Kapitalismus, ein Kinderspiel

von Sascha Westphal

Bochum, 22. September 2017. Manhattan ist ein Kinderspielplatz. Links an der Seite befindet sich ein Sandkasten in dem Bert Luppes sitzt – als einsames Kind, mit dem niemand spielen will. Dahinter erhebt sich ein Klettergerüst, auf dem sich der Musiker Benjamin Dousselaere mit seinen elektronischen Instrumenten eingerichtet hat. Schräg daneben bietet eine Art Riesenschaukel bis zu acht Personen Platz. Etwas weiter rechts erhebt sich eine halbrunde, zweireihige Tribüne mit hölzerner Rückwand, auf der die erschöpften Kinder sich ausruhen können. Vorne rechts komplettieren drei Wipppferde dieses Spielparadies, das Pierre Bokma, Elsie de Brauw und Mandela Wee Wee recht bald wie Usurpatoren einnehmen werden. Bert Luppes war zwar schon vor ihnen da. Nur interessiert das diese kleine Clique nicht. Ihnen gehört die ganze Welt, zumindest aber der Spielplatz.

Auf den ersten Blick erscheint Johan Simons' Setzung abwegig. Schließlich erzählt Don DeLillo in seinem 2003 erschienenen Roman von einem 28-Jährigen, der durch Devisen- und Aktienspekulationen zum Milliardär geworden ist und nun innerhalb eines einzigen Tages das globale Finanzsystem ins Wanken bringt. Während Eric Michael Packer in seiner weißen Stretch-Limousine im Schritttempo durch die Straßen von Manhattan fährt, skizziert DeLillo eine Welt, die kurz vor kataklysmischen Ereignissen steht. Gewaltbereite Globalisierungsgegner stürmen das NASDAQ-Gebäude und zünden in den Straßen Autoreifen an. Indessen phantasiert sich Eric Packer ein neues Zeitalter herbei. In der Zukunft, die für ihn schon begonnen hat, löst sich alles im unendlichen Strom der Informationen auf.

Der Spekulant als Spielplatz-Rabauke

Angesichts der philosophischen und politischen Implikationen von DeLillos Roman gleicht Bettina Pommers Spielplatz-Bühnenbild einer groben Vereinfachung. Und diese Vereinfachung macht sich auch Simons' Ensemble zu eigen. Pierre Bokma trägt nicht nur eine viel zu kurze Hose und einen viel zu breiten Schlips, die eher zu einem absurd herausstaffierten Kind als zu einem mächtigen Finanzhai passen. Er spricht auch noch wie ein Fünfjähriger, der im Spiel in die Rolle eines Erwachsenen schlüpft. Sein Eric Packer ist die kindliche Karikatur eines Spekulanten, also kaum mehr als ein Spielplatz-Rabauke, der allen anderen seinen Willen aufzwängt. Und der Rest zieht mit. Elsie de Brauw gibt in vier verschiedenen Rollen das kleine Mädchen, das sich, sobald die Rede auf Sex kommt (und das passiert nicht selten) auf eine kokette Weise schüchtern gibt. Indessen präsentiert sich Mandela Wee Wee, der auch gleich in mehrere Rollen schlüpft, als williger Handlanger des Spielplatz-Königs. Bert Luppes, der Packers Nemesis Benno Levin verkörpert, wahrt als ewiger Außenseiter immer etwas Distanz zu den anderen.

cosmopolis1 560 Ben van Duin uDas ist MEINS! Pierre Bokma, Bert Luppes, Elsie de Brauw © Ben van Duin

Wenn Pierre Bokmas Packer kindisch auftrumpft oder während der Ausschreitungen der Globalisierungsgegner, die von den wild im Sandkasten herum springenden und mit großen Gesten posierenden Mitgliedern des Saxofonquartetts BLINDMAN dargestellt werden, einfach nur mit weit geöffnetem Mund dasteht, überschreitet die Inszenierung tatsächlich die Grenze zum Kindischen. Eine derart simple Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen wird weder dem Roman noch den karikierten Figuren gerecht, die zwar wie Kinder ohne jede Moral, aber mit wahrhaft visionärer Energie agieren.

Das Wesen des Geldes

Es gibt allerdings auch noch ganz andere Szenen. Je länger der Abend währt, desto komplexer werden die Dialoge. Die Gespräche zwischen Packer und seinen Mitarbeitern, zu denen neben einem Währungsanalysten auch eine Oberste Theoretikerin, eine Kunsthändlerin und seine Finanzchefin gehören, entwickeln sich zu philosophischen Diskursen über das Wesen des Geldes oder die Schönheit von Zahlen. In diesen Momenten sprechen Bokma und die anderen ganz normal und legen alle kindlichen Manierismen ab.

cosmopolis3 560 Ben van Duin uEs geht um die Maus © Ben van Duin

Simons und sein Ensemble verzichten zwar wie DeLillo konsequent auf psychologische Erklärungen, aber sie gestehen ihren Figuren doch eine gewisse Emotionalität zu. In den Tränen, die Elsie de Brauw schließlich in der Rolle von Packers Ehefrau Elise weint, offenbart sich neben einem tiefen Schmerz auch eine anrührende Sehnsucht: Sie weint um einen Menschen, der in seiner Gleichgültigkeit anderen gegenüber alles Menschliche verloren hat.

