... erst Hitler, dann Thälmann, heute nichts mehr

von Frank Schlösser

Schwerin, 22. September 2017. Nun seien wir mal nicht pingelig. Auf knappe drei Kilometer kommt es nun wirklich nicht an, wenn es festzustellen gilt, welches Theater für die Uraufführung der Bühnenfassung des Romans "Vor dem Fest" zuständig ist. Eine Handvoll Leute hatte sich gestern Abend aus ihrem 800-Seelen-Dorf Fürstenwerder auf den Weg gemacht, damit sie im Foyer des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin "ihren" Autor Saša Stanišić auf ein paar Selfies treffen konnten.

Wenn die zu Hause mal tanken wollen, dann müssen sie rüberfahren nach Woldegk, und das liegt in MV. Außerdem: Auch das Eis hat sich seinerzeit nicht um spätere Landesgrenzen geschert, als es beim Abschmelzen diese Moränenlandschaft schuf, die später den Namen Uckermark bekam. Ein Nest wie dieses Fürstenwerder, das gibt's hier alle Naselang: gelegen zwischen einem großen und einem tiefen See, mit einer Garage, die heute die Kneipe ersetzt und wo das "Sterni" achtzig Cent kostet und das "Stieri" neunzig. Wo dieser Gedenkstein steht, erst für Hitler, dann für Thälmann, heute für nichts mehr. Wo alle einmal pro Sommer ein Fest feiern, weil man immer noch da ist.

vordemFest1 560 Silke Winkler uDas Annenfest mit Mähdrescher © Silke Winkler

Auf der Bühne heißt das Nest nun Fürstenfelde, das Annenfest wird gefeiert, und natürlich weiß keiner so richtig, warum das so heißt. Aber es gibt ein Feuer, und da werden auch ein paar Schweine geschlachtet, und die Nacht vor diesem Fest ist vielleicht noch besonderer als das Fest selbst, denn da kommen die alten Geschichten wieder raus aus dem "Haus der Heimat", das wird behütet von Johanna Schwermuth. Und die Malerin Ana Kranz macht sich auf, um das Bild ihres Lebens zu malen: Fürstenfelde bei Nacht.

Kosmos Fürstenfelde

Und die Anna joggt zum letzten Mal nachts durch den Wald, weil sie am Montag das tun wird, was die jungen Leute hier tun: weggehen. Und die Füchsin macht sich auf den Weg in den Hühnerstall des Ex-Briefträgers und Ex-Stasi-Spitzels (so sagen die Leute, und es reicht völlig aus, das so zu sagen) Ditzsche, von dem sie doch alle die Eier kaufen weil: zwanzig Cent das Stück sind wirklich angemessen.

Und Wilfried Schramm, früher Oberstleutnant bei den Raketenputzern, macht sich auf den Weg zum Zigarettenautomaten und weiß noch nicht, ob er sich gleich erschießt oder vorher noch eine raucht. Ach ja: Und der Fährmann ist nicht mehr dabei, der ist tot gegangen – es gehen eh mehr tot als nachkommen, das war hier schon immer so, aber es geht auch immer weiter irgendwie. Und, und, und ... aus diesen und vielen anderen "Unds" wurden Handlungen, Biografien, Zeiten und Orte gestrickt – der Kosmos Fürstenfelde.

Vollgeschissen mit alten Geschichten

Für die Bühnenfassung hat Saša Stanišić seinen Roman (Preis der Leipziger Buchmesse 2014) in die Hände der Dramaturgin Nina Steinhilber und des Regisseurs Martin Nimz gelegt, und die haben erkannt, was diese Sprache tragen kann: Sätze wie "Das schaff' ich vor dem Selbstmord zeitlich nicht mehr" offenbaren eine Poesie, die gleichzeitig gebrochen und verstärkt wird von der Alltagssprache. Sie wächst aus einem Flecken, der die Bezeichnung "Nest" in allen Facetten verdient hat: In Fürstenfelde wärmt man sich gegenseitig durch Reibung, und weder der eine Nazi noch die aus Düsseldorf zugezogene Töpferin können dieses Gleichgewicht ins Wanken bringen, das hier auf dem Humus einer natürlichen Verwahrlosung gewachsen ist: Schließlich ist so ein Nest auch immer ein bisschen vollgeschissen mit alten Geschichten von Vorkrieg, Krieg und Nachkrieg. Es vergehen an diesem langen Abend kaum zehn Sekunden ohne Text, und das, was der Roman in der Erzähl-Ebene über Fürstenfelde zu sagen hat, wird gerecht verteilt auf das "Wir" (Das Dorf) – im Programmheft als "Ensemble" bezeichnet – als Hauptrolle führt es die Besetzungsliste mit nicht weniger als 18 weiteren Rollen an, wiederum gerecht verteilt auf zwölf Schauspieler.

vordemFest2 560 Silke Winkler uInnig: Antje Trautmann, Jochen Fahr, Hannah Ehrlichmann  © Silke Winkler

Die Kostüme passen in dieses Spiel: Wenn sich die "Ichs" aus ihren Geschichten wieder zurückziehen in das "Wir", dann tragen sie raffiniert verlotterte Fellmäntel, die ebenso eine Uniform der Fürstenfelder sind wie sie die Individualität der Figuren betonen. Ergänzt und strukturiert wird diese Textfülle von Musik. Die Sopranistin Anne Steffens spielt die sehr entrückte Malerin Ana Kranz und kann es sich deshalb leisten, Lieder von Brahms, Mahler, Kjerulf und Schubert zu singen, begleitet von dem Musiker Friedemann Braun, der seinen Flügel auf der Seitenbühne aufgebaut hat, gleich vor den intensiven LED-Scheinwerfern, die gelegentlich Gewitterblitze absondern in eine ansonsten konventionell ausgeleuchtete Bühnenlandschaft.

