Eingefleischter Pessimismus

von Martin Krumbholz

Duisburg, 7. September 2017. Wenn man diesen Abend in der ehemaligen Gießerei eines Stahlwerks im Duisburger Norden sieht, in Wolldecken gehüllt, denn der "Saal" ist teilweise offen und es wird zunehmend frischer, dann denkt man auch an die Figuren, die man an derselben Stätte vor zwei Jahren schon gesehen hat, beim ersten Teil der "Trilogie meiner Familie" von Luk Perceval. Denn die zwölf Schauspieler (vom Hamburger Thalia Theater) sind dieselben: Stephan Bissmeier etwa hat damals den Doktor Pascal gespielt, einen Forscher, der Stammbäume studiert und Daten erhebt, um die Menschheit neu zu erfinden; Gabriela Maria Schmeide war die Wäscherin Gervaise, Alkoholikerin.

01 Hunger Ruhrtriennale 2017 560 c Armin SmailovicEine Bergwerksliebe: Émile Zola, Luk Perceval, "Hunger. Trilogie meiner Familie 3", Ruhrtriennale 2017 © Armin Smailovic/Ruhrtriennale 2017

Das ist der Sinn des Unternehmens, Teile aus Émile Zolas 20-bändigem Roman-Zyklus "Die Rougon-Macquart" kompakt auf die aus welligen Holzbohlen bestehende Bühne (Annette Kurz) zu bringen: Kreise sollen sich schließen wie in einer langatmigen TV-Serie, unterschiedliche Erzählstränge möglichst elegant und plausibel miteinander verknüpft werden. Nur zweimal ist "Hunger" bei der Ruhrtriennale als Einzelstück zu sehen, mehrmals dagegen kann man die Trilogie "Liebe. Geld. Hunger" im Block erleben, achteinhalb Stunden mit drei Pausen.

Naturalismus, fast film noir

Stephan Bissmeier spielt nun in einer Doppelrolle den Bergwerksdirektor aus "Germinal" und den Bahnhofsvorsteher Roubaud aus "Bestie Mensch", beide als scheinbar sanfte, verhaltene bis verklemmte Typen – aber der Direktor beutet seine Arbeiter brutal aus und Roubaud begeht immerhin einen Mord aus Eifersucht. Gabriela Maria Schmeide ist in "Hunger" unter anderem als sonderbar verfremdete Figur eines Kommissars zu sehen, ein Detektiv-Engel sozusagen; ihre Gervaise aus "Liebe", dem ersten Teil, ist die Mutter der beiden Männer, die im Mittelpunkt des dritten Teils stehen, Jacques und Étienne Lantier. Étienne initiiert einen Streik der Bergleute, hält flammende Plädoyers für den "vollständigen Umsturz der alten Ordnung", aber der Streik wird durch Streikbrecher konterkariert. Jacques ist Lokomotivführer – die attraktive Maschine dient Zola als Symbol für den rasanten technischen Fortschritt –, wird Zeuge eines Mordes, verliebt sich in die Frau des Mörders, endet seinerseits als Doppelmörder.

10 Hunger Ruhrtriennale 2017 560 c Armin SmailovicStreit oder Streik? Émile Zola, Luk Perceval, "Hunger. Trilogie meiner Familie 3", Ruhrtriennale 2017 © Armin Smailovic/Ruhrtriennale 2017

"Bestie Mensch" – der Roman wurde von Jean Renoir 1938 grandios verfilmt, mit Jean Gabin in der Rolle des getriebenen Lokführers. Es ist bemerkenswert, wie nahtlos Zolas Naturalismus sich in die düstere Ästhetik eines "film noir" überführen lässt. Man lernt ja in der Schule, Zolas Denken sei von zwei Grundannahmen geprägt: dem Glauben an die Milieu-Bestimmtheit des Menschen einerseits und an die letztliche Verbesserung der Gesellschaft andererseits. Zola gilt als Linker. Doch beide Annahmen stehen auf wackligen Füßen: Nicht nur Jacques Lantier, hier gespielt von Rafael Stachowiak, ist ein fast haltloses Opfer seiner Gene; und kein Pessimismus könnte entschiedener sein als der des Autors von "Bestie Mensch". Wieder einmal kommen die Theorien eines (Hobby-)Soziologen und die Erfindungen eines Romanciers einander in die Quere.