Trotz dieser Momente, trotz dem immer wieder überraschenden, Kompositionen von Bach und Varèse, Mozart und Satie aufnehmenden Spiel des Saxofonquartetts zerfällt die Inszenierung in kaum miteinander zu vereinbarende Einzelteile. Natürlich hätte Simons das Potential seiner Vorlage verschenkt, wenn er die Kinderspiel-Idee bis zum Ende durchgezogen hätte. Aber zumindest wäre diese Interpretation des Romans so konsequent gewesen wie dessen Antiheld, der sich selbst und seine Welt auslöscht.

Cosmopolis
nach dem Roman von Don DeLillo in einer Fassung von Koen Tachelet
Regie: Johan Simons, Musikalische Leitung und Komposition: Eric Sleichim, Bühne: Bettina Pommer, Kostüme: An De Mol, Licht: Dennis Diels, Sounddesign: Will-Jan Pielage, Dramaturgie: Koen Tachelet, Dorothea Neweling.
Mit: Pierre Bokma, Elsie de Brauw, Mandela Wee Wee, Bert Luppes, Benjamin Dousselaere (Moog, Theremin und Live-Electronics) und BLINDMAN [sax]: Koen Maas (Sopransaxofon), Pieter Pellens (Altsaxofon), Piet Rebel (Tenorsaxofon), Raf Minten (Baritonsaxofon).
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de

 

 Kritikenrundschau

"Alles antipsychologisch auf Abstand und brechtisch brüchig: Cosmopolis könnte auch Mahagonny heißen", schreibt Andreas Wilink auf Spiegel Online (23.9.2017). Lässig beherrschten die Schauspieler*innen "ebenso Beckett'sche Entleerung wie kabarettistische Einlagen und pantomimisches Körpertheater".  Johan Simons’ reagiere mit seiner Inszenierung auf politische und soziale Ignoranz, auf "Egomanie, Despotie, Lug und Trug": DeLillos Figuren seien "im Format geschrumpft und infantilisiert mit Plastikautos, bunten Bällen und einem Bündel Plüschratten", so Wilink. "Die Allmachtphantasie und der vom Kontostand beglaubigte Wahn des Übermenschen, den die Wall Street hervorgebracht hat und nach dem Crash weiter hervorbringt, wird unter Simons' Regie umgedeutet in eine Kinderwelt. Dorthin, wo das Ich sich noch keiner Grenze bewusst ist und sich absolutistisch als Majestät begreift."

Der Abend ziehe sich mehr in die Länge als jede Stretch-Limousine, schreibt Jens Dirksen von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (25.9.2017). Dirksen kritisiert die Entscheidung die Handlung in einen Sandkasten zu verlegen. "Dieser Regieeinfall, der im oft halb-infantilen Tonfall der Schauspieler seine Fortsetzung findet, macht aus dem Roman noch kein Theaterstück." Die Musik illustriere und unterstreiche lediglich, aber sie reagiere oder konterkariere nicht.

"Durchaus sinnliches Theater mit hervorragenden Schauspielern" hat Stefan Keim von Deutschlandfunk Kultur (22.09.2017) gesehen. DeLillos Roman sei nicht psychologisch-realistisch, sondern verfremdend adaptiert und die faszinierend vielfältige Musik spiele in Simons’ "Cosmopolis" eine große Rolle. Aber im Prinzip gehe es in diesem "sehr dichten, sehr viel Konzentration fordernden Abend" darum, "Theorie zu diskutieren": Simons behandle, wie schon in anderen seiner Ruhrtriennale-Inszenierungen politische Gegenwart auf einem hohen Reflexionsniveau. Vielleicht weil es so viel zum Nachdenken gegeben habe, sei der Applaus anerkennend, nicht begeistert gewesen, so Keim.

Ein "pures Stück Diskurstheater" habe Johan Simons dem Ruhrtriennale-Publikum serviert und schließe damit seine Intendanz sympathisch uneitel und mit "beeindruckender Konsequenz" ab, schreibt Regine Müller in der taz (26.9.2017). Die "formale Künstlichkeit" in seiner Arbeit mit Nicht-Muttersprachler*innen, " gepaart mit der Infantilisierung der Figuren, könnte sehr dröge sein, und tatsächlich ziehen sich die Diskussionen um Cyberkapital, Datenströme, Gewaltzusammenhänge und den Verlust der Körperlichkeit stellenweise auch. Aber Simons’ grandiose Schauspieler verstehen es, der artifiziellen, verspielten Leichtigkeit eine enorme Eloquenz zu geben, auch eine körperliche Virtuosität, die den schneidend intelligenten Betrachtungen dann doch wieder eine erstaunliche Dringlichkeit gibt."

 

 

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