Tatsächlich berauschend

Der Roman wurde seinerzeit von den Rezensenten auch als "Tiefenbohrung" bezeichnet, und dieser Tiefe trägt auch die Bühne Rechnung: Die Landschaft besteht aus einem Seeufer mit Polstermöbeln und Biergarnitur auf einem interessanten Modderboden. Sie ist haarscharf bis an die erste Reihe herangebaut, und wenn auf der Hinterbühne aus der Versenkung – bzw. dem tiefen See – der alte Mähdrescher hochgefahren wird, dann wird die ohnehin große Spielfläche noch einmal vergrößert, bis zu der Leinwand, die mit Bildern der Nacht in der uckermärkischen Landschaft wiederum die Bühne noch tiefer erscheinen lässt. Bis hin zur Pyrotechnik sind alle diese Theaterzutaten immer dem Text verpflichtet, nach diesem Rezept wurde ein wunderschöner, tatsächlich berauschender Abend gebraut, der über drei Stunden keinen Hänger hat und viel mehr tut als vernachlässigten Ossis den Bauch zu miezeln.

 

Vor dem Fest
nach dem Roman von Saša Stanišić
Fassung: Nina Steinhilber und Martin Nimz
Uraufführung
Inszenierung: Martin Nimz, Bühnenbild: Sebastian Hannak, Kostüme: Jutta Kreischer, Musik: Friedemann Braun.
Mit: Andreas Anke, Martin Brauer, Hannah Ehrlichmann, Jochen Fahr, Vincent Heppner, Katrin Heinrich, Flavius Hölzemann, Martin Neuhaus, Sebastian Reck, Jennifer Sabel, Anne Steffens, Antje Trautmann.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.mecklenburgisches-staatstheater.de

 

Kritikenrundschau

In der Regie von Martin Nimz nimmt das Erzählte wunderlich Gestalt an, schreibt Martin Zelt in der Schweriner Volkszeitung (25.9.2017). "Das vielfarbige Wortgemälde von Stanišić wird vielfarbiges Spiel. Die Phantasie pulsiere nun körperlich in realen wie absurden Situationen." In einer rustikalen Ortscollage von Sebastian Hannak, die Niedergang signalisiere und mit Witz das Irre, wenn eine Landmaschine aus dem See geangelt werde. Fazit: "Komik, Ironie, Melancholie, die Regie hat assoziatives Klima geschaffen. Der Autor strahlte. Was wollte das Dorf denn feiern? Sich selbst! Das Publikum machte mit."

Komik, Ironie, Melancholie, die Regie hat assoziatives Klima geschaffen. Der Autor strahlte. Was wollte das Dorf denn feiern? Sich selbst! Das Publikum machte mit. – Quelle: https://www.svz.de/17921276 ©2017

In der Regie von Martin Nimz nimmt das Erzählte wunderlich Gestalt an. Dabei kommt ans Licht, was die Keramikerin Reiff sinnbildlich an einem Raku-Gefäß ausweist: die „Brüche und Einschnitte in den Biografien“. Bei Alteingesessenen wie Zugezogenen. Beim ehemaligen NVA-Oberst, bei der jungen Frau, die fortwill, ihre Jugend gern woanders verbracht hätte, beim Ex-Briefträger mit Stasi-Verdacht, bei der Dorfchronistin, beim gewaltbereiten Trinker, der in der DDR als Unruhestifter galt, beim Schweinezüchter, der von Alaska träumt, sogar beim jungen Burschen, dem stummen Suzi, der spricht. Aber hier scheint ja im Video auch der Mond, wenn‘s donnert.

Das vielfarbige Wortgemälde von Stanišić wird vielfarbiges Spiel. Die Phantasie pulsiert nun körperlich in realen wie absurden Situationen. In einer rustikalen Ortscollage von Sebastian Hannak, die Niedergang signalisiert und mit Witz das Irre, wenn eine Landmaschine aus dem See geangelt wird, die auch als Keller im Heimathaus dient.

– Quelle: https://www.svz.de/17921276 ©2017

In der Regie von Martin Nimz nimmt das Erzählte wunderlich Gestalt an. Dabei kommt ans Licht, was die Keramikerin Reiff sinnbildlich an einem Raku-Gefäß ausweist: die „Brüche und Einschnitte in den Biografien“. Bei Alteingesessenen wie Zugezogenen. Beim ehemaligen NVA-Oberst, bei der jungen Frau, die fortwill, ihre Jugend gern woanders verbracht hätte, beim Ex-Briefträger mit Stasi-Verdacht, bei der Dorfchronistin, beim gewaltbereiten Trinker, der in der DDR als Unruhestifter galt, beim Schweinezüchter, der von Alaska träumt, sogar beim jungen Burschen, dem stummen Suzi, der spricht. Aber hier scheint ja im Video auch der Mond, wenn‘s donnert.

Das vielfarbige Wortgemälde von Stanišić wird vielfarbiges Spiel. Die Phantasie pulsiert nun körperlich in realen wie absurden Situationen. In einer rustikalen Ortscollage von Sebastian Hannak, die Niedergang signalisiert und mit Witz das Irre, wenn eine Landmaschine aus dem See geangelt wird, die auch als Keller im Heimathaus dient.

– Quelle: https://www.svz.de/17921276 ©2017
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