Achtung, Weltuntergang!

von Katrin Ullmann

Hamburg, 31. August 2017. "Ziemlich schlau für eine Siebenjährige", bemerkt Parsons und wankt blutüberströmt durch den Raum. Gefoltert offensichtlich und doch dabei lachend vor Ungläubigkeit. Ein "Gedankenverbrechen" hatte er im Traum begangen, Dinge gesagt, die staatswidrig waren. Denunziert wurde er von seiner eigenen Tochter. Sieben Jahre alt. Und selbst jetzt ist er noch stolz auf sie. War sie doch schon immer so begabt, so genau, geradezu geschaffen für die Riege der Gedankenpolizei in diesem totalitären Überwachungsstaat des Jahres 1984. Ausgedacht und aufgeschrieben von George Orwell 1946-48 auf einer entlegenen Hebrideninsel.

Christoph Tomanek spielt jenen einfachen Mann, der unfassbar konform geht mit diesem Regime. Hinter jeden Satz fügt er ein affirmatives "Ja", ist in seinem Eifer, seiner Erregtheit mitleiderregend, allzu menschlich. Tomanek ist aber leider auch der einzige Schauspieler, für den man in dieser Inszenierung am Hamburger Ernst Deutsch Theater Empathie entwickelt, dessen Figur lebt, deren Schicksal man verfolgt. Und die einen eine Zeit lang mitgehen lässt mit der Geschichte, die erzählt wird.

Die Dystopie ist Wirklichkeit geworden!

Die Geschichte ist düster, spielt sie doch in der totalitären Gesellschaft von "Ozeanien", in welcher der omnipräsente "Big Brother" herrscht und die Menschen bis in ihre innersten Gedanken und Gefühle manipuliert werden. Nach Erscheinen wurde Orwells Roman als antikommunistisches Pamphlet und als Attacke auf die Sowjetunion gelesen. Jetzt, seit Donald Trumps Präsidentschaft und in Zeiten von Fake News, interpretieren viele den "Großen Bruder" und das "Wahrheitsministerium" neu. In Amerika muss das Buch derzeit nachgedruckt werden.

1984.1 560 OliverFantitsch uBig Brother is watching on. © Oliver Fantitsch

Sicherlich sind Themen wie Manipulation und Unterdrückung immer – oder gerade wieder – aktuell, doch für Elias Perrig, der den Roman in einer neuen Fassung von Robert Icke und Duncan Macmillan inszeniert, sind sie die überstrapazierten Hauptargumente. Auch unsere Gegenwart ist böse. Ist überwacht, manipulativ – und vielleicht einfach nur Fake? Dass ihn diese Themen bewegen, macht Perrig deutlich. Dauernd. Bis es nach anderthalb Stunden auch der letzte verstanden hat. Warum machen wir Selfies? Sind wir nicht alle Big Data? Warum starren wir ununterbrochen auf Bildschirme? Wieso glauben wir den Nachrichten? Sprechen wir mehr mit Siri als mit echten Menschen? Wählt Amazon unsere Lektüre aus? Sind wir eigentlich noch Individuen? Zu den zentralen Ausgangsfragen dieser Inszenierung gesellen sich Tausende warnende Zeigefinger.

Da fallen regelmäßig Begriffe wie "objektive Wahrheit", werden langatmige Vorträge über Systemtreue und Ideologien geführt, da tönen wechselweise synthetisch schrille Streicher (Musik: Lukas Kiedaisch) und eine bedrohliche Kommandostimme aus dem Off, und da ist die Kamera natürlich überall (was man als Zuschauer spätestens an den ästhetisch unspezifischen Projektionen von Urtel Alfs bemerkt): "Big Brother is watching you".