Knirschgeräusche durch Verzahnung

Man kann den Romantitel auch als "Die Bestie im Menschen" übersetzen, aber das ändert nicht viel, es klingt nur krauser. Der Pessimismus ist greifbar und eingefleischt, wird übrigens auch persönlich adaptiert, denn der Titel "Trilogie meiner Familie" meint nicht etwa die Familie Zolas, sondern die von Luk Perceval, der aus einer flämischen Schifferfamilie stammt. Der Regisseur sieht Jacques und Étienne als zwei Seiten des Menschen, die destruktive und die konstruktive. Doch das ist ein wenig mechanisch geurteilt, und so recht plausibel will das Ganze am Ende nicht aufgehen, es bleibt, trotz allem, sonderbar abstrakt.

Sicher, das alles ist in vieler Hinsicht exzellent gemacht und die Schauspieler sind ohnehin wunderbar (neben den Genannten etwa Sebastian Rudolph als Étienne, Marie Jung als seine Freundin Catherine, Patrycia Ziolkowska als Geliebte von Jacques). So ziemlich das Schönste daran ist, wie wenig hier gebrüllt und wie zurückgenommen, fast beiläufig gesprochen wird (natürlich mit Mikroports), geradezu hörspielartig. Und dennoch ist die dramaturgische Idee diesmal stärker als der Eindruck, den der Abend in künstlerischer Hinsicht hinterlässt. Vielleicht ist die Idee auch gar nicht so gut, die permanente Verzahnung der beiden Stränge erzeugt Knirschgeräusche, als würden eben keine Fäden oder Seile (Teil des Bühnenbilds) verknüpft, sondern Metallschienen verzahnt. Die Erzählungen sind mühsam zu sortieren und entwirren. Neben der Akustik besticht das Licht. Der Abend bricht herein, den Vollmond sieht man zwar nicht, aber die Grubenlampen an den Stirnen der Spieler leuchten wie Glühwürmchen.

 

Hunger. Trilogie meiner Familie 3
Nach Émile Zola.
Bearbeitung und Regie: Luk Perceval, Bühne: Annette Kurz, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Musik: Ferdinand Försch, Sebastian Gille, Lothar Müller, Choreografische Mitarbeit: Ted Stoffer, Licht: Mark Van Denesse, Dramaturgie: Susanne Meister.
Mit Rafael Stachowiak, Maja Schöne, Patrycia Ziolkowska, Stephan Bissmeier, Sebastian Rudolph, Marie Jung, Patrick Bartsch, Tilo Werner, Oda Thormeyer, Barbara Nüsse, Gabriela Maria Schmeide, Pascal Houdus.
Dauer: zwei Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de

 

Über die ersten beiden Teile von Luk Percevals Trilogie meiner Familie hat nachtkritik.de ebenfalls berichtet. Hier geht es zu Liebe. Trilogie meiner Familie 1 und zu Geld. Trilogie meiner Familie 2.

 

Kritikenrundschau

Zolas 20-bändige, starke Buchvorlage nutze Perceval für eine kluge Montage, in der sich immer wieder Stimmungen und Ereignisse ineinander spiegeln, so Ulrike Gondorf auf dradio Kultur Fazit (7.9.2017). "Übermächtige Gewalten beherrschen das Individuum. Diese Stringenz macht 'Hunger' zum stärksten Teil der Trilogie." Und vor allem versteht man endlich, warum diese Geschichte an einem Industrieort, in der alten Gießhalle eines Stahlwerks in Duisburg, erzählt werden muss. Perceval schaffe mit seinem Ensemble aus zwölf SchauspielerInnen "erhellende und einprägsame Bilder". Percevals Konzept, mit der Sprache und dem ungebrochenen Pathos Zolas einen historischen Abstand aufrecht zu erhalten und andererseits durch eine sehr direkte, körperliche Spielweise diese Distanz wieder zu überspringen, "löst sich bei 'Hunger' restlos überzeugend ein".

