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Aber anders

von Dirk Pilz

12. September 2017. "Außer sich", ein Roman. Das erste Kapitel dieser langen Erzählung heißt "Nach Hause", der erste Satz lautet: "Ich weiß nicht, wohin es geht, alle anderen wissen es, ich nicht." Ich, das ist hier auch das Buch selbst: Andere Romane mögen wissen, wohin sie das Erzählen führt, dieser hier weiß es nicht, gottlob. Er verirrt sich in Einzelgeschichten, verliert die Figuren vorsätzlich aus dem Blick, stolpert über seine eigenen Sätze, stammelt, schreit mitunter. Ich weiß nicht, wohin es geht: Das Buch ist schon außer sich, wenn es beginnt.

Cover Salzmann Ausser sichVor dem ersten Satz steht das Personenverzeichnis, wie bei einem Theaterstück. Es listet die Romanmenschen, ordnet sie ein – und bricht die Ordnung sofort wieder auf. Alissa, Ali: "Schwester, Bruder, ich". Konstantin, Kostja: "Vater, so was wie". Nur Anton ist Anton, aber Anton ist, vermutlich, eine Erfindung von Alissa, eine Sehnsuchts-, Angst-, Spiegelfigur, auch ein Suchbild, mit dem sich die Erinnerungen und Erwartungen brechen, sich "aufeinander wie Folien" legen, und "verrutschen".

Identität ist kein Besitztum

Anton ist wie dieser Debütroman von Sasha Marianna Salzmann selbst: ein flirrendes, innerlich zerrissenes, aufreibendes Buch. Anderes war von der Dramatikerin, seit 2013 Hausautorin am Berliner Gorki Theater, nicht zu erwarten. Aber dass es derart konflikt- und widerspruchsdicht ist, dass es geradewegs aus der Gegenwart herausgeschrieben scheint, ohne sich die Nase an den Tagesaktualitäten platt zu drücken: erstaunlich.

Das zweite Kapitel ist "Ohne Zeit" überschrieben. In ihm kommt Ali in Istanbul auf dem Atatürk-Flughafen an. Sie wird von Cemal abgeholt, "der Onkel", sitzt mit ihm in seiner Wohnung, raucht, trinkt Tee, lässt ihn erzählen, "die eigene Lebensgeschichte in unterschiedlichen Varianten". Noch eine Romanfigur, die es dem Roman gleichtut: "Außer sich" zu erzählen bedeutet auch, so etwas wie einen umgrenzbaren inneren Kern, eine fest umschlossene Identität, ein gesichertes Rückzugsgebiet nicht zu haben. Das Einnehmende, Außergewöhnliche dieses Buches ist, dass es von Herkunft, Heimat, Identität nicht spricht, als wären es Besitztümer, die man verlieren, verteidigen, veräußern kann. Es sind Erzählräume, von denen man nicht weiß, nicht wissen kann, wohin sie führen. Und erzählen ist immer beides: zuhören und weiterschreiben zugleich, aufnehmen und umwandeln.

Nie naiv, unerschrocken immer

Ali ist in Istanbul, um Anton zu suchen, ihren – vermutlich – erfundenen Zwillingsbruder. Sie findet nicht ihn, sondern lauter offene, poröse Geschichten, die auch das Netzwerk ihrer eigenen Geschichte bilden. Geschichten der Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Geschichten über Judenfeindlichkeit, Krieg, Trotz, Liebe, Selbstbehauptung. "Ich weiß", sagt Ali, "das hier, das wurde mir erzählt, aber anders". Wie auch sonst. Jedes Erzählen verwandelt, und Salzmann nimmt das sehr konkret, körperlich: Aus Ali, der Frau, wird ein Mann, wahrscheinlich Anton. Eine Befreiung, eine Selbstzumutung. Das Einnehmende, Außergewöhnliche dieses Buches ist auch, dass es keine pseudopostmodernen Freiheits- und Selbstbestimmungs-, schon gar nicht seifige Selbstverwirklichungslieder singt. Naiv ist dieses Buch nie, unerschrocken immer.