Die Suche nach dem unmissverständlichen Bezug

Anstatt in die Trickkiste des Theaters zu greifen und mit Behauptungen, Auslassungen oder Überzeichnungen zu arbeiten, erfreut sich Perrig an konsistenter naturalistischer Szenerie (ganz egal ob Liebes-, Folters- und Verschwörungsszenen), dargestellt etwa von Alexander Finkenwirth, der zunächst einen system-erlahmten, später dann einen rebellisch-entflammten Winston gibt, oder von Andreas Seifert, der den Folteragenten der Gedankenpolizei O'Brien mit unterkühlter Stimme und betont schmalllippig spielt. Die Figuren sind so klischeehaft gezeichnet, dass man sich streckenweise in einem halbseidenen ZDF-Fernsehspiel wähnt, die Szenen so ungekürzt und gnadelos auserzählt, als wäre "1984" ein Stoff, der beim Publikum großräumiger Erklärung bedarf. Weilte Dramaturg Stefan Kroner während der Proben in der Sommerfrische?

Weder Petra Winterers um hellgraue Schlichtheit bemühtes Bühnenbild noch die pseudo-diskursive Rahmenhandlung noch der spielfreudige Christoph Tomanek können diesen Abend retten. Zu massiv wird Perrigs Wunsch hier Wirklichkeit, einen unmissverständlch politisch-, gesellschafts- und auch systemkritischen Gegenwartsbezug auf die Bühne zu zerren.

 

1984
von George Orwell
Bühnenfassung von Robert Icke und Duncan Macmillan
Regie: Elias Perrig, Ausstattung: Petra Winterer, Video: Urte Alfs, Musik: Lukas Kiedaisch.
Mit: Alexander Finkenwirth, Isabell Fischer, Hartmut Lange, Felix Lohrengel, Trigal Sandberger Cañas, Andreas Seifert, Luisa Taraz, Christoph Tomanek, Oliver Warsitz.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.ernst-deutsch-theater.de

 

Kritikenrundschau

Jens Büchsenmann schreibt auf ndr.de (1.9.2017), die Premiere bleibe "schon einmal unvergessen". Auf der Bühne komme es "zu einer Folterszene: Ein Zahnarztstuhl, ein Bohrer, Theaterblut". Das sei für mache Zuschauer "schwierig zu ertragen und zu brutal". Die "Schauspielerei auf der Bühne" sei so intensiv, dass ein Zuschauer "stöhnend" zusammengebrochen sei. Die Vorstellung sei unterbrochen worden, die Schauspieler seien beim Weiterspielen "fast besser, dramatischer, ernster" gewesen. "Großer Jubel am Ende." Dem kollabierten Zuschauer gehe es inzwischen besser.

Auf der Website des Hamburger Abendblatts (1.9.2017) schreibt Stefan Reckziegel, es sei ein Wagnis dieses Stück - "alles andere als leichtes Unterhaltungstheater" - auf die Bühne zu bringen. "Einige Besucher" hätten den Saal verlassen. Für einige sei die Folterszene "offenbar zu starker Tobak" gewesen. Alexander Finkenwirth nehme man "den Wandel vom nachdenklichen, dann aufsässigen und nach Folter gebrochenen Winston" durchaus ab. Luisa Taraz berühre im Verlauf auch stark. "Bis in die Nebenrollen" sei das Ensemble "stimmig besetzt". Beinahe versöhnlich klinge es, wenn die Schauspieler am Ende "über Winstons Tagebuch, sprich den Roman, und dessen Thema" reflektierten.

Monika Nellissen schreibt auf Welt.de (2.9.2017): Elias Perrig habe eine "in sich schlüssige, textgetreue Inszenierung geschaffen". Als "geschickt dramatisierenden Rahmenhandlung" dienten die Tagebucheintragungen von Winston, "einer imaginierten Figur, dessen Erleben von allen Darstellern kommentiert wird". Der Regisseur setze "bei diesem Erleben auf Effekte, die an Brutalität nichts zu wünschen übrig" ließen. Andererseits bediene er sich einer die grausige Stimmmung wieder abschwächenden "Schauerkomik". Alexander Finkenwirth spiele "leider als einziger im großen Ensemble wirklich überzeugend". Mit Ausnahme von Andreas Seifert blieben "die Mit- und Gegenspieler blass".

 

 

 

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