Wer ist das Volk?

1. September 2017. "Berlin und Gegenwind, das bedeutet eigentlich dasselbe, nicht?" sagt Volksbühnen-Intendant Chris Dercon im siebenminütigen Interview mit dem ZDF-Morgenmagazin (31.8.2017) – in dem es zunächst und vor allem um den Kulturstreit geht, den seine Ernennung als Ablöser von Frank Castorf über Berlin hinaus ausgelöst hat.

"Theater ohne Konflikte gibt es nicht, und ohne Konflikte gibt es kein Theater", zitiert Dercon dazu auch noch Heiner Müller – aus einem Brief an Castorf. Dass der in einem "Spiegel"-Interview gesagt habe, er interessiere sich nicht für ihn, Dercon, habe ihn schon getroffen – denn er interessiere sich seinerseits sehr für Castorf und glaube auch, nur über Interesse aneinander könne eine Kommunikation zustande kommen.

Bildschirmfoto 2017 09 01 um 11.16.22Chris Dercon beim ZDF-Morgenmagazin © Screenshot

Zu einer Online-Petition, in der die Revision der Personalie Dercon gefordert wird, sagt Dercon, die nehme er nicht so ernst – Petitionen gebe es heutzutage viele, in Berlin auch zur Abschaffung von Pferdekutschen. Ernst nehme er aber die Trauer um die alte Volksbühne – "25 Jahre Castorf, das ist nicht nix." Er wolle nun an die experimentelle Tradition der Volksbühne anschließen, die immer ein Ort gewesen sei, wo Risiken eingegangen wurden - und verlasse sich dabei darauf, dass es "hier in Berlin" einen "Humusboden für experimentelle Kunst" gebe, den unter anderem die anderen Berliner Theater mit ihren unterschiedlichen Traditionen gewährleisteten.

Zu seinen Plänen für die "neue Volksbühne" sagt Dercon (mehrmals): "Wir wollen ein Mehrsparten-Haus sein. Wir zeigen die Reichweite des Theaters heute." Motto der ersten Spielzeit sei – "Volksbühne, was bedeutet das? Wer ist das Volk, für das wir diese Bühne organisieren?" Wer spreche dann da? Auch interessiere ihn die Frage, was Sprechen heute eigentlich sei, ob es sich bei der Kommunikation über Facebook, Instagram, Twitter wirklich um ein Sprechen handle.

(sd)

 
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