum noch stattfindenden) gesellschaftlichen Diskurses rücken lässt.

Dass Theater neben guter PR-Arbeit etwas leisten muss, um öffentlich und somit auch für die Presse relevant zu sein, darauf verwies nur Bernd Feuchtner in seinem Schlusspodiumsbeitrag: "Wenn Theater wirklich gut ist, dann strahlt es auch von selbst in die Gesellschaft hinein." Zweifelsohne ist Raum für Theaterkritik notwendig, um dieses Strahlen zu registrieren und weiterzutragen. Erzeugen aber kann man es dort nicht.

Symposium "Theaterkritik heute"
am 29. und 30. Mai 2008, veranstaltet von und in den Schauspielbühnen Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Theaterzeitschrift "Die deutsche Bühne" und dem Landesverband des Deutschen Bühnenvereins Baden-Württemberg

 
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