Ali ist, wie Salzmann, in Wolgograd geboren, Sowjetunion. Mit den Eltern wandert sie in eine niedersächsische Kleinstadt aus, als jüdischer Kontingentflüchtling. Der Vater stirbt dort, er fällt aus dem neunten Stock vom Balkon, und die Mutter sagt: "Migration tötet". Es klang, kommentiert die Erzählerin (oder der Erzähler), wie eine Warnung: "Migration fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu." Sarkasmus kann Salzmann auch.

Das ist der Fluchtpunkt dieses Romans, mit allen Neben-, Hinter- und Großbedeutungen, die es hat, in diesem Zusammenhang von Fluchtpunkt zu sprechen: der Versuch (von Ali vor allem), "mich als mich zu denken, zu sprechen, sogar zu schreiben". Die Frage nach Zugehörigkeit verliert dabei jede salonhafte Sofagemütlichkeit. Sie ist  nicht mehr "das Problem" irgendwelcher "anderer", sondern meines, des Lesers. Es wird umso dringlicher, größer, weil Salzmann auf jede ideologische Beratschlagung verzichtet: Ich muss, ich darf mir meine Heimat-, Fremd- und Selbstzuschreibungen selbst erzählen, "aber anders".

"Bekanntschaft mit einem Gefühl"

Salzmann streut in ihre Erzählung türkische, russische, jiddische Worte und Sätze ein. Das löst bei Lesern, die diese Sprachen nicht sprechen, Verlorenheitserfahrungen aus. Aber sie werden sofort wieder kassiert, denn der Satz danach liefert fast immer die Übersetzung. Als dürften den Leser*innen irritierenden Erfahrungen nicht zugemutet werden.

So dicht, auch so einprägsam viele Romanszenen sind (sie rufen nach einer Bühnenbearbeitung) – es wirkt mitunter, als traue Salzmann ihrem Erzählen selbst nicht über den Weg. Sie hat viel zu erzählen, ja, aber sie formuliert auch vieles aus. Einmal berichtet sie, wie Kostja, der "Vater, so was wie", die "Bekanntschaft mit einem Gefühl" macht, "das für immer bleiben würde", dem Gefühl auf dem Schoß von Onkel Wasja, der "seine Hose an dem kleinen, knochigen Po des Jungen" rieb. Man weiß, was hier geschieht, man liest es mit Beklemmung, Salzmann meint dennoch das Wort Missbrauch hinschreiben zu müssen. Als gäbe es etwas falsch zu verstehen, als müsste die Beklemmung in eine Botschaftsrichtung gelenkt werden.

Aber vielleicht gehören solche Überdeutlichkeiten zu dem Versuch, diese Geschichten von Ankommen und Verlieren, von Wandlung, von außer und bei sich sein, von Aus- und Einwanderung zu formulieren. Vielleicht müssen solche Erfahrungen laut, noch lauter, erzählt werden in einer Gesellschaft, die sie nicht hören will, die jede Minderheit vor allem über ihre Andersartigkeit, über Ab- und Ausgrenzung begreift.

Kein Roman mit Migrationshintergrund

Maxi Obexer, mit der Salzmann das Neue Institut für Dramatisches Schreiben gründete, schreibt in ihrem kürzlich erschienen Romanessay "Europas längster Sommer": "Bisher kann, wer die Erfahrung der Aus- und Einwanderung macht, offiziell nicht stolz darauf sein." Den meisten Einwanderern werde, so Obexer, ihre Einwanderung vorgeschrieben: "Integriere dich!" Man erwarte von ihnen, dass sie "ganz" dazugehören zu wollen, was ihnen aber zugleich verwehrt werde. Denn der Migrationshintergrund bleibe ewig vordergründig, "wie ein vorauseilender Schatten".

Aus diesem Schatten führt "Außer sich" heraus. Es ist kein Roman mit Migrationshintergrund, auch kein postmigrantischer, keiner, der sich in eine ästhetische oder politische Nische schieben ließe. Es ist europäische Literatur aus einem Europa, das nicht an seinen Grenzen zu erkennen ist. Ein stolzes, ein mutiges, wahrscheinlich ein wegweisendes Buch.

 

Außer sich. Roman
von Sasha Marianna Salzmann
Suhrkamp, Berlin 2017, 366 Seiten, 22 Euro

Europas längster Sommer. Romanessay
von Maxi Obexer
Verbrecher Verlag, Berlin 2017, 105 Seiten, 19 Euro