Perceval weite die Perspektive fast schon metaphysisch auf die große Frage, warum es dem Menschen einfach nicht gelingt, eine bessere Welt zu schaffen, findet Dorothea Marcus im DLF (8.9.2017). Und auch wenn das Ganze manchmal an Kitsch und Pathos schramme, manches Herumgedrehe etwas zu aufgesetzt choreografiert wirke, "so bietet es doch einen großen, melancholischen Schauspielerabend".

"Vor knapp zwanzig Jahren hat Luk Perceval sich acht der elf Königsdramen William Shakespeares vorgenommen und daraus das neunstündige Theaterspektakel 'Schlachten' kompiliert, mit dem er in ganz Europa berühmt wurde." Diesen Erfolg werde er mit seiner Zola-Trilogie wohl nicht wiederholen, dafür sei diese 'Natur- und Sozialgeschichte einer Familie im zweiten Kaiserreich' zu sperrig, allen Verschlankungen und geglückten Bildfindungen des Regisseurs zum Trotz, schreibt Hubert Spiegel in der FAZ (11.9.2017)

"Perceval und seine Dramaturgin Susanne Meister haben die beiden Plots in Hochgeschwindigkeit parallel geschnitten", schreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (11.9.2017). "Als gäbe es keinen Unterschied zwischen dem Kampf gegen den gesellschaftlichen Horror und dem gegen den individuellen, schwappt auf der Bühne die Gewalt zwischen beiden Welten hin und her." Beeindruckend sei die kompromisslose Düsternis des Abends. "Eine konzentrierte Auseinandersetzung erlaubt das zweistündige, sprunghafte Best-off allerdings mit keinem der Werke."

Einen Erlebnisbericht vom "Zola-Binge-Watching" hat Elmar Krekeler für die Welt (16.09.2017) verfasst. Sieben Romane in achteinhalb Stunden? "Immersion kann ganz schön ungemütlich sein" in einem zugigen Industriedenkmal. Zu vernehmen war laut Krekeler ein "Stimmenchor, in ... eleganter Rohheit um einen Rest von Plot gestrickt". Im dritten Teil erschließt sich dem Kritiker auch Luk Percevals Montageprinzip: "Individuelles Drama und gesellschaftliche Entwicklungsgeschichte werden in Figurengruppen gespiegelt und gegeneinander geschnitten. Es geht schnell. Die Blenden sind kurz." Krekeler versteht, "dass das, was heute als Zukunft der Welterzählung gefeiert wird, die Serie, eigentlich eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, vielleicht sogar vom merkwürdig ahnungsvollen Gegenwartsdurchleuchter Zola ist". Und er jauchzt: "Immersion kann so kalt sein. Und so glücklich machen."

Trotz "kleiner inszenatorischer Schwächeanfälle" besitze die Zola-Trilogie mit "Hunger" ein "beeindruckendes Finale", berichtet Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (18.9.2017). "Ein Todesreigen und ein Kosmos, der die Erkaltung der Gesellschaft zeigt." Über Strecken lasse Perceval seine Spieler*innen allerdings "ohne erkennbaren Sinn im Kreise laufen, auch wird jetzt viel gebrüllt und pathetisch irr gestikuliert."

Eine "rabenschwarze Ernüchterung" bereite Luk Perceval seinem Publikum mit diesem Finale der Zola-Trilogie, schreibt Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (26.9.2017). Von "phänomenalen Schauspielertheater“ wird berichtet. "Mit dezentem Spiel gelingt es dem Ensemble als Ganzes zu brillieren: die explodierenden Handlungsstränge erzählen sie mit wilder Bewegung über Seile und Welle, oft stehen sie einfach da, kommentieren auch als Chor, sie gehen mit jedem Text körperlich in einen Dialog, im Vertrauen auf ihre Stimmen sind sie präsent bis zu den Haarwurzeln."

 

Kommentar schreiben